Delegationsreise Nordrhein-Westfalen umgarnt Handelspartner China

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Start-up Byton: „Apple der Autoindustrie“. Foto: Florian PfitznerStart-up Byton: „Apple der Autoindustrie“. Foto: Florian Pfitzner

Peking/Nanjing. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) ist mit einer Delegation nach China gereist. In der ehrgeizigen Volksrepublik setzt er auf offensive Vermarktung – und stellt „große Fragen“.

Zur Feier des Tages haben sie einen gefühlsschweren Film eingespielt. Fahnen wehen im Wind, Menschen gestikulieren angeregt bei Tee und Teigtaschen. Klassische Klaviermusik leitet den Flug über ein gigantisches Gewerbegebiet ein, Maschinen rattern zu Violinen. In der Fraternity Hall, dem Saal der Verbrüderung im Jinling Hotel Nanjing, steht man vor üppig gedeckten Tischen. Der Imagefilm endet mit einem „Welcome to Jiangsu“.

Die ostchinesische Provinz feiert mit ihren Gästen aus Nordrhein-Westfalen dreißig Jahre Regionalpartnerschaft. Das Gala-Dinner ist der letzte Tagesordnungspunkt für Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart auf seiner Asienreise. Man wolle weiter voneinander lernen, sagt er pflichtgetreu in seinem Grußwort. Hinter ihm liegen Tage der Anbahnung.

Längst größte Handelsnation, bald größte Volkswirtschaft

Mit rund 188 Milliarden Euro ist China Deutschlands größter Handelspartner, bei einem Importüberschuss von rund 16 Milliarden Euro. Zwischen NRW und der Volksrepublik liegen die Importe und Exporte unterm Strich bei 37,9 Milliarden Euro. Hiesige Firmen haben zuletzt Waren für 26,7 Milliarden Euro aus China eingeführt – von Computern bis Cordhosen.

Bald wird die größte Handelsnation die größte Volkswirtschaft der Erde stellen. Man öffnet also das Schaufenster: „NRW – Land der Innovationen“. Spitzencluster, Hidden Champions, Meister des Strukturwandels. Er könne hier nicht mit mittelmäßigen Erträgen ankommen oder das Land irgendwie unter Wert verkaufen, erklärt Pinkwart in einer ruhigen Minute. „Sonst sagen die einfach: Forget about it“, vergesst es. In einer offiziellen Mitteilung wird er später behaupten, NRW sei die „mit Abstand bedeutendste Zielregion für chinesische Investitionen in Deutschland“.

Im Hochglanz-Palast von Huawei

Wie es um den chinesischen Ehrgeiz steht, zeigt sich beim Besuch des größten Telekommunikationskonzerns. In einem der äußeren Bezirke Pekings schlägt das „Herz von Huawei“, sagt Gastgeber Michael Lemke beim Empfang der vierzigköpfigen Delegation aus NRW. Man verliert sich in einem Hochglanz-Palast mit eingebettetem Showroom, der einem Raumschiff gleicht.

Mit Kennermiene lauscht Pinkwart den Ausführungen des Technologieexperten: Weltspitze bei der 5G-Entwicklung, weit gereifte Pläne bei der vernetzten Stadt, in der künstliche Intelligenz hilft, den Straßenverkehr zu lenken. Gerade ist Huawei zum weltweit zweitgrößten Smartphone-Hersteller aufgestiegen, vor Apple, hinter Samsung. Mit einer Technologie, sagt Lemke, „mit der man die Milchstraße aus der Hand fotografieren kann“.

Pinkwart switcht ins Englische, spricht über Telekom in Bonn und Vodafone in Düsseldorf. So, jetzt aber weiter mit der Führung, „it’s your turn“.

Unter der Kontrolle der Partei

Pekings Zeitungen loben in diesen Tagen ihren Herrn Xi Jinping für seine angeblich offene Haltung in Wirtschaftsfragen. Chinas Staatspräsident schaffe privaten Unternehmen Freiräume; inzwischen seien sie ein Garant für Stabilität und gesundes Wachstum.

In der mitgereisten Gruppe lächelt man über solche Meldungen. „Ohne die Partei läuft hier gar nichts“, sagt einer. In der Tat rekrutiert und kontrolliert die Kommunistische Partei neben Führungsriegen in staatlichen Organen und gesellschaftlichen Organisationen auch Manager in Wirtschaftsunternehmen. Der Elektrobus-Hersteller Foton führt die Delegation in ein Konferenzzimmer, an der Wand: Hammer und Sichel auf rotem Grund. Auf der Gründerstraße von Inno Way gibt man an, was die Start-ups fürs Vaterland geleistet haben.

Kluft zwischen den Kulturen

Ragt ein ausländisches Unternehmen zu weit aus der Masse heraus, greift die Partei eilig zu Paragrafen, um es einzuhegen. Mitunter gibt es eine große Kluft zwischen den Kulturen. Der konservative deutsche Mittelstand mit seiner langfristigen Orientierung trifft auf die hastige Geschäftsabwicklung chinesischer Prägung. „Wo sehen Sie das Unternehmen in fünf bis zehn Jahren?“, fragt Pinkwart den Manager Mark Duchesne vom Elektroauto-Start-up Byton. „Wow“, das sei eine „große Frage“, sagt der frühere Toyota-Mann. „Wir versuchen, die nächsten zwei Jahre zu überleben.“

Im Raumschiff von Huawei sagt man, ihr Welterfolg stütze sich allein auf „fleißige Arbeit“. Duchesne erklärt offen, dass Byton mit seinem „Tesla made in China“ auf die Hilfe der Regierung, also der Partei, angewiesen sei. „Wir wollen das Apple der Autoindustrie werden.“

Die chinesischen Gepflogenheiten schrecken manche deutsche Firmen ab. Aus Angst, dass ihre Produkte abgekupfert werden, bauen sie Zweigstellen außerhalb der Volksrepublik an der „Neuen Seidenstraße“. Pinkwart kontert die Zweifel mit Wettkampfgeist. Chinas Firmen zapften nicht nur ab, „sie fordern uns auch heraus, geben uns Anstöße“, sagt er. „Wenn man es so begreift, sehe ich keine Gefahr, sondern eine Bereicherung.“


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