Tipps zum Schreiben „Frau Nunziante, wie schreibt man einen Liebesbrief?“


Osnabrück. Laura Elisa Nunziante ist freie Autorin und Texterin in Frankfurt am Main. Zudem schreibt sie für die Textagentur FeineReime aus Ibbenbüren als Ghostwriter Liebesbriefe für Menschen, die sich nicht trauen. Im Interview erklärt sie, warum man in Liebesbriefen nicht „Ich liebe Dich“ schreiben sollte und warum es in der Liebe keine aussichtslosen Fälle gibt.

Frau Nunziante, was sollte man beim Verfassen eines Liebesbriefs unbedingt vermeiden?
„Ich liebe Dich“ würde ich niemals in einen Liebesbrief schreiben. Stattdessen sollte man durch das Schildern von Gefühlen oder das Beschreiben von Erinnerungen zeigen, dass der andere einem etwas bedeutet. Beispielsweise in dem man schreibt: Immer wenn ich den und den Film sehe, muss ich an Dich denken. Auch ganz wichtig: Die Zeiten des Kitsches sind vorbei. Man sollte keine Sachen schreiben, die man schon anderswo zehntausend Mal gelesen hat, also nicht über rote Lippen und blaue Augen schreiben. Generell würde ich ohnehin davon abraten, den anderen zu beschreiben.

Wie lang sollte ein Liebesbrief denn sein?
Man sollte natürlich runterschreiben, was man denkt und fühlt. Länger als handgeschriebene drei Seiten sollte ein Brief aber nicht sein. Sonst wiederholt man sich zu oft. So schön es ist, einen Liebesbrief zu bekommen, bei zu vielen Wiederholungen wird er langweilig.

Wie sollte man das Objekt der Begierde anreden?
Kosenamen sollte man unbedingt vermeiden, weil es auf Papier einfach lächerlich klingt. Außerdem sollte man nicht mit „Liebe/Lieber/Liebste“ anfangen und nicht mit „Dein/Deine/Für immer Dein“ aufhören. Damit zwingt man dem anderen eine persönliche Ebene auf. Man sollte einfach mit dem Namen des anderen anfangen und mit dem eigenen aufhören.

Mit was fange ich denn inhaltlich in dem Brief an?
Man sollte nicht mit der Tür ins Haus fallen, nicht mit bedeutungsschwangeren Erklärungen den Brief eröffnen. Damit kann man jemanden erdrücken. Stattdessen kann man damit anfangen, was man gerade macht, wo man gerade sitzt, wie das Wetter ist. Wichtig ist ein lockerer Einstieg.

Muss ich einen Liebesbrief mit der Hand schreiben?
Nein. Zumal wenn man keine schöne Handschrift hat, ist es in Ordnung den Brief am Computer zu schreiben oder per Mail zu verschicken. Für den Empfänger muss klar sein, da hat sich jemand Gedanken gemacht. Das reicht. Es kommt auf die Botschaft an.

Sollte ich andere Autoren zitieren? Oder Song-Texte?
Wenn Sie als Zitat gekennzeichnet sind, kann man das machen (lacht). Man sollte aber auf keinen Fall Gedanken als die eigenen ausgeben, die nicht die eigenen sind. Das kann schnell peinlich werden, wenn man auffliegt. Ich würde mal sagen, mehr als zwei Zitate würde ich nicht empfehlen.

Hat eigentlich das Internet die Art verändert, wie man Liebesbriefe schreibt?
Auf jeden Fall. Viele Menschen lernen sich ja über Datingportale kennen oder über Facebook. Gerade Facebook zeichnet sich ja durch eine gewisse Unverbindlichkeit aus. Man macht sich nicht gleich zum Affen, wenn man jemandem mal eine Zeile schreibt (lacht). Als erster Einstieg ist das ja auch nicht schlecht. Auf der anderen Seite hat es die Welt natürlich auch verändert. Leute trauen sich gar nicht mehr zu, Liebesbriefe zu schreiben oder offen Gefühle zu zeigen.

Sie haben ja schon eine Menge Liebesbriefe geschrieben. Schreibt man die irgendwann einfach runter?
Nein, ich versuche, einen Liebesbrief immer als die Geschichte von zwei Menschen zu sehen. Es ist immer eine neue Geschichte, die immer anders angegangen werden muss.

Was für Gründe haben die Menschen, für die Sie schreiben, einen Liebesbrief zu verfassen?
Der Hauptgrund ist Verzweifelung. Man hat sich getrennt und will den anderen zurück. Dann gibt es noch eine Gruppe von Leuten, die noch in der Beziehung sind, wo es aber nicht gut läuft und die sich erklären wollen. Und es gibt Leute, die zur Hochzeit oder zum Hochzeitstag noch einmal umfassend ihre Liebe erklären wollen.

Unterscheiden sich Liebesbriefe von Männern und Frauen?
Interessant ist, dass Männern den Frauen in Briefen keine Vorwürfe machen und eher einsichtig sind, wenn es um eigene Fehler geht. Auch wenn das in der Realität manchmal anders erscheint (lacht). Frauen versuchen immer, sich zu verteidigen und Probleme noch mal anzusprechen.

Haben Sie es schon mal abgelehnt, für jemanden als Liebesbrief-Ghostwriter tätig zu werden?
Ja. Wenn ich merke, da soll jemand ausgenutzt werden und der Brief dient einzig dazu, jemanden ins Bett zu kriegen, dann mache ich das nicht.

Gibt es Fälle, wo Sie einen Liebesbrief für jemanden geschrieben haben, aber dachten, es ist eh aussichtslos?
Es gibt natürlich Fälle, wo man denkt, krass, was geht denn da ab? (lacht) Es gab mal den Fall, dass sich eine Frau in den Bruder ihres Mannes verliebt hat, der auch noch in Australien gewohnt hat. Aber ich hab mittlerweile durch das Schreiben von Liebesbriefen so viele Geschichten gehört, dass ich das Wort aussichtslos in dem Zusammenhang komplett gestrichen habe.

Zum Abschluss: Was ist Ihr Lieblingsbrief in der Literatur?
Es kling jetzt bescheuert, aber ich muss da immer an „Brief an den Vater“ denken, von Franz Kafka. Er hat den Mann abgrundtief gehasst, aber gleichzeitig kommt in dem Brief die ganze Liebe zum Ausdruck, die er für ihn empfunden hat.

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