Misslungene Rückenoperationen Patienten zum Pflegefall operiert? Klagen gegen Chirurgen


Neuenhaus. Ein mittlerweile verstorbener Neurochirurg aus dem Kreis Steinfurt könnte reihenweise Patienten zum Pflegefall operiert haben. Die betroffenen Patienten kämpfen seit Jahren um ihr Recht. 23 Verfahren sind oder waren am Landgericht Münster anhängig. Es könnten noch mehr werden.

Früher ist Cornelia Hödtke geritten. Das Bild hinter ihr im Regal zeugt davon. Aufrecht sitzt sie darauf im Sattel des Pferdes und lacht in die Kamera. Es ist dieselbe Person, die jetzt im Rollstuhl am Tisch sitzt und mit krächzender Stimme erzählt, wie sie zum Pflegefall wurde. Sie erzählt ihre Geschichte, die so oder so ähnlich auch die Geschichte Dutzender anderer Patienten sein könnte, die sich von einem alkoholkranken Arzt in Ibbenbüren operieren ließen. Es ist auch die Geschichte eines Krankenhauses, das – wenn es von den Komplikationen und der Sucht wusste – lange Zeit nicht eingeschritten ist. Und eines Rechtssystems, das aus Patientensicht damit überfordert ist, Gerechtigkeit zu sprechen. Es sind viele Geschichten. Doch zusammengenommen könnten sie sich zu einem einzigen großen Skandal verdichten.

„Wissen Sie, ich steigere mich da so rein“

Cornelia Hödtke blättert mit der einen Hand, die noch richtig funktioniert, in den Unterlagen. Es sind Dokumente ihrer Operation und dessen, was danach kam: Anwaltsschreiben. Erwiderungen. Gerichtsunterlagen „Wissen Sie, ich steigere mich da so rein“, sagt die Frau aus Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim. Was sie zwischen den Seiten sucht, ist die Antwort auf die Frage nach dem Warum. Warum ihr bisheriges Leben zerstört wurde. Warum aus ihrer Sicht niemand Recht spricht, obwohl ihr diese für sie unfassbare Ungerechtigkeit widerfahren ist.

Wüste Beschimpfungen

Seit Jahren blättert die dreifache Mutter, ohne dabei fündig zu werden. Sie sucht auch im Internet. Auf der Facebook-Seite des Klinikums Ibbenbüren stehen wüste Beschimpfungen. Von „Schlachtern“ ist da die Rede. Geschrieben hat das Cornelia Hödtke. Diese kleine Person, die jetzt schief in ihrem Rollstuhl sitzt, weil sie eine Körperhälfte nicht mehr benutzen kann. Deren Stimme immer wieder wegbricht, weil bei der Operation nicht nur das Rückenmark, sondern auch die Stimmbänder geschädigt wurden. Die Worte sind Ausdruck ihrer Verzweiflung. Ob sie nicht Angst habe, wegen übler Nachrede belangt zu werden? „Sollen sie doch“, sagt Hoedtke und zuckt mit einer Schulter. Die andere gehorcht ihr nicht mehr.

„Viel Wirbel um Wirbel“

Während sie erzählt, entdeckt sie in den Unterlagen einen Werbeprospekt. Darauf zu sehen ist der Mann, dem sie sich im Jahr 2011 anvertraute: Dr. P. „Viel Wirbel im Wirbel“ beginnt der Text und erwähnt schnell die Tausenden Operationen, die der Neurochirurg absolviert habe. Auf dem Foto der Prospektseite sieht der Mann für Cornelia Hödtke wie jemand aus, dem man vertrauen, in dessen Hände man sich begeben kann.

Zitternde Hände

Doch diese Hände sollen gezittert haben. Das zumindest behauptet ein weiterer Patient aus Ibbenbüren aus seiner Erinnerung an ein Gespräch mit dem Arzt. Mit Rückenproblemen hatte er sich an Dr. P. gewendet. Genauso wie Cornelia Hödtke. Seit 2008 war P. leitender Arzt am Wirbelsäulenzentrum Ibbenbüren. So steht es auf dem nach wie vor vorhandenen Xing-Karriereprofil des Mediziners. Seine Patienten, die sich heute als Opfer des Arztes sehen, erzählen , Dr. P. habe nicht lange gefackelt und sofort eine Operation ins Spiel gebracht, die gegen die Schmerzen helfen sollte. Das überzeugte den Mann aus Ibbenbüren. Und trotz der zitternden Hände ließ er sich von Dr. P. operieren. Heute sieht sich der Westfale als ein weiteres Opfer des Operateurs. Er könne kaum noch ohne Schmerzen stehen und seinen Alltag nur unter Medikamenten meistern. Es klingt bitter. Bitter wie die Geschichte weiterer Patienten. Es sind Leidensgeschichten, in denen der Arzt aus Ibbenbüren die Hauptrolle spielt, weil die betroffenen Patienten ihn für ihr Schicksal verantwortlich machen.

