Prozesse Der Heiler, der kein Doktor war: Prozess in Münster eröffnet

Von dpa

Eine Statue der Justitia mit einer Waage in ihrer Hand.Eine Statue der Justitia mit einer Waage in ihrer Hand.
David-Wolfgang Ebener/dpa/Symbolbild

Münster. Ein Heilpraktiker spritzt Patienten verschreibungspflichtige Medikamente und unterschreibt ein Rezept, auf dem er als Arzt aufgeführt ist. Jetzt steht er vor Gericht.

Auf dem Rezept stand die Abkürzung „Dr.“, doch das war glatt gelogen. Jahrelang soll sich ein Heilpraktiker aus Greven im Kreis Steinfurt als Arzt ausgegeben haben. Seit Mittwoch steht er in Münster vor Gericht. Der Vorwurf: gefährliche Körperverletzung.

Zum Prozessauftakt gestand der 63-Jährige, seinen Patienten verbotenerweise verschreibungspflichtige Medikamente gespritzt zu haben. Schuldgefühle hat er deshalb nicht. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich Menschen geschadet habe“, sagte er den Richtern. „Ich habe viel Zuspruch bekommen.“

Bis 1995 habe er das ja auch gedurft - dann habe sich die Gesetzeslage plötzlich geändert. Diesen Moment habe er „irgendwie übersehen“, beziehungsweise nicht sehen wollen. „Er ist bis heute von der Methode überzeugt“, so Verteidigerin Iris Grohmann.

Die Spritzen seien im Rahmen der sogenannten Neuraltherapie gesetzt worden - in der Rücken, ins Gesäß, in den Halsbereich. Nach Angaben des Angeklagten sollte dadurch eine „Initialzündung“ bewirkt werden, um akute Schmerzen zu lindern.

Dass er sich offensiv als Arzt ausgegeben hat, bestritt der 63-Jährige zunächst. Erst als die Richter ein entsprechendes Rezept mit seiner Unterschrift präsentierten, nickte er kleinlaut. Auf seinem Computer wurden außerdem Sätze entdeckt, die er nach einer Durchsuchung seiner Praxis selbst geschrieben haben soll: „In Sack und Asche gehen. Ich bin ein Hochstapler.“

Im Internet war sogar ein Lebenslauf zu sehen gewesen, bei dem nicht nur medizinische Studiengänge, auch im Ausland, aufgeführt waren, sondern auch eine Dissertation, die es so offiziell nie gegeben hat.

In Wahrheit ist der Angeklagte ausgebildeter Krankenpfleger und Heilpraktiker. Das hat er vor Gericht nun selbst klargestellt. Dass er in dieser Funktion nach 1995 eigentlich keine verschreibungspflichtigen Medikamente mehr spritzen durfte, darüber habe er seine Patienten nicht aufgeklärt. „Er hatte das ja immer schon so gemacht“, so Verteidigerin Grohmann.

Die Arzneimittel stammten nach Angaben des Angeklagten aus eigenen Beständen. Da er sich regelmäßig auch selbst behandelt habe, habe er von einem Arzt Großpackungen verschrieben bekommen. Daraus habe er sich dann bedient, um auch eigene Patienten zu behandeln.

Die Anklage der Staatsanwaltschaft umfasst 30 Taten. Eine Patientin soll im Anschluss an eine Spritze notfallmäßig im Krankenhaus behandelt worden sein. Sie hatte laut Anklage Krämpfe und Taubheitsgefühle in den Beinen erlitten. Dass dies auf seine eigene Behandlung zurückzuführen sei, hat der 63-Jährige zurückgewiesen.

Seit der Durchsuchung seiner Praxis im Jahr 2014 setzt der Heilpraktiker nach eigenen Angaben keine Spritzen mehr. Mit einem Urteil ist voraussichtlich am 6. August zu rechnen.


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