Freigabe zwischen A30 und A2 Warum die Nordumgehung Fluch und Segen für Bad Oeynhausen ist

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Bad Oeynhausen: Fahrt über die neue A30-Nordumgehung vor der offiziellen Freigabe im Dezember 2018.  Foto: Jörn MartensBad Oeynhausen: Fahrt über die neue A30-Nordumgehung vor der offiziellen Freigabe im Dezember 2018. Foto: Jörn Martens 

Bad Oeynhausen. Nach zehn Jahren Bauzeit ist am Donnerstag die Nordumgehung in Bad Oeynhausen eröffnet worden. Für Autofahrer ist die nordrhein-westfälische Stadt bundesweit zum Inbegriff für Stau geworden. Seit Jahrzehnten kämpfen dort Bewohner für und gegen die Autobahn. Das Bauprojekt spaltet den Kurort.

Der Bad Oeynhausener Manfred Kreylos erlebte den starken Durchgangsverkehr in der Kurstadt hautnah mit. Foto: NOZ

Ein Lkw nach dem anderen schiebt sich über die Mindener Straße im Kurort Bad Oeynhausen. Manfred Kreylos steht am Straßenrand und beobachtet den stockenden Verkehr. „Wir haben hier an der Hauptstraße immer einen Schallpegel nahe an die 90 Dezibel.“ Der 77-Jährige muss fast schreien, so laut sind die vorbeiziehenden Fahrzeuge. Kreylos wohnt 200 Meter südlich von der Hauptstraße entfernt. Seit Jahren erlebt er, wie sich tagtäglich bis zu 50.000 Fahrzeuge durch die Innenstadt quälen, davon jedes vierte ein Lastwagen.

In den vergangenen Jahren quälten sich täglich bis zu 50.000 Autos durch Bad Oeynhausen, der Verkehr staute sich ständig. Foto: David Ebener

Da die A 30 bei Bad Oeynhausen nicht direkt zur A 2 führt, geht es über die Bundesstraße B 61 mitten durch die Kurstadt. Das soll sich mit der Nordumgehung ändern, die nun offiziell freigegeben wurde. Der Fernverkehr soll nördlich um den Ort herumgeleitet werden. Tatsächlich rollt der Verkehr aber erst ab Sonntag und zunächst auch nur in Richtung Osnabrück. (Weiterlesen: Mit Video: So sieht die neue A30-Nordumgehung in Bad Oeynhausen aus)

Die autobahnähnliche Nordumgehung verbindet die A2 bei Bad Oeynhausen mit der A30. Grafik: NOZ

Das 230 Millionen teure Bauprojekt hat an den Nerven der Autofahrer, aber auch der Anwohner gezerrt. Befürworter und Gegner der Nordumgehung kämpfen seit Jahrzehnten für ihre Sache. Klagen, Einwände, Umplanungen verzögerten den Bau.

Manfred Kreylos setzt sich seit über 40 Jahren für die Nordumgehung ein. Es sei sein Traum gewesen, noch einmal selbst mit dem Auto über die Autobahn fahren zu können. Einige seiner Mitstreiter von der Bürgerinitiative „Pro Nordumgehung“ sind mittlerweile verstorben.


„Die Anwohner im Norden bekommen nun Lärm, das ist nicht schön, aber wir hatten das Problem jahrzehntelang“, sagt Kreylos. Viele Geschäfte hätten in den vergangenen Jahren aufgegeben. An der Mindener Straße zähle Kreylos zurzeit 40 Leerstände, auch Wohnhäuser seien verlassen. „Wie das sich entwickeln wird, weiß noch keiner. Wir müssen aber vor allem dafür sorgen, dass die Stadt nicht in zwei Lager getrennt bleibt. Die Bewohner müssen wieder zusammenwachsen.“

"Die Autobahn zerschneidet noch mal die gesamte Stadt. Es mussten 26 Brücken gebaut werden, um überhaupt eine Verbindung herzustellen. Reiner Barg, Bürgerinitiative Notgemeinschaft

Für Reiner Barg und die Bürgerinitiative „Notgemeinschaft“ stellt der neue Autobahnabschnitt zwischen A2 und A30 dagegen eine „Zerschneidung“ der Stadt dar.