Arzt 2013 verstorben

Doch welche Rolle spielte dessen Alkoholproblem bei den Operationen, die die Patienten als verpfuscht ansehen? Ob sich diese Frage jemals klären lässt, ist unklar. Der Chirurg selbst kann darauf keine Antwort mehr geben. Er ist 2013 gestorben. Strafrechtlich musste er sich nie verantworten. Ein Verfahren wegen Körperverletzung hatte die Staatsanwaltschaft Münster im Fall Cornelia Hödtke ihrer Aussage nach eingestellt. Nachdem ein Gutachter auf Basis der Krankenakte festgestellt habe, dass solche Komplikationen auftreten können.

„Bis auf Weiteres erkrankt“

Unberücksichtigt sei dabei geblieben, dass solche Komplikationen bei Dr. P. gehäuft aufgetreten seien, beklagt die dreifache Mutter aus Neuenhaus. Keine Rolle habe auch gespielt, dass P. kurz nach ihrer Operation nicht mehr an dem Krankenhaus tätig gewesen sei. „Bis auf Weiteres erkrankt“, heißt es über den Verbleib des Mediziners in der Krankenakte der Grafschafterin.

Psychiatrieaufenthalt

Wusste das Klinikum Ibbenbüren, an dem P. als Belegarzt operierte, von den Alkoholproblemen? Darauf könnte ein Schreiben der Psychiatrie Lengerich an den Krankenhausdirektor in Ibbenbüren hindeuten. Darin steht, dass P. vom 16. bis zum 31. Juli 2009 stationär behandelt worden ist. Er gelte wieder als arbeitsfähig, könne wieder als Neurochirurg arbeiten, schreibt der ärztliche Direktor der Psychiatrie, empfiehlt allerdings eine regelmäßige Kontrolle auf Alkoholmissbrauch.

Ein Gastwirt berichtet

Das Schreiben stammt aus dem Jahr 2009. Die ersten Zivilklagen gegen den Mediziner am Landgericht Münster ebenfalls. Damit stellt sich die Frage, ob der Chirurg auch dann operiert haben könnte, als er dazu nicht in der Lage war. Ein Gastwirt aus Ibbenbüren berichtet, zu dieser Zeit habe der Neurochirurg am Feierabend regelmäßig die Kneipen der kleinen Stadt aufgesucht. Später am Abend sei er wieder hinausgetorkelt.

Patientin aus dem Emsland

Kurz nach seiner Rückkehr aus der Psychiatrie stand P. erneut am OP-Tisch. Aus dieser Phase berichtete eine Patientin aus Haren im Emsland unserer Redaktion. Auch sie hätten Rückenschmerzen geplagt. Dr. P. habe ihr zu einer Operation geraten, die vollkommen misslungen sei.

Zur Reha im Rollstuhl

Etwa ein Jahr saß die Emsländerin nach dem Eingriff im Rollstuhl. Mittlerweile kann sie wieder an Krücken laufen, immerhin. In Krankenakten anderer Patienten aus dieser Zeit soll P. notiert haben, sie seien gehfähig entlassen. Tatsächlich aber sollen dieselben Patienten ihre Reha-Behandlung im Rollstuhl angetreten haben. Das erzählt der Osnabrücker Medizinrechtsanwalt Heinz-Peter Fabian. Er vertritt zwei Opfer von P.

„Wir sind durch die Hölle gegangen“

Die Anhäufungen von Komplikationen setzte sich fort. Die Ursachensuche gestaltet sich schwierig. Personen aus dem Umfeld der Klinik wollen unerkannt bleiben, wenn sie über diese Zeit reden. Einige sind den Tränen nahe, wenn sie auf das Wirken des Mediziners angesprochen werden. „Wir sind durch die Hölle gegangen“, sagen Mitarbeiter. Warum? Darüber will niemand sprechen.

23 Zivilverfahren

Die ehemaligen Patienten sehen sich auch heute noch durch die „Hölle“ gehen. Sofern sie überhaupt noch gehen können. Insgesamt 23 zivilrechtliche Verfahren gegen Dr. P. sind oder waren am Landgericht Münster anhängig, teilt ein Sprecher mit. Die juristischen Auseinandersetzungen ziehen und zogen sich zum Teil über Jahre hin. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Auf Beschwerden nicht reagiert

Erst im vergangenen Dezember endete ein Rechtsstreit im Fall der Patientin aus Haren mit einem Vergleich zwischen ihrer Krankenkasse und der Haftpflichtversicherung des Arztes – mehrere Jahre nach der Operation. Ein Gutachter hatte festgestellt, dass der Operationsfehler durchaus passieren kann. Es sei aber das Verschulden von Dr. P. gewesen, dass er nicht auf die Patientin reagiert habe. Die habe nach der OP von starken Schmerzen und Lähmungserscheinungen berichtet. Dr. P. entließ sie dennoch als rehafähig. Als sein Fehler entdeckt wurde, war bereits alles zu spät.

