Nische am Niederrhein Mönchengladbach lebt von seinem Mythos

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Alte Heimat: Gerd Müller (l.) und Jupp Heynckes 1965 im Bökelbergstadion. Foto: dpaAlte Heimat: Gerd Müller (l.) und Jupp Heynckes 1965 im Bökelbergstadion. Foto: dpa

fpf Mönchengladbach. Im Viertelfinale des DFB-Pokals trifft Arminia Bielefeld an diesem Mittwoch auf Borussia Mönchengladbach. Der Traditionsverein vom Niederrhein ist der identitätsstiftende Überbau einer zerrissenen Stadt. Ein Rundgang.

Der Andrang ist dann doch überschaubar. 500 Menschen versammeln sich am Eröffnungstag vor dem „Minto“, dem neuen Einkaufszentrum im Herzen der Stadt. Hans Wilhelm Reiners hat mehr Kunden erwartet, bevor er das rote Band am Eingang der Shopping Mall feierlich durchtrennt, aber er lässt sich seine Laune nicht verderben. So verläuft eben alles in geordneten Bahnen, sagt Mönchengladbachs Oberbürgermeister, während sich die ersten neugierigen Besucher vorsichtig an den modernen Konsumtempel herantasten.

Minto – das ist Gladbacher Mundart und heißt etwa so viel wie „meins“. Eine Jury hatte den Namen aus 2.000 Vorschlägen ausgewählt; er sei „ein schöner lokaler Bezug“ für das neue Center.

Wenige Tage vor der Einweihung speist ein älterer Mann im Borussia-Park, dem Stadion des heimischen Fußballclubs , zu Mittag. Das Minto sei nicht so seins, grummelt er und schiebt die Erklärung direkt hinterher: „Da bleiben einige auf der Strecke.“ Er sieht Gefahren für die eingesessenen Einzelhändler im Schatten des Einkaufszentrums, da kann Oberbürgermeister Reiners noch so oft herausstellen, das Unternehmensansiedlungen „wichtig für eine Stadt“ seien. „In zwei Jahren“, sagt der Rentner, „wird es drum herum ziemlich traurig aussehen.“

Rhe’er und Gladbacher

Die Auseinandersetzungen über die wirtschaftlichen Umwälzungen in der Innenstadt stehen sinnbildlich für eine gewisse Zerrissenheit Mönchengladbachs, der mit rund 262.000 Einwohnern größten Stadt am linken Niederrhein. Identitätsstiftend ist allein die Borussia, schon eher Mythos als nur Traditionsverein.

In den Siebzigerjahren ist Franz Josef Wirtz mit der legendären Fohlen-Elf zu allen internationalen Auswärtsbegegnungen gereist. Mailand, Madrid, Manchester. Wirtz ist Stadtführer und ein „Rhe’er Jung“, darauf legt der 68-Jährige wert, er stammt also aus Rheydt. Im Zuge der Gebietsreform, die sich zugetragen hat, als Wirtz beinahe jede Mark in die Europapokalfahrten seiner Borussia steckte, wurde der Stadtteil mit Gladbach und der Gemeinde Wickrath zusammengelegt – unter einigem Protest, was sich bis heute im Stadtbild zeigt. Gladbach und Rheydt haben zwei Fußgängerzonen, sie leisten sich jeweils einen Hauptbahnhof. Sie haben sogar unterschiedliche Vorwahlen.

Der Bahnhof in Rheydt hat seine Blütezeit längst hinter sich. Stadtführer Wirtz hält ihn für einen „Schandfleck“. In der Tat hat Rheydt schönere Ecken zu bieten, etwa den Marktplatz mit seinen Granitplatten und der historischen, fein restaurierten evangelischen Hauptkirche.

Politisches Zeichen

Wenige Meter weiter an der Odenkirchener Straße steht das Geburtshaus desjenigen, der nicht nur für 2.000 zerstörte Synagogen Mitverantwortung trägt, sondern auch für zig Millionen Tote: Joseph Goebbels. Der Künstler Gregor Schneider ist in Sichtweite des unscheinbaren Gebäudes aufgewachsen. 2013 hat er das Haus, den „projizierten Täterort“, gekauft, um es „abzutragen“. Weil sich kein deutsches Museum fand, schaffte Schneider den Bauschutt aus dem Inneren des Gebäudes vor die Nationale Kunstgalerie in Warschau. Er sieht seine Aktion auch als politische Stellungnahme.

