Müllberge, zerstörte Häuser, Gestank Fast alles verloren: Verzweiflung nach Unwetter in Münster

Von Meike Baars


Osnabrück. 292 Liter Regen pro Quadratmeter fielen binnen sieben Stunden in Münster – der Rekordwert stand schnell fest. Doch der Schaden, den die Wassermassen anrichteten, offenbart sich erst nach und nach. Einige Menschen verloren fast alles. Besuch in einer Stadt, die noch immer nicht zur Normalität zurückkehren kann.

Es gibt da dieses Gedankenspiel: Stell dir vor, dein Haus brennt ab – welche fünf Gegenstände würdest du retten? Svetlana Divinska kennt das Spiel. Die selbstgemalten Bilder ihrer Tochter hätte sie genannt. Nun war es kein Feuer, das Teile ihres Hauses in Münster-Kinderhaus zerstörte, sondern Wasser – viel Wasser. Und es war kein Spiel.

Anderthalb Wochen ist es her, dass Münster von einer Regenflut heimgesucht wurde, wie sie die Stadt zuvor noch nicht erlebt hatte. 292 Liter pro Quadratmeter fielen innerhalb von sieben Stunden. Der Rekordwert stand schnell fest. Doch der Schaden, den die Wassermassen anrichteten, offenbart sich erst nach und nach.

Zerstörte Bilder

Die nördlichen Stadtteile wurden besonders hart getroffen. Münster-Kinderhaus gehört dazu. Svetlana Divinska steht hier im Keller ihres vier Jahre alten Hauses und zeigt auf die braune Kante, die das Wasser auf eine Höhe von 1,50 Meter an der Wand hinterließ. Neben der blonden Frau brummt ein Raumentfeuchter. Es riecht modrig, nach Erde, Abwasser und Schimmel. Ein Bild hängt noch an der Wand – über dem Wasserabdruck. Der Rest der Werke ihrer 24-jährigen Tochter ist zerstört. Er lagerte im Keller.

Hier können Sie die Live-Reportage aus Münster nachlesen.

Die Divinskas feierten Silberhochzeit, als der Regensturm losbrach. Als sie zum Treppenhaus rannten, kam ihnen von unten das Wasser entgegen. Waschmaschine, Trockner und Gartengeräte sind zerstört. Auf dem Trampolin auf der Wiese hinterm Haus sind Dokumente zum Trocknen ausgelegt. Not macht erfinderisch. Wie die meisten Betroffenen hat die Familie Divinska zwar eine Hausratsversicherung abschlossen. Aber gegen Elementarschäden war sie nicht versichert. Auf der Schadenssumme bleibt sie sitzen.

Schecks der Stadt an Mittellose

Menschen, die es noch schlimmer erwischt hat, trifft man an der Hafenstraße in Münsters Innenstadt. Hier hat das Sozialamt seinen Sitz. In diesen Tagen warten Hunderte davor, manchmal Tausende und hoffen, dass sie finanzielle Soforthilfe von der Stadt bekommen. Per „unbürokratischem Antragsverfahren“, wie es aus der Verwaltung heißt, sollen Schecks an Mittellose ausgegeben werden, die bei dem Unwetter Hab und Gut verloren haben. Mehr als 2000 Anträge wurden bereits bewilligt, 1000 Euro bekamen die Menschen im Schnitt. Das Geld stammt aus dem städtischen Etat. Auch Spenden gehen ein. Ob Münster Mittel aus dem Fluthilfefonds von Bund und Ländern bekommen kann, ist noch nicht geklärt.

Das Ordnungsamt hat Absperrgitter an der Hafenstraße aufgestellt. Beamte in Uniform zeigen Präsenz. In den Morgenstunden war es in den vergangenen Tagen zu Tumulten vor dem Sozialamt gekommen. Menschen, die so dringend Hilfe benötigen, verstanden nicht, dass sie Stunden vor dem Eingang zubringen sollten, während sie eigentlich in ihren Wohnungen hätten aufräumen müssen.

Christian Pöhler hat einen Sonnenhut auf und seine Wartemarke in der Hand. Bis zum 28. Juli lebte er in der Kellerwohnung eines Gemeinschaftshauses in Münster-Coerde. Dann kam der Regen. Er drang durch die Fenster, die Wände und den Boden. Betten, Kleidung, Schränke, Teppiche – alles ist hinüber. Mit dem Geld der Stadt will Pöhler das Nötigste kaufen. Für einen neuen Fußboden und für Wandfarbe soll es reichen.