20.000 Euro für Versicherung

Nun bekommt die AOK von der Versicherung 20000 Euro. Die Patientin aber hat bis heute keinen Cent gesehen. Weil sie zum Zeitpunkt der Operation nicht rechtsschutzversichert gewesen sei, habe sie aus Angst vor den unkalkulierbaren Kosten zunächst nicht geklagt, sagt sie. Jetzt hat die Emsländerin den Mut gefasst und will Schmerzensgeld für das erlittene Leid einklagen. Der Anwalt, der ihre Krankenkasse vertrat, soll dafür sorgen.

„Solche Fehler passieren. Aber nicht in dieser Häufigkeit“

Das wäre dann Verfahren Nummer 24 in Münster. Doch es gibt noch weit mehr Patienten, die sich als Opfer sehen: Ein Schmerzmediziner berichtet, er habe nahezu 40 ehemalige Patienten P.s in Behandlung. Allesamt mit dem gleichen Problem: Nervenwurzeln sind in Narbengewebe eingewachsen. Die Menschen seien dauerhaft geschädigt, so der Arzt. Ohne Hoffnung auf Besserung oder gar Heilung. „Solche Fehler passieren. Aber nicht in dieser Häufigkeit“, lautet seine Einschätzung. Den Menschen sei die Lebensqualität genommen worden. Das Einzige, was er machen könne, sei die Schmerzen mit Medikamenten auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Krankenhaus will sich nicht äußern

Hätte die Häufung an Komplikationen auffallen müssen? Ist möglicherweise nicht rechtzeitig eingeschritten worden? Auf Nachfrage unserer Redaktion teilt die Klinik-Geschäftsführung in Ibbenbüren schriftlich mit, für ein Gespräch zum Thema Dr. P. nicht zur Verfügung zu stehen. Der Krankenhauschef verweist darauf, dass der Neurochirurg lediglich als Belegarzt tätig war. Er sei demnach nicht in die feste Organisationsstruktur des Hauses eingebunden gewesen. Bei einer möglichen Berichterstattung zum Thema behalte man sich eine medienrechtliche Prüfung vor.

„Für uns abgeschlossen“

Noch weniger teilt die Ärztekammer Westfalen/Lippe mit, in deren Zuständigkeitsgebiet Ibbenbüren liegt. Hier laufen Beschwerden gegen Ärzte ein und werden überprüft. Nach mehreren Tagen erklärt ein Sprecher kurz und knapp: Mit dem Tod des Mediziners sei die Mitgliedschaft in der Ärztekammer erloschen. „Damit ist das für uns abgeschlossen.“

Weitere Klagen gegen Klinik?

Harte Worte, mit denen sich die Betroffenen nicht abfinden wollen. Allen voran Cornelia Hödtke. Sie hat nun das Klinikum verklagt, weil sie nicht wahrhaben will, dass niemand von den Problemen gewusst haben soll. Auch andere überlegen, ihrem Beispiel zu folgen. Gut möglich, dass die nächste Klagewelle auf das Landgericht Münster zukommt. Der Erfolg ist aber ungewiss, denn dazu müsste der Klinik ein sogenanntes Organisationsverschulden nachgewiesen werden, sprich: dass sie etwa von Operationen des Belegarztes im betrunkenen Zustand wusste und – sofern geboten – nicht eingeschritten ist.

Sorgen um Versicherungssumme?

Am Landgericht Münster arbeiten die zuständigen Kammern für Behandlungsfehler derweil immer noch die Klagen gegen den Arzt beziehungsweise dessen Haftpflichtversicherung ab. Die Sorge bei den Patienten und deren Anwälten ist, dass irgendwann die Deckungssumme der Versicherung erreicht ist. Dann wird das restliche Geld entweder unter den klagenden Patienten aufgeteilt, oder sie gehen gar ganz leer aus. Und ihnen bleibt nichts. Bis auf ihren Schmerz.


Risiko Arztbesuch - Behandlungsfehler in Deutschland

Wie viele Fehler Mediziner bei der Behandlung ihrer Patienten machen, weiß niemand so genau. Fachleute gehen von 40 000 bis 170 000 Fällen jährlich aus. Laut AOK enden sie für geschätzt 19 000 Patienten tödlich. Zahlen und Fakten:

- Knapp 14 600 Gutachten erstellten die Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) wegen eines vermuteten Behandlungsfehlers 2013 - gut 2000 mehr als ein Jahr zuvor.

- Die Zahl der bestätigten Fehler ging im Vorjahresvergleich um 7 Prozent auf 3687 leicht zurück - das sind etwa 25 Prozent der untersuchten Fälle. Betroffen waren 2214 weibliche und 1473 männliche Patienten.

- Knapp 70 Prozent der Vorwürfe richteten sich gegen Krankenhäuser, gut 30 Prozent betrafen niedergelassene Ärzte.

- Am häufigsten beklagten sich Patienten über die Behandlung durch Orthopäden, Chirurgen und Zahnärzte. Die wenigsten Probleme gab es bei Hals-Nasen-Ohrenärzten und Urologen.

- Gerechtfertigt war die Kritik vor allem, wenn es um pflegerische Maßnahmen ging. In mehr als 50 Prozent der untersuchten Fälle wurden tatsächlich Fehler gemacht. (dpa)

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