Zeichen wie jene des Künstlers Schneider sind in Mönchengladbach wichtiger denn je. Im Stadtrat sitzen NPD und Pro NRW; ein, zwei Mal im Jahr marschieren Neonazis in der Altstadt auf. Als im Februar vorigen Jahres der radikale Salafistenprediger Pierre Vogel in der City auftrat, mischten sich 150 Neonazis unter die Gegendemonstranten – der Auftakt der rechtsextremen Randaleveranstaltungen der „Hooligans gegen Salafisten“ .

Gerade weil Goebbels‘ Haus über Jahrzehnte kaum wahrgenommen wurde, ist die Odenkirchener Straße eine feste Anlaufstelle auf Wirtz‘ Touren. „Gehört eben zur Stadt“, sagt er. Wer Goebbels jedoch für den bekanntesten Abkömmling Mönchengladbachs hält, vergisst andere einflussreiche Persönlichkeiten: die Kunsthändlerin Johanna, bekannt als „Mutter“ Ey, den Ingenieur Hugo Junkers, den Tierfilmer Heinz Sielmann, den Kicker Günter Netzer oder den Philosophen Hans Jonas.

Textilien aus „Lappland“

Jonas kam 1903 als Sohn eines Textilfabrikanten auf die Welt. In seiner Kindheit entstand nur einen Steinwurf von seinem Elternhaus entfernt das heimliche Wahrzeichen Gladbachs: der 50 Meter hohe Wasserturm. Gleich in der Nähe thront ein weiteres repräsentatives Jugendstilgebäude über der Stadt: die Kaiser-Friedrich-Halle, „unsere gute Stube“, wie Stadtführer Wirtz sie nennt.

Hinter dem Prachtbau mit seinem „Bunten Garten“, einem der vielen Parks der Stadt, erstreckt sich „Lappland“. Am Fuße des Bökelbergs, da wo die Borussia früher ihre Heimspiele ausgetragen hat und heute imposante Villen stehen, liegt das ehemalige Arbeiterviertel Eicken. Einst reihten sich hier Textilfabriken aneinander; der Stadtteil hängt eng mit dem industriellen Aufstieg Mönchengladbachs zusammen, aber auch mit seinem Niedergang durch den Strukturwandel , der Mitte des vorigen Jahrhunderts eingesetzt hat. In den Sechzigerjahren zählte Gladbach 30.000 Arbeitslose. „Das hat damals nur niemanden interessiert“, sagt Stadtsprecher Dirk Rütten bitter lächelnd, anders als in den Zechen im Ruhrgebiet „waren hier ja fast nur Frauen am Werk“.

Auch wegen der vielen abgebrochenen Erwerbsbiografien drücken die Stadt hohe Lasten. Der Abzug der britischen Truppen aus dem Hauptquartier in Rheindahlen verursachte einen immensen Kaufkraftverlust. „Wir sind bettelarm“, sagt Ruetten. Er zeigt sich trotzdem zuversichtlich, zumal engagierte Menschen den Faden wieder aufgenommen haben: etwa an der Modeschule oder im Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein.

Zweite Geige im Rheinland

Gesellschaftlich hat die Stadt eine Welle der Solidarität erlebt, als zuletzt 1.400 Flüchtlinge Hilfe suchten. Politisch läuft einiges wieder zuverlässiger, seit Oberbürgermeister Reiners, ein Christdemokrat, mit der Großen Koalition eine stabile Mehrheit im Rücken weiß. Es scheint, als sei im katholischen Gladbach ohne die CDU keine Politik zu machen. Was die Identität, das Wir-Gefühl angeht, sind jedoch auch sie manchmal ratlos.

Reiners hat die „Pessimisten und kritischen Mahner“ bereits als Redakteur bei der „Rheinischen Post“ kennengelernt. Urbane Lebensqualität hänge „in hohem Maße davon ab, wie sich die Menschen – in großen wie in kleinen Dingen – einbringen und zur Verbesserung ihres Viertels beitragen“, erinnert er. „Es ist so’ne Mentalität in Gladbach, erst mal alles schlecht zu reden“, sagt Stadtführer Wirtz, „dabei muss man doch nach vorne schauen.“

Im Angesicht des Abteibergs mit dem gleichnamigen Museum mag man noch eine andere Erkenntnis gewinnen: dass Mönchengladbach seine Gegensätze zu schätzen weiß – und neben den Metropolen Düsseldorf und Köln eine Nische ausfüllt. Stadtsprecher Rütten drückt es so aus: „Wir spielen oft die zweite Geige, die aber gut.“


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