Reiner Barg kämpft seit Jahrzehnten gegen die Nordumgehung, konnte ihren Bau aber nicht aufhalten. Foto: NOZ

Barg wohnt im Umkreis von etwa einem Kilometer von der neuen Trasse entfernt auf einem Bauernhof. Bereits Anfang der 1970er-Jahre hat er gegen das Großprojekt gekämpft. Denn er befürchtet schlimme Folgen für Bad Oeynhausen. Barg und seine Unterstützer beziehen sich in ihrer Argumentation auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung, die im Zuge der Planungen gemacht wurde. Die sagte massive Lärmbelastung, Landschaftszerstörung und negative Auswirkungen für die Bebauung vorher.

Nachdem zwischenzeitlich – wie auch von der Notgemeinschaft gefordert – eine Tunnellösung favorisiert wurde, entschied sich der Stadtrat Bad Oeynhausen 1993 für die Nordumgehung. Ein wesentlicher Grund war der Heilquellenschutz. Die Bezirksregierung Detmold legte die Planung im März 2001 öffentlich aus. Es wurde geplant, beschlossen, verworfen, neu geplant, gekämpft und geklagt. Im Juli 2008 lehnte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die Klage der Gegner gegen den Planfeststellungsbeschluss für die Nordumgehung ab. Im Oktober 2008 begann der Bau.

"Unsere früheren Nachbarn leben jetzt auf der anderen Seite der Autobahn."Ingrid Weihe, Anwohnerin Bad Oeynhausen

Ingrid und Wilfried Weihe wohnen direkt neben der Nordumgehung. Von ihrem Schlafzimmer und Wohnzimmer aus blicken sie heute auf den Wall der neuen Autobahn. Früher war da ein grünes Feld. „Unsere früheren Nachbarn leben jetzt auf der anderen Seite der Trasse. Wir kommen nur noch über Umwege zu ihnen. Man wird sich fremd“, sagt die 80-jährige Ingrid Weihe. Ihr Mann sagt: „Nachbarschaften wurden zerstört.“ Wie stark der Lärm der vorbeifahrenden Autos und Lkw sein wird, könnten sie derzeit nur erahnen. „Als während der Bauphase Lkw vorbeifuhren, war es im Garten unzumutbar laut.“

Die A30-Nordumgehung geht mitten durchs Feld. Foto: Claudia Scholz

Laut Straßen NRW werden die Grenzwerte für Lärm eingehalten. Die Stadt Bad Oeynhausen bezahlte eine Million Euro zusätzlich, damit ein grobporiger Asphalt aufgetragen wurde, der Lärm besonders gut schlucken soll. Für die Anwohner im Norden nur ein kleiner Trost. 

„Wir erhoffen uns, dass der Verkehr unter 20.000 Autos pro Tag fallen wird."Sven Johanning, Straßen NRW, Regionalniederlassung Ostwestfalen-Lippe

„Eine neue Straße ist immer auch eine Zäsur“, sagt Sven Johanning von der Regionalniederlassung Ostwestfalen-Lippe. Es mussten 26 Brücken für 78 Millionen Euro gebaut werden. Die Gesamtbaukosten betrugen 230 Millionen Euro.

Bad Oeynhausen: Fahrt über die neue A30-Nordumgehung vor der offiziellen Freigabe im Dezember 2018. Foto: Jörn Martens

Für die Innenstadt geht Johanning zukünftig von 50 Prozent weniger Verkehr aus. „Wir erhoffen uns, dass es unter 20.000 Autos pro Tag auf der B61 werden." Die verschiedenen Parallelstraßen sollen auch entlastet werden.

Das freut auch einige Geschäftstreibende. Janette Berger, Inhaberin der freien Tankstelle mit Fahrradgeschäft an der Werster Straße in Bad Oeynhausen ist froh, dass der Verkehr umgelenkt werde. „Wir leben vor allem von Stammkunden und weniger vom Durchgangsverkehr. Für die Lkw sind wir zu klein.“ Der Verkehrslärm störe sie und ihre Kunden, wenn sie sich Fahrräder im Außenbereich anschaue. 

