Neun von zehn Tieren behandelt Massiver Einsatz von Antibiotika in der Putenmast

Auf engstem Raum: Puten in einem Mastbetrieb. Foto: dpaAuf engstem Raum: Puten in einem Mastbetrieb. Foto: dpa

fpf Düsseldorf. Kaum eine Tierart leidet so unter der Massentierhaltung wie Puten. NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) kritisiert vor allem das „alarmierende Ausmaß“ des Arzneimitteleinsatzes. Derweil verordnet sein Ministerium wegen eines Virus‘ eine Stallpflicht für Hausgeflügel.

In der Branche heißen sie „Big 6“, „Big 9“ oder „Converter“ – die mittelschweren bis schweren Mastrassen der Putenzüchter Aviagen Turkeys oder Hendrix Genetics. Im Mittel erreichen die männlichen Tiere in den Aufzucht- und Mastdurchgängen dabei ein Alter von 146 Tagen, die weiblichen liegen nach rund 112 Tagen auf der Schlachtbank. Innerhalb der fragwürdigen Intensivhaltung bleibt der Einsatz von Arzneimitteln hoch: Geflügelzüchter in Nordrhein-Westfalen behandeln neun von zehn Tieren mit Arzneimitteln. Das ist das Ergebnis eines Fachberichts der rot-grünen Landesregierung. Verbraucherschutzminister Remmel nannte die Praxis „ein absolut krankes System“.

Anders als für die Haltung von Hühnern und Schweinen fehlen für Puten bisher verbindliche Vorschriften in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Es besteht nach Auskunft des Verbraucherschutzministers lediglich eine freiwillige Selbstverpflichtung der Geflügelbranche. Deshalb kündigte Remmel eine Bundesratsinitiative der Landesregierung an, in der NRW die Bundesregierung auffordert, rechtsverbindliche Regelungen zur Putenhaltung zu schaffen. „Die Bundesregierung muss aufhören, sich hinter freiwilligen Vereinbarungen zu verstecken“, sagte Remmel. Um den Medikamenteneinsatz herunterzufahren, habe man sich der Ursache zu widmen: „Wir müssen die Haltungsbedingungen verbessern.“

Häufig verenden Puten bereits vor der Schlachtung

Zusammen mit mehreren Tausend Tieren werden Mastputen häufig permanent und auf engstem Raum im Hellen gehalten, da sie so auch nachts die Futterstellen aufsuchen und schneller zunehmen. Männliche Küken steigern ihr Gewicht mitunter in 20 Wochen um mehr als das 300-fache auf rund 20 Kilogramm. Aufgrund der massiven Überzüchtung sind die Puten am Ende der Mast oft kaum noch in der Lage sich fortzubewegen; nicht selten verenden sie bereits vor der Schlachtung.

Weil sich unter diesen Haltungsbedingungen Krankheitserreger besser ausbreiten, erhalten die Tiere Arzneistoffe. Remmel legte nun den dritten Fachbericht vor, „der einen alarmierenden Antibiotika-Einsatz in unseren Ställen dokumentiert“. Er legte den Branchenverbänden nahe, „schnell und umfassend“ zu handeln. „Der routinemäßige Einsatz von Antibiotika in der Tiermast ist gängige Praxis“, sagte der Präsident des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz, Thomas Delschen. Dabei drehe sich die Debatte nicht allein um den Tierschutz, sondern auch um Gefahren für Menschen, warnte Remmel. So habe die Anzahl multiresistenter Keime aus der Tierhaltung in Krankenhäusern dramatisch zugenommen.

Stallpflicht in zahlreichen Kreisen

Unterdessen muss das Hausgeflügel mit Blick auf die Vogelgrippe in zahlreichen Kreisen des Landes in den Stall. Zehn Prozent der Landesfläche sind nach Angaben des Umweltministeriums sogenannte Risikogebiete, darunter die Kreise Soest, Minden-Lübbecke, Herford, Lippe, Gütersloh, Paderborn und Borken. Durch die Einsperrpflicht soll eine Übertragung des Virus H5N8 von Wildvögeln verhindert werden.


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