Skandal schockiert NRW-Katholiken Jetzt offiziell: Bischof vertuschte vor seiner Amtszeit Missbrauch

Von lnw

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Zahlreiche Menschen nahmen an der Informationsveranstaltung "Der Missbrauchsfall in Rhede" im Pfarrheim der Pfarrei "Zur Heiligen Familie" teil. Foto: dpaZahlreiche Menschen nahmen an der Informationsveranstaltung "Der Missbrauchsfall in Rhede" im Pfarrheim der Pfarrei "Zur Heiligen Familie" teil. Foto: dpa

Rhede. Für manche war er der gute Seelsorger, andere machte er zu sexuellen Opfern – und wurde dabei gedeckt von Münsters späterem Bischof. Ein Jahre zurückliegender Missbrauchsskandal schockiert die Katholiken in NRW und wirft wieder die Frage nach mehr Macht für Frauen auf.

Die beiden Hauptpersonen sind nicht da. Beide längst tot. Es geht um Münsters 2013 verstorbenen Bischof Reinhard Lettmann und einen pädophilen Priester, der 1971 nach früheren Verfehlungen in die Kirchengemeinde nach Rhede versetzt wurde. Dort missbrauchte er erneut Kinder und Jugendliche. Auch im Ferienlager, wie Zeugen jetzt dem Bistum berichtet haben. Und das, obwohl die Bistumsleitung von der Vorgeschichte des Mannes wissen musste. Zur Leitung gehörte der damalige Generalvikar und spätere Bischof Lettmann. Als der jetzige stellvertretende Generalvikar des Bistums, Jochen Reidegeld, am Dienstagabend bei einer Informationsveranstaltung bei den Opfern im Namen des Bischofs um Vergebung bittet, ist ihm die Scham und Betroffenheit anzusehen. Reidegeld kämpft mit den Tränen. Von Versagen ist die Rede. Seine katholische Kirche müsse jetzt endlich die Strukturen zerschlagen, die das jahrzehntelange Vertuschen erst möglich gemacht haben. Reidegeld redet von Männerbünden und fordert, dass jetzt möglichst schnell Frauen Ämter übernehmen müssten. "Und da will ich nicht mehr hören, dass die Kirche dafür noch Generationen braucht", sagte der Vertreter des Bistums. Es müsse jetzt geschehen.

Auch an Schule versetzt

Dass der pädophile Priester nicht nur im westlichen Münsterland Opfer gefunden hat, wird beim Blick auf seine Versetzungsliste klar. Nach seiner Priesterweihe war er in Aldekerk, Waltrop, Bösensell, Dinslaken-Lohberg, Bockum-Hövel, Rhede, Marl und ab 1974 an Berufsschulen in Marl und Recklinghausen, an denen er als Religionslehrer engagiert war. "Es gab Entscheidungen, vor denen man aus heutiger Sicht einfach fassungslos steht. Wie konnte man einen Priester, der sich des Missbrauchs schuldig gemacht hat, an eine Schule versetzen? Wie konnte man ihn erneut in eine Pfarrei einsetzen?", fragte Reidegeld.

Er spricht von strukturellem Versagen der Kirche. Als Gemeindemitglieder sich in der Versammlung melden und sich geschockt zeigen, dass die Verbrechen von der obersten Bistumsleitung sogar gedeckt und vertuscht worden seien, stockt Reidegeld. Er könne sich den Wortmeldungen nur anschließen, sagt er leise. Der spätere Bischof Lettmann hatte den Priester – damals noch im Amt des Generalvikars – versetzt. Dafür hat das Bistum jetzt einen schriftlichen Beleg gefunden.

Betroffene Gemeinden gespalten

Zwei Mitarbeiter des Opferschutzvereins Zartbitter aus Münster erklären die Hintergründe und liefern Fakten zu sexuellem Missbrauch. Sie schildern die Verbrechen aus Opfersicht und warum gerade das Abhängigkeitsverhältnis von Priester oder Pfarrer zu einem Kind oder Jugendlichen in der Pubertät sexuellen Missbrauch so perfide macht.

Opfer und deren Angehörige melden sich per Mikrofon zu Wort. Sie fragen nach einem Gespräch mit den Zartbitter-Vertretern noch am selben Abend in Rhede. Die Zusage kommt sofort.

Dass es aber auch eine Spaltung der betroffenen Gemeinden gab und gibt, machten Wortmeldungen hinter vorgehaltener Hand vor Beginn der Versammlung deutlich. "Alles hochgepuscht, solche Fälle gibt es doch in jedem Sportverein", sagte ein älterer Mann in der ersten Sitzreihe. Die Bistumsleitung berichtete, dass der vorbestrafte Priester für andere Teile der Gemeinde wichtige Arbeit als Seelsorger geleistet habe. Bei seinem Abschied in den Ruhestand veröffentlichte die Kirchenzeitung noch einen lobenden Artikel und zeigte den Priester in einer für ihn typischen Haltung mit Gitarre.

Hohe Dunkelziffer

Offiziell haben sich allein aus der Gemeinde Rhede mehrere Opfer beim Bistum gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Das Bistum Münster kündigte an, mit Hilfe von Dritten die Vorwürfe aufzuarbeiten. Das Bistum stehe dabei erst am Anfang. Erschwerend komme hinzu, dass die Personalakten unvollständig seien. "Es fehlen Versetzungsurkunden", sagte der stellvertretende Generalvikar. Daher müssen jetzt noch zusätzliche Dokumente wie Sitzungsprotokolle oder Briefwechsel ausgewertet werden. Denn: In vielen Fällen sei unklar, wer was wusste und zu verantworten hatte.

Die Staatsanwaltschaft Münster prüft derzeit, ob Ermittlungen aufgenommen werden. Dazu gab es erste Gespräche mit dem Bistum. Die Frage, ob die Fälle nicht längst verjährt sind für eine strafrechtliche Verfolgung, ist nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt nicht pauschal zu beantworten. "Da müssen wir uns jeden Fall einzeln anschauen."

Die erste Reihe im Saal wurde im Laufe des Abends immer wortkarger. Mehrere Betroffene aus den hinteren Reihen meldeten sich zu Wort. Andere zeigten sich geschockt von den geschilderten Verbrechen: "Er ging bei uns ein und aus, er hat uns sogar getraut", sagte eine Frau sichtlich betroffen. Sie hatte nur die gute Seite des Priesters kennengelernt. 


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