Berge von Sperrmüll in den Straßen

Alles, was den Regenmassen zum Opfer fiel, stellten die Menschen auf die Straßen. Auch anderthalb Wochen nach dem Unwetter türmen sich an jeder zweiten Ecke die Sperrmüll-Berge. In der Innenstadt genauso wie im schicken Kreuzviertel, im hippen Hafengebiet und in den Vororten stapeln sich tonnenweise Matratzen, Möbel, Umzugskartons und Elektroschrott. Normalerweise fallen in Münster im Jahr 6000 Tonnen Sperrmüll an, heißt es bei der Stadt. Allein durch die Regenfluten werden es nun 20.000 Tonnen sein. Es kann noch einige Wochen dauern, bis alles abgetragen ist, vermutet die Verwaltung. In der Sommerhitze legt der Müll einen Dunst von Fäulnis über die Straßen.

In der Straße „Kinderhaus“ im gleichnamigen Stadtteil würde man über ein bisschen Schimmelgestank vermutlich die Schultern zucken. Die Häuser an dem schmalen Weg sind unbewohnbar. Hier brachten die Wassermassen Öltanks in den Kellern zum Zerbersten. Das schmierige Öl-Regen-Gemisch lief in sämtliche Erdgeschosse. Der beißende Gestank geht nicht mehr aus der Nase. Auch hier waren nicht alle Menschen versichert. Sie haben fast alles verloren. Eine ältere Frau hat sich ein Tuch über den Mund gelegt und wischt den Hausflur – um überhaupt etwas zu tun. Der Rest der Häuser liegt am Abend verlassen da.

Endlich wieder Strom

Nur ein paar Straßenzüge weiter wird Jörg Deitert mehr oder weniger gezwungen, zu Hause zu bleiben. Fünf Raumentfeuchter, zwei Pumpen und zwei Gebläse laufen im Keller. Trotzdem herrscht im Erdgeschoss ein Klima wie im Tropenhaus. Die Tanks der Geräte müssen regelmäßig geleert werden. Sie laufen die ganze Nacht. „An Schlaf ist bei dem Lärm nur zu denken, wenn man wirklich todmüde ist“, sagt der gebürtige Münsteraner. Immerhin gibt es inzwischen wieder Strom.

Seinen Sperrmüll hat Jörg Deitert mit Nachbarn und Freunden selbst weggeschafft, erzählt er. Fuhre um Fuhre. Die Hilfsbereitschaft unter den Betroffenen sei enorm. Jeder leihe dem anderen, was er selbst nicht mehr braucht.

Im Keller der Deiters wurde eine tragende Wand in Mitleidenschaft gezogen. Sie wird nun abgestützt. In den Raum hatte die Familie fünf Tonnen Holzpellets zum Heizen hineingehievt. Nach dem Regen wogen sie acht Tonnen – und waren unbrauchbar. Vor dem Kamin der Deiters steht der Weinvorrat aus dem Keller. Auch er ist ungenießbar geworden. Durch die Korken dringt die Fäule in die Flaschen. „Die kommen als Nächstes weg“, sagt der Vater. „Alles, was raus ist, stinkt nicht.“


Finanzhilfen

Münster soll nach den heftigen Unwetterschäden mit mehreren Zehntausend betroffenen Haushalten schnelle finanzielle Unterstützung erhalten. So vergibt die landeseigene NRW-Bank nach den Worten von NRW-Bauminister Michael Groschek (SPD) günstige Darlehen, um die Wasserschäden in der Stadt zu beheben. Entsprechende Anträge müssen Hauseigentümer und Unternehmen über die jeweilige Hausbank stellen. Die Landesregierung strebe eine „schnelle und unbürokratische Hilfe“ an, sagte Groschek.

Derweil wendete sich NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Das Ausmaß der Schäden übersteige „durchaus die Schadenssumme, die von einzelnen Ländern im Rahmen des Fluthilfefonds geltend gemacht wurde“, heißt es in einem Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt. „Es entstanden erhebliche Schäden an der öffentlichen Infrastruktur und bei Bürgerinnen und Bürgern, für die überwiegend kein Versicherungsschutz besteht.“

Vor diesem Hintergrund bittet Walter-Borjans den Bundesfinanzminister, zu prüfen, wie der Fluthilfefonds auf die Unterstützung der in Mitleidenschaft gezogenen Kommunen in Nordrhein-Westfalen ausgeweitet werden könne. In der Hoffnung auf Zuschüsse aus Berlin heißt es zum Ende: „Nach der bisherigen Inanspruchnahme des Fonds müsste das aus den vorhandenen Mitteln leistbar sein.“

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