Ende einer Ära Abschied von der Steinkohle - Der Steiger geht

Bergleute vor dem Förderturm der Zeche Prosper-Haniel Foto: dpaBergleute vor dem Förderturm der Zeche Prosper-Haniel Foto: dpa

Bottrop. Auf dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop wurde die letzte Steinkohle gefördert und an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergeben – ein historischer Tag.

Es pfeift kühl durch die Schachthalle, zur Feier des Tages hat man sie noch einmal herausgeputzt. Die roten Stahlpfeiler sind warm angestrahlt, ein Bergmannschor stellt sich auf, singt „Glückauf, der Steiger kommt“.

Er geht an diesem Tag, der Steiger. Es ist der traurige Abschied vom 150-jährigen industriellen Steinkohlenbergbau in Deutschland. „Ein schwarzer Tag“, sagt RAG-Chef Peter Schrimpf, „denn es ist der letzte schwarze Tag.“

Träge rumpelt der Förderkorb aus der Tiefe, rußige Bergmänner treten heraus. Sie übergeben dem höchsten Würdenträger im Staat, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die letzte geförderte Steinkohle. Der lang angekündigte Abschied „geht nicht nur das Ruhrgebiet an“, sagt Steinmeier, sondern „alle in Deutschland“ – es ist ihre Geschichte.

„Vor Kohle wurden aus Fremden Kumpel“

Es ist grau und verregnet an diesem Tag in Bottrop. Sogar die Verkehrsbetriebe sind auf Abschied eingestimmt, „Glückauf!“, steht auf den Anzeigen der Busse auf Dienstfahrt. Auf dem Bergwerksgelände geleitet die orange uniformierte Grubenwehr die Ehrengäste zur Schachtanlage. Die Fahrer tragen Hammer und Schlegel als kleine goldene Anstecker am Revers.

Es werden Erinnerungsfotos mit Bergmännern gemacht. „So, zweite Halbzeit“, sagt Steinmeier zu einem der Kumpel, bevor er in den Festsaal geht. Man klopft sich auf die Schultern.

Überhaupt der Begriff „Kumpel“, merkt der Bundespräsident später in seiner Rede an. Ob ein anderer Beruf „ein solch wunderbares Wort“ kenne? Ursprünglich hat es den Malocher unter Tage gemeint, auf den man sich „auf Gedeih und Verderb, auf Leben und Tod“ verlassen konnte, erklärt Steinmeier. „Vor Kohle wurden aus Fremden Kumpel. Vor Kohle war unbedingte Solidarität die erste Währung.“

Nicht nur Wehmut

Unter Tage war die Herkunft egal, oder die Religion. Er wundere sich, warum das oben so selten gelte, sagt EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

Der Tag ist nicht nur von Wehmut geprägt. Steinmeier ermutigt das Revier, dieses früher einmal schmutzige, lärmige Arbeitstier. Er sei „froh darüber, dass es gerade hier im Ruhrgebiet von tatkräftigen Menschen und cleveren Ideen wimmelt, dass man entschlossen nach vorne schaut“, sagt der Bundespräsident. Wer in der Region verwurzelt sei tue das, genauso Migranten – und, häufig genug, „ganz bewusst sie alle zusammen“.

„Geist des Ruhrgebiets“

Nein, an diesem Tag ist nicht nur Melancholie angesagt und Sentimentalität. Steinmeier beschwört den „Geist des Ruhrgebiets“, Wille und Mut. Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, Michael Vassiliadis, sagt, die Industrie habe Deutschland „stark und reich gemacht“ – und das nicht nur aus ökonomischer Sicht, „sondern auch kulturell, charakterlich und gesellschaftlich“.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) ist erst neulich mit seinem Vater auf Prosper-Haniel eingefahren. Heinz Laschet war selbst Steiger, auf der Zeche Anna in Alsdorf im Aachener Revier. Da sei dem Regierungschef Laschet wieder deutlich geworden, sagt er, „wie hart die Arbeit selbst im modernen, hochtechnisierten Bergbau geblieben ist“.

Laschet wirkt in der zugigen Schachthalle besonders angefasst. „Der Steiger geht“, sagt er, das Steigerlied aber werde „nicht verstummen“.

Steinmeier würdigt die „unbesungenen Heldinnen“

Auch wenn jetzt endgültig Schicht im Schacht ist – auf das Know-how der Ruhrkohle AG und ihrer Mitarbeiter könne man nicht verzichten, versichert Laschet. Der CDU-Politiker wirbt für seine „Ruhr-Konferenz“, die nun die Umwälzung regeln soll.

Im August 2013 war der Außenminister Steinmeier auf Prosper-Haniel. Er würdigt die Frauen über Tage, diese „unbesungenen Heldinnen“, die nicht weniger hart gearbeitet haben im Ruhrgebiet.

Steinmeier erzählt von der Gefahr des Berufs, von der „ständigen Angst vor Unfällen“. Er erinnert an die Berginvaliden, die der Knappschaftsarzt „kaputtgeschrieben“ hat, wie man gesagt hat, an die Grubentoten. Vier Tage vor dem Festakt zum Steinkohle-Ende ist ein 29-jähriger Bergmann in Ibbenbüren tödlich verunglückt.


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