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Empörung im Internet Westfalen-Blatt: Kinder nicht zu homosexueller Hochzeit lassen

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Eine freie Mitarbeiterin des Westfalen-Blattes riet in der „OWL am Sonntag“, Kinder von homosexuellen Hochzeiten fernzuhalten. Symbolfoto: dpaEine freie Mitarbeiterin des Westfalen-Blattes riet in der „OWL am Sonntag“, Kinder von homosexuellen Hochzeiten fernzuhalten. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Im Internet empören sich derzeit viele Menschen über einen Rat des Sonntagblatts „OWL am Sonntag“ des Bielefelder „Westfalen-Blattes“. Dort heißt es: Kinder sollten besser nicht an einer Schwulenhochzeit teilnehmen, um sie nicht unnötig zu verwirren.

Ein Leser hatte sich an das Blatt gewendet. Sein Bruder werde bald seinen Freund heiraten. Die sechs und acht Jahre alten Töchter des Lesers sollten als Blumenkinder teilnehmen. Der Ratsuchende findet es selbst unpassend, dass Schwule heiraten dürfen und ist unsicher, ob er seine Töchter mit zur Hochzeit nehmen sollte.

Eine freie Mitarbeiterin der Zeitung riet dem Leser am vergangenen Sonntag in ihrer Rubrik „Guter Rat am Sonntag“:

„Es ist für homosexuelle Paare sicherlich nicht einfach, eine gelungene Hochzeitsfeier zu organisieren. Aber bei allem Respekt, es muss nicht sein, sechs- und achtjährige Kinder einzuladen. Ich gebe Ihnen recht, Ihre Töchter würden durcheinandergebracht und können die Situation Erwachsener nicht richtig einschätzen. Sagen Sie Ihrem Bruder, dass Ihre Kinder nicht an der Feier teilnehmen, weil Sie nicht möchten, dass die Kinder verwirrt werden.“

Auf Twitter sind die meisten Menschen empört über diesen Rat, wenngleich es auch vereinzelt zustimmende Meinungen gibt. Viele werfen der Ratgeberin Homophobie vor.

Den Rat samt dem Echo im Internet diskutiert das „Westfalen-Blatt“ derzeit intern, sagte eine Redakteurin unserer Redaktion.

Westfalen-Blatt bezieht Stellung

Am späten Nachmittag stellte das Westfalen-Blatt eine Stellungnahme online. Darin schreibt Redaktionsleiter Ulrich Windolph, er habe Verständnis, wenn der Eindruck der Homophobie entstanden sei. Der Verlag weise diesen Verdacht aber zurück, wenngleich dieser Eindruck durch den Rat habe entstehen können. Windolph spricht von einer „journalistischen Fehlleistung“ der Ratgebenden, die die Redaktion zu verantworten habe. Der Verdacht, das Blatt empfehle generell, Kinder vor Homosexuellen zu schützen, sei „geradezu absurd“, schreibt Windolph. Es ging in dem Fall um eine konkrete Situation und nicht um eine generelle Handlungsempfehlung.


Die Stellungnahme des Westfalenblattes im Wortlaut:

Sollte die Einschätzung der Diplom-Psychologin Barbara Eggert Ihre Gefühle verletzt haben, so bedauern wir das außerordentlich. Wir bitten dafür ausdrücklich um Entschuldigung und versichern, dass uns nichts ferner lag als das. Wir haben Verständnis dafür, wenn beim Lesen insbesondere der kurzen Fassung der Kolumne „Guter Rat am Sonntag“ der Verdacht der Homophobie entstehen konnte. Das Westfalen-Blatt weist aber zugleich den Vorwurf zurück, der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit das Wort reden zu wollen.

Sehr selbstkritisch müssen wir einräumen, dass in der Kolumne so formuliert wird, dass der Text Kritik geradezu herausfordert. Das ist unzweifelhaft eine gravierende journalistische Fehlleistung, die die Redaktion in vollem Umfang zu verantworten hat. Wenn die Rede davon ist, dass die Kinder „verwirrt werden“ könnten, dann fehlt zwingend die Erklärung, woraus dies resultieren könnte – nämlich nicht aus dem Besuch einer Hochzeit zweier Männer an sich, sondern dadurch, dass den beiden Töchtern des Ratsuchenden bisher jegliche Aufklärung über Homosexualität fehlt.

Diese Entscheidung der Eltern ist sicher für sich genommen diskussionswürdig. Wir halten sie mit Blick auf das Alter der Töchter – die Mädchen sind acht und sechs Jahre alt – allerdings durchaus für legitim. Selbstredend kann das jeder Erziehungsverantwortliche für sich selbst und seine Schutzbefohlenen natürlich anders sehen und handhaben. Diese Eltern aber haben für sich so entschieden, und auf dieser Entscheidung wiederum fußt der Rat unserer Autorin.

Barbara Eggert erklärt persönlich: „Hier geht es nicht um meine Weltanschauung oder einen gesellschaftlichen Konflikt, sondern um ein ganz privates, nicht repräsentatives Problem eines verunsicherten Vaters. Ich habe ihm geschrieben, dass seine Kinder vielleicht nicht liberal genug erzogen wurden und ihm geraten, ein offenes Gespräch mit seinem Bruder zu suchen, um seinen Standpunkt zu erklären. Ich bin der Meinung, dass man alle Menschen ernst nehmen und respektieren muss, auch die, und gerade die, die anders denken als man selbst, alles andere würde mir intolerant erscheinen.“

Geradezu absurd ist vor diesem Hintergrund der Verdacht, das Westfalen-Blatt empfehle „Kinder von Homosexuellen fernzuhalten“. Dem widerspricht schon das geschilderte Ausgangsszenario seitens des Familienvaters, wonach seine beiden Töchter in gutem Kontakt zu ihrem Onkel stehen. Auch ging es im vorliegenden Fall um eine ganz konkrete Lebenssituation und nicht um eine generelle Handlungsempfehlung. Diese steht uns weder zu noch würden wir sie uns anmaßen.

Ulrich Windolph, Redaktionsleiter Westfalen-Blatt

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