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Rätsel für Mediziner Babys mit Handfehlbildungen: Ministerium kann sich Fälle nicht erklären

Von dpa

In Gelsenkirchen sind innerhalb von wenigen Wochen drei Babys mit nur einer gesunden Hand geboren worden. Symbolbild: imago images / Westend61In Gelsenkirchen sind innerhalb von wenigen Wochen drei Babys mit nur einer gesunden Hand geboren worden. Symbolbild: imago images / Westend61

Gelsenkirchen. Drei Neugeborene mit deformierten Händen innerhalb weniger Monate in einer Gelsenkirchener Klinik: Ist die Häufung zufällig oder gibt es einen Zusammenhang? Mediziner rätseln.

In einem Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen hat es eine ungewöhnliche Häufung von Neugeborenen mit Handfehlbildung gegeben. Im Sankt Marien-Hospital Buer in Gelsenkirchen waren zwischen Juni und Anfang September drei betroffene Kinder auf die Welt gekommen, wie die Klinik auf ihrer Homepage mitteilte. "Das mehrfache Auftreten jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig." Fehlbildungen dieser Art habe man in der Klinik viele Jahre nicht gesehen, hieß es weiter. Hebammenvertreterinnen hatten auf die Fälle aufmerksam gemacht, mehrere Medien berichteten.

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerium kündigte nun an, alle Klinken in dem Bundesland abfragen zu wollen, ob dort ähnliche Fehlbildungen aufgefallen seien. Das sagte eine Sprecherin der Düsseldorfer Behörde am Samstag auf Anfrage. Man nehme die Berichte über solche Fälle "sehr ernst". "Darüber hinaus nehmen wir Kontakt mit den Ärztekammern, dem Bund und den anderen Bundesländern auf, um möglichen Ursachen mit aller Sorgfalt nachzugehen." Ob ein Melderegister der richtige Weg sei, gelte es gemeinsam zu prüfen, sagte die Sprecherin des Landesministeriums, das von dem CDU-Politiker Karl-Josef Laumann (CDU) geführt wird.

Das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) äußerte sich zunächst zurückhaltend. Zu den konkreten Fällen lägen keine Erkenntnisse vor, teilte ein Ministeriumssprecher am Samstag in Berlin mit. "Wenn es eine auffällige Häufung von Fehlbildungen bei Neugeborenen geben sollte, muss das so schnell wie möglich geklärt werden", erklärte er. Das Ministerium begrüße, dass das betreffende Krankenhaus Kontakt zur Berliner Charité aufgenommen habe.

Drei Babys mit nur einer gesunden Hand

Statistisch würden etwa ein bis zwei Prozent aller Neugeborenen mit einer Fehlbildung unterschiedlicher Ausprägung geboren, wie die Gelsenkirchener Mediziner erläuterten. Extremitätenfehlbildungen könnten während der Schwangerschaft unter anderem durch Infektionen auftreten, seien insgesamt aber selten. 

Bei allen drei Kindern ist jeweils eine der beiden Hände betroffen. An dieser seien Handteller und Finger nur rudimentär angelegt. Der Unterarm sei normal. In der Klinik wurden 2018 nach eigenen Angaben mehr als 800 Kinder geboren.

Familien ohne offensichtliche Gemeinsamkeiten

Der entscheidende Entwicklungszeitraum liege sehr früh in der Schwangerschaft, zwischen dem 24. und 36. Entwicklungstag nach der Befruchtung der Eizelle, wie das Sankt Marien-Hospital Buer weiter schreibt. "Eine ebenfalls mögliche Ursache ist das Abschnüren von Extremitäten durch Amnionbänder oder Nabelschnurumschlingungen während der Schwangerschaft im Mutterleib, was zu einer verminderten Weiterentwicklung der betroffenen Extremität führt." 

Alle Familien wohnten im lokalen Umfeld, hieß es weiter. "Wir konnten keine ethnischen, kulturellen oder sozialen Gemeinsamkeiten der Herkunftsfamilien sehen."

