Passagier berichtet über Fahrt Zugunglück in Ibbenbüren: Zurück bleiben Trümmer und Trauer

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Osnabrück. Trümmer und Trauer prägen am Montag das Bild an der Stelle, an der am Samstag eine Westfalenbahn mit einem Gülleanhänger kollidierte. Die Ermittler suchen jetzt nach der Ursache des Unglücks, bei dem zwei Menschen starben: Wie kam es zu dem Zugunfall? Und: hätte er verhindert werden können?

Der Fokus richtet sich dabei unter anderem auf den 23-jährigen Landwirt. Laut Staatsanwaltschaft Münster wurde er vernommen. So viel steht fest: Als er am Samstag gegen 11.30 Uhr den Bahnübergang befuhr, löste sich das Güllefass und blieb auf den Gleisen stehen. Die Schranken senkten sich. Mit mehr als 100 Kilometern pro Stunde näherte sich da schon die Westfalenbahn aus Osnabrück. Der Landwirt soll dem Zug entgegengerannt sein, um ihn zu warnen – vergeblich. Den nächsten Halt Laggenbeck erreichte die Westfalenbahn nicht mehr. Die Fahrt nach Rheine endete in der Katastrophe. (Hier eine Zusammenfassung des Wochenendes)

„Und überall roch es nach Gülle“

Patrick Jänsch gehörte zu den etwa 40 Gästen an Bord. Am Samstag habe er seinen Bruder in Emsbüren besuchen wollen, erzählt der Osnabrücker. „Plötzlich ging die Bahn in die Eisen. Da hat es aber auch schon gekracht. Und überall roch es nach Gülle.“ Seine Schilderungen decken sich mit den Bildern des Unglückszuges. Der Fahrerstand ist komplett zerstört, die Seite des ersten Wagens teilweise aufgerissen. Im Innern überall Gülle.

Er habe im hinteren Teil des Zuges gesessen, erzählt Jänsch und fügt an: „Zum Glück.“ Aus dem vorderen Teil habe er Schreie und Weinen gehört. Er habe nachgesehen, ob er dem Lokführer helfen könne. Zu spät. Der 41-Jährige und eine 18-jährige Passagierin überlebten die Fahrt nicht. Jänsch kam unversehrt davon – zumindest äußerlich. „Das alles zu verarbeiten, wird wohl noch einige Zeit dauern.“ Seine Fahrkarte, erzählt der Osnabrücker, habe er noch und werde sie wohl auch nicht wegwerfen.

Bedienungsfehler oder technischer Defekt?

Das Zugwrack steht mittlerweile in einer Werkstatt in Rheine. Auch den Traktor und die Reste des Güllefasses haben die Ermittler beschlagnahmt. Ein Gutachter soll die Kupplung am Traktor laut Staatsanwaltschaft Münster in Augenschein nehmen und Aufschluss darüber geben, warum sich der Anhänger löste. War es ein technischer Defekt oder ein Bedienungsfehler? Das zu klären, werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, so die Ermittler.

Der Bahnverkehr rollt derweil wieder auf der Strecke von Amsterdam nach Berlin. Kerzen, Blumensträuße und Trümmerteile erinnern an das Unglück vom Wochenende. Ein Teil der Schrankenanlage lag am Montag noch neben den Gleisen. Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes sperrten den Übergang bei Zugdurchfahrten mit einem Flatterband ab.

Keine Warnung für den Lokführer

An dieser Überquerungen sicherte eine sogenannte Halbschranke, die nur einen Teil der Fahrbahn absperrt. „Der Zug fährt über einen Einschaltkontakt. Das Blinklicht am Übergang löst aus. Nach wenigen Sekunden senken sich die Schranken. Der Zug fährt weiter über einen Ausschaltkontakt und die Schranken gehen wieder hoch“, erklärt ein Bahnsprecher die Technik. Aus Kreisen heißt es zu solchen Übergängen: Hier sehen die Lokführer häufig noch, wie sich die letzte Schranke schließt, während sie vorbeifahren“, sagt ein Kenner.

„Gesetzlich nicht vorgesehen“

Ein Sicherheitssystem, das vor möglichen Hindernissen im Gleis warnt, sei bei solchen Übergängen „gesetzlich nicht vorgesehen“, sagt der DB-Sprecher. Anders als bei Vollschranken, die die komplette Fahrbahn blockieren. Hier überprüft laut Bahn eine sogenannte Gefahrenraum-Freimeldeanlage, ob sich etwas zwischen den Schranken befindet. Im Ernstfall springen die Signale auf Rot, sodass ein sich nähernder Zug bremsen kann.

Der Vorteil der Halbschranken: Der Straßenverkehr muss nicht allzu lange warten, bis er weiter fahren darf. Im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren wurde dieser Vorteil der Westfalenbahn zum Verhängnis.

Der Samstag zum Nachlesen auf noz.de.


Nach Angaben der Deutschen Bahn gibt es deutschlandweit mehr als 18.000 Bahnübergänge. Über 60 Prozent davon sollen technisch gesichert sein – circa 20 Prozent mit Schranken, rund 70 Prozent mit Halb- bzw.signalabhängigen Schranken sowie 10 Prozent mit Blinklicht- oder Lichtzeichen.

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