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"Gravierende Fehler" Kindesmissbrauch in Lügde: Leitender Beamter nach Pannen suspendiert

Von Maximilian Matthies, dpa und afp

Am Vorgehen der Kreispolizeibehörde Lippe im Umgang mit Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde gibt es Kritik. Foto: dpa/Friso GentschAm Vorgehen der Kreispolizeibehörde Lippe im Umgang mit Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde gibt es Kritik. Foto: dpa/Friso Gentsch 

Lügde. Haben die zuständigen Behörden bei der Aufklärung des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde (Nordrhein-Westfalen) total versagt? Nun hat es erste personelle Konsequenzen gegeben.

Im Skandal um die bei der Polizei verschwundenen Beweismittel im Missbrauchsfall Lügde hat es am Freitag erste personelle Konsequenzen gegeben: Der Landrat des Kreises Lippe und Behördenleiter der Polizei, Axel Lehmann (SPD), teilte am Freitag in Detmold mit, er habe den Leiter der Direktion Kriminalität in der Behörde "von der weiteren Wahrnehmung seiner Aufgabe entbunden".

Zugleich entschuldigte sich Lehmann bei den Betroffenen des Missbrauchsfalls für die offenkundigen Ermittlungspannen bei der Polizei. "Dass gravierende Fehler gemacht worden sind, ist unstreitig", sagte der Landrat mit Blick auf die 155 verschwundenen Datenträger. Welche Fehler gemacht worden seien, werde nun "komplett aufgeklärt". Lehmann sprach in diesem Zusammenhang von einer "eklatanten Fehlleistung" bei der Polizei Lippe, die ihn "fassungslos" mache.

Polizei-Anwärter sichtete alleine Beweismaterial

Haben die zuständigen Behörden bei der Aufklärung des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde (Nordrhein-Westfalen) total versagt? Ein Medienbericht vom Freitag nährt diesen Verdacht erneut.

Laut der "Rheinischen Post" war unter Leitung der zuständigen Kreispolizeibehörde in Lippe lediglich ein Polizei-Anwärter mit der Auswertung des wichtigen Beweismaterials befasst. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bestätigte eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums den Bericht. Es handele sich um einen Kommissaranwärter, der mit der Sichtung der Beweismittel betraut gewesen sei. "Dieses Vorgehen verstößt zwar nicht gegen Dienstvorschriften, ich halte es aber trotzdem für unverantwortlich – gerade in einem derart anspruchsvollen und sensiblen Fall", sagte Innenminister Herbert Reul (CDU) der "Rheinischen Post".

Verschwundene Beweisstücke

Mehrere Sonderermittler des LKA sind im Einsatz, um das Verschwinden von 155 Datenträgern in der Kreispolizeibehörde Lippe mit Sitz in Detmold aufzuklären. Innenminister Reul hatte von "Polizeiversagen" gesprochen. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hatte das Verschwinden von Beweisstücken als eine "Katastrophe" für das Ansehen der Polizei eingestuft. Reul bekräftigte am Freitag im WDR-Hörfunk noch einmal den Vorwurf des Behördenversagens. Er sehe sich in seiner Kritik bestätigt und habe nun die Pflicht, dafür zu sorgen, das aufzuklären.

Die Staatsanwaltschaft Detmold teilte am Freitag mit, man gehe davon aus, dass die Asservate aufgrund nachlässigen Umgangs nicht auffindbar seien und nicht entwendet wurden. Ein Diebstahl sei aber nicht auszuschließen.

Nur drei CDs aus dem verschwundenen Beweismaterial seien ausgewertet worden, hatte Reul am Donnerstagabend gesagt. Auf ihnen sei nichts Verdächtiges gefunden worden. Ob auf den CDs und DVDs mit insgesamt 0,7 Terabyte Datenvolumen auch kinderpornografisches Material war, sei nicht auszuschließen. "Auch bei der Auswertung ist es zu schweren handwerklichen Fehlern gekommen." Normalerweise müssen von Datenträgern, die als Beweismaterial gelten, Kopien gemacht werden. Aber nur von den drei CDs seien Kopien gezogen worden.

Genug Stoff für Untersuchungsausschuss

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter erhebt Vorwürfe gegen die Landesregierung. "Wir reden hier nicht von einer Polizeibehörde, bei der alles in Ordnung wäre, sondern im Gegenteil", sagte Sebastian Fiedler, Bundes- und NRW-Landesvorsitzender des BDK dem WDR. Das NRW-Innenministerium wisse seit Jahren, wie es dort aussehe. "Seit mehreren Jahren weisen meine Kollegen in Lippe daraufhin, dass sie am Limit arbeiten."

Die rot-grüne Landtagsopposition kündigte eine Sondersitzung des Innenausschusses in der nächsten Woche zu dem Thema an. Die SPD sieht im Lügder Ermittlungsskandal sogar genug Stoff für einen weiteren parlamentarischen Untersuchungsausschuss.

Die Kripo sei ausgeblutet und liege am Boden, es hätten im vergangenen Jahr 60 Leute gefehlt, kritisierte Fiedler. Nun zeige sich, was Personalmangel bedeute. "Wenn der Innenminister davon redet, dass seine Großmutter das besser gekonnt hätte, kommt das bei den Kollegen, die sich da jeden Tag den Hintern aufreißen, nicht so gut an."

Drei Hauptverdächtige in U-Haft

Im Fall von Lügde sitzen ein 56-Jähriger aus der Kleinstadt im Kreis Lippe sowie ein 33-Jähriger aus Steinheim und ein 48-Jähriger aus dem niedersächsischen Stade wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung von Kinderpornografie als Hauptverdächtige in Untersuchungshaft. 

Bislang sind 31 minderjährige Opfer im Alter zwischen 4 und 13 Jahren identifiziert. Das noch vorhandene Material reiche aus, um die Verdächtigen zu überführen, so Reul. Zusätzlich zu den Ermittlungen gegen die Tatverdächtigen und mehrere Jugendämter wird auch gegen eine Polizeibeamtin und einen Beamten wegen Strafvereitelung ermittelt. Bereits 2016 sollen zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch bei der Polizei Lippe eingegangen sein. Die Beamten leiteten die Hinweise lediglich an das Jugendamt weiter. Weitere Schritte blieben aus.

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