Selbstjustiz in Münster Eltern verschickten bei Whatsapp Foto eines Mannes: Polizei prüft den Fall

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Die Polizei warnt davor, Fotos von Fremden im Internet zu verbreiten. Symbolfoto: dpaDie Polizei warnt davor, Fotos von Fremden im Internet zu verbreiten. Symbolfoto: dpa

Münster. Selbstjustiz mit Folgen: Nachdem Eltern in Münster Fotos eines Asylbewerbers, der Kinder angesprochen hatte, über soziale Netzwerke verbreitet haben, prüft die Polizei jetzt, ob ihr Verhalten strafrechtliche Konsequenzen haben könnte. Sie warnt außerdem davor, Fotos Fremder ohne deren Einwilligung weiterzuverbreiten.

„Es ist nicht die Aufgabe der Bürger, die Pferde scheu zu machen und zu ermitteln“, sagt Polizeisprecher Andreas Bode. Wer ein schlechtes Bauchgefühl habe, der solle sofort die 110 anrufen. „Dann kümmern wir uns. Aber niemand sollte Selbstjustiz üben.“ 

Genau das jedoch taten die Eltern: Nachdem ein Mann vergangene Woche in Münster auf der Straße Kinder angesprochen hatte, die auf dem Heimweg von der Schule waren, wollten besorgte Eltern ihn zur Rede stellen. Es kam jedoch kein Gespräch zustande – also machten die Eltern Fotos von dem vermeintlichen "Kinderschänder" und verbreiteten diese Erkenntnissen der Polizei zufolge mit entsprechender Kommentierung bei Whatsapp. Später fand die Polizei heraus, dass der Mann lediglich auf der Suche nach jemandem war, der ein Foto von ihm im Schnee machen könnte. Der Asylwerber ist demnach erst seit Kurzem in Deutschland, spricht noch kein deutsch und hatte zum ersten Mal Schnee gesehen. 

Polizei: Keine Fotos Fremder verbreiten

Laut Bode prüft die Polizei jetzt, ob die Eltern mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen. Es könne sich beim Verhalten der Eltern um eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte, Beleidigung und üble Nachrede handeln.Außerdem werde geprüft, inwieweit der betroffene Mann Rechte geltend machen will. Sollte in dem Fall öffentliches Interesse bestehen, müsste keine Anzeige vorliegen, damit weitere Schritte eingeleitet werden können.

Die Polizei warnt davor, Fotos Fremder ohne deren Einwilligung im Internet zu verbreiten. „Das ist nicht erlaubt“, sagt Bode. Jeder habe das Recht am eigenen Bild. Ist das Foto erstmal im Netz, könne man es nicht wieder einfangen. Außerdem sei es sehr schwierig, die Rufschädigung wiedergutzumachen. In diesem Zusammenhang weist der Polizeisprecher auch darauf hin, dass sich derartige Nachrichten über soziale Netzwerke schneeballmäßig verbreiten. Während der erste vielleicht lediglich eine vorsichtige Warnung herausgeben wollte, kennt der nächste eventuell den Hintergrund schon nicht mehr und interpretiert etwas hinein. „Das ist gefährlich“, sagt Bode. (Weiterlesen: Tätersuche im Netz: Vorsicht vor Selbstjustiz)

Selbstjustiz nach Amokfahrt

Wie schnell solche Falschmeldungen kursieren, zeigt ein anderes Beispiel aus Münster. Nach der Amokfahrt in der nordrheinwestfälischen Stadt im vergangenen Jahr verbreitete jemand das Foto eines gebürtigen Münsteraners aus Wien bei Facebook – mit dem Zusatz, er sei für das Attentat von Münster verantwortlich. Dabei hatte der Mann, dessen Eltern vor Jahrzehnten aus dem Iran nach Münster kamen, nach dem Unglück lediglich einer österreichischen Nachrichtensendung ein Telefoninterview gegeben. Die Journalisten bebilderten das Gespräch mit einem Foto des Mannes, das anschließend für den Facebookpost abfotografiert wurde. Mehr als zehntausend Mal wurde die Lüge in kürzester Zeit geteilt. Auch zwei AfD-Politiker machten mit, obwohl Medien und Polizei längst über den tatsächlichen Täter berichteten. 

Schulleiterin verschickt Elternbrief

Die Schulleiterin der Grundschule, die die angesprochenen Kinder besuchen, stellte nach dem Vorfall in einem Elternbrief klar, dass das Vorgehen nicht richtig war, heißt es in einem Artikel der „Westfälischen Nachrichten“. Die Schule verweist auf weitere Nachfrage unserer Redaktion lediglich darauf, dass die Eltern das Foto verbreitet und das Geschehen nichts mit der Schule zu tun habe.


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