Das Sankt Marien-Hospital Buer nimmt Stellung zu einer ungewöhnlichen Häufung von Neugeborenen mit Handfehlbildung. Foto: dpa/Marcel Kusch

Die Klinik will die Fälle jetzt in regionalen Qualitätszirkeln der Kinder- und Jugendärzte thematisieren. Auch habe man Kontakt mit Fachleuten der Berliner Charité aufgenommen. Die Charité wollte sich am Freitag zu dem Fall zunächst nicht äußern. Auch der Deutsche Hebammenverband wollte sich am Freitag nicht zu dem Thema äußern.

Keine Statistiken über angeborene Handfehlbildungen

Der Chefarzt der Klinik für Handchirurgie und angeborene Handfehlbildungen am Krankenhaus Marienstift in Braunschweig, Niels Benatar, schätzt, dass auf jede 2000ste Lebendgeburt eine Handfehlbildung kommt. Zu bedenken sei dabei aber, dass an einer einzigen Hand auch mehr als nur eine Art von Fehlbildung vorkommen könne. Außerdem werde nicht jede Fehlbildung gleich bei der Geburt erkannt. Ihm sind keine Statistiken über angeborene Fehlbildungen an den Extremitäten bekannt, die in Deutschland bei der Geburt erhoben werden. "Daher sind alle Angaben nur vage", hieß es in einer Mitteilung des Arztes an die Deutsche Presse-Agentur.

Am Essener Elisabeth-Krankenhaus, mit mehr als 2500 Geburten pro Jahr eine der größten Geburtskliniken in Nordrhein-Westfalen, gibt es nach Angaben einer Sprecherin keine Häufung von Handfehlbildungen. "Etwa ein Mal im Jahr haben wir ein Kind mit einer Handfehlbildung. Wir können damit nicht von einer Häufung solcher Fälle sprechen", sagte sie auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

6884 Kinder mit Fehlbildungen

Das Bundesgesundheitsministerium erklärte, Informationen zu Fehlbildungen beinhalteten insbesondere die Perinatalstatistik sowie die Krankenhausdiagnosestatistik. Der Begriff perinatal bedeutet im medizinischen Sprachgebrauch den Zeitraum kurz vor, während und kurz nach der Entbindung betreffend. Ein nationales Fehlbildungsregister existiere nicht. 

Das Ministerium teilte mit, laut einer Bundesauswertung zur Perinatalstatistik des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen seien 2017 in Deutschland 6884 Kinder mit Fehlbildungen in Krankenhäusern geboren worden. Damit seien etwa 0,89 Prozent der Neugeborenen von Fehlbildungen betroffen gewesen. Die Perinatalstatistik verzeichnet nach Angaben des Ministeriums die Zahl der mit Fehlbildungen geborenen Kinder, sie beinhaltet jedoch keine Informationen über die Art der Fehlbildung.

Meldungen in europäischem Register

Weitergehende Informationen über die Fehlbildungsart enthält demnach die Krankenhausdiagnosestatistik des Statistischen Bundesamtes. Diese gebe Auskunft über die Anzahl der stationären Behandlungsfälle mit spezifischen Diagnosen. Diese Statistik beinhalte allerdings keine Informationen über die Zahl der behandelten Personen, teilte das Gesundheitsministerium in Berlin mit. Das bedeute, ein Kind, das zweimal im Krankenhaus behandelt werde, würde als zwei Fälle gezählt. Zugleich tauchten Kinder ohne stationäre Behandlung in dieser Statistik nicht auf.

Regionale Daten werden nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums für das Fehlbildungsregister Sachsen-Anhalt und das Geburtenregister "Mainzer Modell" erhoben. Daten aus beiden regionalen Registern würden an das europäische Register "Eurocat" gemeldet, das seit 1979 bestehe und derzeit Daten aus 23 europäischen Ländern enthalte.

Aufklärung gefordert

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rief Spahn in der "Bild"-Zeitung dazu auf, "dringend eine Studie in Auftrag zu geben, die systematisch die Daten der Kliniken und die Häufigkeit der Fälle erfasst".

Auch der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) dringt auf Aufklärung. "Die Berichte über Fehlbildungen bei Säuglingen müssen wir ernst nehmen", erklärte er am Freitag laut einer Mitteilung. "Hierbei helfen allerdings keine Spekulationen. Vielmehr muss den möglichen Ursachen mit der gebotenen Sorgfalt nachgegangen werden."


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