Inhaberin: "Einfach mal die F****e halten" Nach Amokfahrt in Münster: Gäste des Kiepenkerl machen blöde Scherze

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Ein Mann war am 7. April 2018 mit einem Campingbus in der Münsteraner Altstadt in den Außenbereich des Lokals Grosser Kiepenkerl gefahren. Foto. Friso Gentsch/dpaEin Mann war am 7. April 2018 mit einem Campingbus in der Münsteraner Altstadt in den Außenbereich des Lokals Grosser Kiepenkerl gefahren. Foto. Friso Gentsch/dpa

Münster. Die Inhaberin des Gasthauses Grosser Kiepenkerl in Münster ist fassungslos: Zahlreiche Gäste suchen das Lokal wegen der Amokfahrt vom 7. April 2018 auf – und "leisten sich blöde Scherze". In einem Facebook-Post hat Wilma von Westphalen ihrem Ärger nun Luft gemacht.

"Unsere Mitarbeiter/innen sind fassungslos und oft den Tränen nah, angesichts der blöden Scherzchen und Kommentare, die sich manche Menschen erlauben. Das ist unfassbar respektlos gegenüber allen Opfern und Betroffenen", schreibt von Westphalen in dem Beitrag. Für ihr Team werde die Amokfahrt von Münster immer eines der schrecklichsten Erlebnisse ihres Lebens bleiben, viele Mitarbeiter seien nach wie vor in psychologischer Betreuung. "Deshalb formulieren wir unseren Appell hier in aller westfälischen Deutlichkeit: Einfach mal die F****e halten.  Und behalten uns vor, solche respekt- und gedankenlosen Leute künftig vor die Tür zu setzen."

Mit Campingbus in Menschenmenge gerast

Der 48-jährige Jens R. war am Samstag, 7. April 2018, mit einem Campingbus in der Innenstadt von Münster in eine Menschenmenge unmittelbar vor dem Gasthaus Grosser Kiepenkerl gefahren, danach hatte er sich erschossen. Eine 51-jährige Frau und ein 65-jähriger Mann starben sofort, später erhöhte sich die Zahl der Toten auf vier. Mehr als 20 Menschen wurden verletzt. 

Sensationslust hört nicht auf

Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt von Westphalen ihre teils harschen Worte. Nach dem 7. April seien viele Menschen auf sie und ihre Mitarbeiter zugekommen und wollten Details zu der Amokfahrt erfahren. "Wir haben stets darauf hingewiesen, dass wir keine Auskunft geben", sagt die Inhaberin des Kiepenkerls. "Wir haben gehofft, dass die Sensationslust irgendwann aufhört, aber die Fragen haben nicht aufgehört, sondern haben im Laufe der Zeit eine gewisse Konstanz erreicht", erklärt von Westphalen. 

"Kann ich noch mein Bier austrinken oder werden mir dann gleich die Beine abgefahren?"Gäste des Lokals Grosser Kiepenkerl in Münster

Oftmals hätten die Gäste dumme Sprüche abgelassen wie: "Kann ich noch mein Bier austrinken oder werden mir dann gleich die Beine abgefahren?" Andere Gäste hätten das Personal nach einem Foto gefragt, "damit wir eine Erinnerung haben an den Platz, wo das Auto reingefahren ist."

Touristenführer sind der Höhepunkt

Die Inhaberin ist selber sieben Tage die Woche an der Front im Tagesgeschäft und pflegt engen Kontakt zu ihren Mitarbeitern. "Wir Betroffene werden jedes Mal wieder emotional mit der Geschichte konfrontiert. Einige Mitarbeiter sind immer noch nicht stabil", betont von Westphalen. 

Den Höhepunkt habe die Schaulust erreicht, als selbst die Stadtführer minutiös den Ablauf der Amokfahrt erläuterten, statt wie üblich das Denkmal des Kiepenkerls zu beschreiben. Als sie der Stadt das mitgeteilt hatte, habe sich das aber zum Glück wieder geändert. 

Für Situation nicht geschult

Weil aber die Kommentare der Gäste nicht aufhörten, entschied sich die Inhaberin für den Facebook-Post. So will sie das Problem mit Hilfe der Öffentlichkeit in den Griff bekommen. "Im April haben wir so viel Trost und Zuspruch von Ihnen allen erfahren, dass wir auf Ihr Verständnis für diesen Ausbruch hoffen. Aber wir möchten die Würde der Opfer und unseres Teams schützen und setzen dazu auch auf Öffentlichkeit. Danke fürs Lesen!", schreibt von Westphalen zum Ende des Beitrags. 

Im Gespräch mit unserer Redaktion weist die Kiepenkerl-Besitzerin darauf hin, dass sie ihren Gästen gegenüber nicht laut werden will. Dennoch sei es bei besonders dreisten Kommentaren von Gästen in der Vergangenheit bereits dazu gekommen. Für Situationen wie diese sei sie nicht geschult, entschuldigt sie sich.

Daher ist von Westphalen froh, dass der Schritt an die Öffentlichkeit von der Facebook-Community vollends positiv aufgenommen wurde. Kein einziger negativer Kommentar findet sich unter dem Beitrag. Nutzerin Hilde Flatti schreibt etwa: "Es ist traurig, das man diesen Artikel überhaupt verfassen muss. Charakterlose Menschen wird es leider immer geben. Respekt allen Mitarbeitern die sich dieser Aufgabe stellen müssen." Ulla Mischok wird schon deutlicher und schreibt: "Genau so ist es richtig..... Wer sich nicht benehmen kann..... RAUS...."

Auch Reaktionen von Gästen gab es bereits, sagt von Westphalen. Eine Gruppe habe sich etwa für das Verhalten eines Bekannten entschuldigt. Nun hofft die Betreiberin des Kiepenkerls, dass alle Gäste in Zukunft Verständnis zeigen und überflüssige Sprüche für sich behalten. 



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