Autofahrer und Anwohner an der Mindener Straße in Bad Oeynhausen warten seit Jahren darauf, dass die Lücke auf der A30 geschlossen und die Innenstadt entlastet wird. Foto: Friso Gentsch/dpa

Auch Tankstellenpächterin Laura Hub sieht für ihre Star-Tankstelle an der Mindener Straße zukünftig mehr Vor- als Nachteile durch den nachlassenden Verkehr an der B61. „Der Stress überwiegt, viele Autofahrer, auch aus dem Ausland, benehmen sich oft daneben. Die Leute kaufen nicht so viel und am Sprit verdiene ich fast nichts“, sagt Hub. Wie wenig der Verkehr und damit das Geschäft für sie werde, könne sie noch nicht absehen.

Die Stadt sieht durch die Nordumgehung eine Chance, vom „Image der Verkehrschaos-Stadt loszukommen“, wie Stadtsprecher Volker Müller-Ulrich sagt. „Bad Oeynhausen als Kurstadt soll wieder in den Fokus rücken.“




Chronologie zur Nordumgehung:

In den 70er Jahren gründen Bewohner im Bad Oeynhauser Stadtteil Babbenhausen eine Notgemeinschaft, als der A30-Zubringer in Rehme gebaut wird. Später kommen die Mitglieder des Vereins auch aus anderen Stadtteilen.

1984: Die Notgemeinschaft gegen die Nordumgehung beginnt ihre Öffentlichkeitsarbeit. Reiner Barg (damals Kandidat der Grünen für den Stadtrat) bringt eine Tunnellösung als Alternative zur Nordumgehung ins Spiel.

1988: Der Der Bad Oeynhausener Stadtrat spricht sich mehrheitlich

1991: gründeten die Nordumgehungsgegner eine Klägergemeinschaft. In den folgenden Jahren sammeln sie 100.000 Euro an Spenden für Gutachten, Experten und Anwälte ein.

1993: Kehrtwende im Stadtrat, der sich nun für den Bau der Nordumgehung entscheidet.

Februar 1999: Bürgerinitiative Pro Nordumgehung wird gegründet.

2001: Das Planfeststellungsverfahren von 1978 wird endgültig eingestellt.

Juni 2001: Die Bad Oeynhauser und Löhner haben erstmals die Gelegenheit, die Nordumgehung als Modell zu sehen.

9. Juli 2001: Bis zum Ende der Einwendungsfrist gehen 1408 Einwendungen gegen die Planung ein.

10. Februar 2003: Der Landesbetrieb Straßen NRW muss nachbessern und eine Verkehrsprognose und ein weiteres Klimagutachten nachreichen.

7. April 2006: Die Gegner der Nordumgehung wollen beweisen, dass der Bau eines Troges dem Schutz der städtischen Heilquellen nicht im Wege stehen würde. 

10. April 2006: Vermessungsarbeiten für die Nordumgehung beginnen.

Seit Herbst 2006 ruft die Notgemeinschaft gegen die Nordumgehung, die damals mehr als tausend Mitglieder hat, jeden Montag zur Demo durch die Innenstadt auf.

02. Januar 2007: Die Bezirksregierung Detmold schließt die Prüfung der Nordumgehung ab und erlässt den Planfeststellungsbeschluss.

12. März 2007: Drei Klagen gegen den Planfeststellunsbeschluss zur Nordumgehung sind beim Bundesverwaltungsgericht eingegangen. 

Juli 2008: Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig lehnt die Klage der Gegner gegen den Planfeststellungsbeschluss für die Nordumgehung ab.

Im Oktober 2008 beginnt der Bau der Nordumgehung. 

August 2015: Die Beschwerde einer Baufirma verzögert den Weiterbau der Nordumgehung

6. Dezember 2018: Offizielle Eröffnung der Nordumgehung

9. Dezember 2018: Freigabe der Nordumgehung für den Verkehr.


Kosten insgesamt: 230 Millionen Euro

Davon Brücken: 78 Millionen Euro

Tunnel: 23,5 Millionen Euro

Streckenbau: 56 Millionen Euro

Ankauf von Ausgleichsflächen: 27 Millionen Euro

Die Stadt Bad Oeynhausen bezahlte zusätzlich eine Million Euro für einen grobporigen Asphalt, der Lärm besser schlucken soll.

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