„Widersprüche in Wahrnehmung“ Erkannte Bielefelder Polizei Neonazi-Angriff nicht?

Die Angreifer trugen allesamt Springerstiefel und beleidigten die Familie rassistisch, die beiden Männer hatten Glatzen. Hat die Polizei einen rechtsradikalen Hintergrund zu spät erkannt? Symbolfoto: dpaDie Angreifer trugen allesamt Springerstiefel und beleidigten die Familie rassistisch, die beiden Männer hatten Glatzen. Hat die Polizei einen rechtsradikalen Hintergrund zu spät erkannt? Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Drei mutmaßliche Neonazis beschimpfen in Bielefeld eine türkische Familie rassistisch und schlagen einen 27-Jährigen krankenhausreif. Erst zwei Wochen später übernimmt der Staatsschutz die Ermittlungen. Haben die Ermittler einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund nicht erkannt? Dazu gebe es „Widersprüche in der Wahrnehmung“, sagte ein Sprecher der Polizei unserer Redaktion.

Was war passiert?

Am 19. April war die zehnköpfige Familie, sechs Frauen und vier Männer, nachts auf dem Weg von einer Familienfeier auf dem Weg zu ihrem Auto. Vor einem Parkhaus trafen sie auf drei mutmaßliche Neonazis. Die zwei Männer mit Glatzen und Springerstiefeln und ihre Begleiterin beleidigten die Familie rassistisch und griffen sie an. Ein 27-Jähriger erlitt einen Nasenbeinbruch sowie eine Kieferverletzung, seine Frau und sein Bruder wurden durch Schläge leicht verletzt.

Staatsschutz übernimmt erst im Mai

Erst Anfang Mai übernahm der Staatsschutz der Polizei, zuständig für politisch motivierte Taten, die Übermittlungen. Bis dahin ermittelt sie wegen einer „normalen Körperverletzung“, bestätigte Polizeisprecher Achim Ridder unserer Redaktion. Dabei waren die Indizien für einen fremdenfeindlichen Hintergrund offensichtlich: rassistische Beleidigungen, Glatzen, Springerstiefel. Und Polizisten hatten den Fall noch in der Nacht und vor Ort aufgenommen. Warum also die zeitliche Verzögerung?

„Widersprüche in der Wahrnehmung“

Erst durch den Anhörungsbogen des Anwalts, der den Geschädigten zugegangen war, habe die Polizei Kenntnis von den Glatzen und Springerstiefeln erhalten, sagte Polizeisprecher Achim Ridder auf Anfrage unserer Redaktion. „Danach ging der Fall sofort an den Staatsschutz.“ Nun müsse geklärt werden, ob die türkische Familie in der Nacht nichts von einem möglichen rechten Hintergrund gesagt hatte oder die Polizisten diese Information nicht aufgenommen hatten. „Da gibt es Widersprüche in der Wahrnehmung der Kollegen“, sagte Ridder. Er bestätigte unserer Redaktion lediglich, in der Tatnacht sei eine „Gruppierung“ aufgenommen worden. Alles andere müssten die Ermittlungen klären.

Polizei sucht weiterhin Zeugen

Die Polizei spricht zwar nicht explizit von Neonazis. „Doch nach den bisherigen Aussagen stellt sich das so dar“, sagte Ridder. Die Ermittlungen liefen weiterhin auf Hochtouren. „Fünf Beamten arbeiten intensiv an dem Fall.“ Weiterhin suche die Polizei nach Zeugen, denn es gebe noch „nichts Neues“, sagte Ridder.


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