Zu Hause in der Pott's Brauerei Georg Lechner – Der Mann, der im Biermuseum lebt und im Fass schläft

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Georg Lechner ist der Mann, der seit 65 Jahren Bier liebt und im Holzfass schläft. Fotos: Tobias SaalschmidtGeorg Lechner ist der Mann, der seit 65 Jahren Bier liebt und im Holzfass schläft. Fotos: Tobias Saalschmidt 

Osnabrück. Seit Georg Lechner denken kann, beschäftigt er sich mit Bier. Der 65-Jährige hat sein Leben dem goldenen Gerstensaft vermacht. Er hat ein eigenes Biermuseum, schläft im Holzfass und weiß alles über das deutsche Nationalgetränk. Eine etwas andere Liebesgeschichte.

11 Uhr morgens in Oelde: Georg Lechner hat Durst. Mit einem lauten "Plopp" öffnet er die gut gekühlte Bügelverschlussflasche. Genüsslich führt er das Kellerbier zum Mund. Er gönnt sich zwei große Schlucke. "Ahhh – erst einmal die Kehle ein bisschen anfeuchten", sagt er. Dann stellt er die Flasche weg – fürs Erste.

Lechner macht gerade ein Päuschen. In der Pott's Brauerei gibt er Führungen durch den Betrieb und sein eigenes Museum, das Georg-Lechner-Biermuseum. Heute entführt er etwa 40 Personen eines Gesangvereins aus Iserlohn in die Welt des Bieres.

Im Video: Georg Lechner erzählt, warum er im Fass schläft

Museum zeigt Schätze von Lechner

Das Museum erstreckt sich auf drei Etagen und etwa 350 Quadratmeter. Dort zeigt „Schorschi“, wie er liebevoll genannt wird, all seine Schätze, die er in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt hat. Dazu zählen mehrere tausend historische Brauereikrüge, Relief-Bierflaschen und Gläser, Emaille-Schilder, einmalige Dokumente über die Brauereigeschichte in Westfalen, ein originales Sudwerk aus dem Jahre 1900 und weitere geschichtsträchtige Exponate rund um das Thema Bier. (Weiterlesen: Angeberwissen: Was Sie noch nicht über Bayern wussten)

All seine gesammelten Schätze stellt Georg Lechner in seinem eigenen Biermuseum in der Pott's Brauerei in Oelde aus. Foto: Yannick Richter

Ständchen für Gästeführer

Die kleine Bierpause ist vorbei. Der gelernte Braumeister kehrt zur Besuchergruppe zurück. Leidenschaftlich und wortgewandt unterhält er die Truppe mit Informationen, Anekdoten und Erlebnissen. Lechner ist gerade voll in seinem Element. Er zieht die staunenden Gäste förmlich in seinen Bann, macht die Geschichte des Brauwesens greifbar. Dann schaut er auf die Uhr, um festzustellen, dass er schon längst überzogen hat. „Oh, ich hoffe, Sie sind jetzt nicht zu sehr unterhopft.“ Lechners Teil der Führung endet hier. Den Abschluss macht aber der Gesangsverein. Nach langem Applaus gibt es für den Gästeführer standesgemäß ein Ständchen.

Auf drei Etagen und einer Fläche von etwa 350 Quadratmetern zeigt Georg Lechner seine beachtliche Sammlung. Foto: Yannick Richter

Lechner und Sammlung im Doppelpack

In Ostwestfalen lebt er seit 2001. Seitdem existiert auch das Biermuseum. Die Umstände des Umzugs nach Oelde sind einzigartig. Rainer Pott, der damalige Geschäftsführer der Brauerei, wollte einen Teil von Lechners Sammlerstücken haben. Weil der Bierenthusiast, der zu dem Zeitpunkt noch in Ostfriesland lebte, sie nicht abgeben wollte, blieb Pott nur eine andere Lösung. Er holte die komplette Sammlung ins Münsterland – Georg Lechner inklusive. Nach Lechners Vorstellungen wurde daraufhin das Museum konzipiert.

Mehrere tausend historische Brauereikrüge und Reliefbierflaschen sind im Museum zu sehen. Foto: Yannick Richter

42-Hektoliter-Lagerfass als Schlafzimmer

Doch Lechner ist nicht nur Museumsbesitzer. Er ist gewissermaßen sein eigenes Exponat, denn: Er lebt auch im Museum. Sein Schlafplatz? Ein umfunktioniertes Holzfass. Seit 1989 nutzt er das 42-Hektoliter-Lagerfass als Schlafzimmer. Seine damalige Frau sei ihm „weggelaufen“, sagt Lechner, "weil ich mich eben viel zu viel mit Bier beschäftigt habe". Kurze Zeit später habe er das Fass entdeckt und umgebaut. Fünf Mal sei das Fass mit ihm schon umgezogen, bis er jetzt in Oelde sesshaft geworden ist. Mitten im Museum hat das historische Fass seinen Platz gefunden. Die Frage, ob er sich einmal für ein Foto ins Fass legen würde, werde ihm andauernd von Gästen gestellt. Das schließt er aber kategorisch aus. „Ins Bett gehe ich nur, wenn ich auch schlafen will.“

Seit fast 30 Jahren unzertrennlich: Georg Lechner und sein Schlafzimmer, ein 42-Hektoliter-Lagerfass. Foto: Tobias Saalschmidt

"Schorschi" ist Genießer

Nach der Führung marschiert Lechner strammen Schrittes in seinen Ruheraum. Sein Weg führt ihn erneut zum Kühlschrank. Schwungvoll öffnet er erst die Tür, dann den Bügelverschluss des Kellerbiers. Den restlichen Inhalt seiner vorhin angebrochenen Flasche gießt sich Lechner in einen Tonkrug. Was dann folgt, ist pure Zelebration. „Schorschi“ ist zwar Genießer und kein Trinker, die Frage, wie viel Bier er am Tag trinken würde, hört er trotzdem nicht gerne.

11 Uhr morgens in Oelde: Georg Lechner gießt sich ein Bier ein. Foto: Tobias Saalschmidt

Bier im Blut

Lechner ist in Oberfranken, der Region mit der größten Brauereidichte weltweit, groß geworden. Er stammt aus einer Brauerfamilie. Zwischen Flaschen und Krügen hat er sich schon immer am wohlsten gefühlt. "Ich kenne seit 65 Jahren nur Bier", sagt Lechner. Dementsprechend früh kam er mit dem Getränk auch in Kontakt. "Mit fünf, sechs Jahren habe ich schon am Schaum geleckt und regelmäßig Bier getrunken." Er entwickelte eine innige Beziehung zum Hopfengetränk, die seinesgleichen sucht. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Lechner hat Bier im Blut – und zwar wortwörtlich.

Mitten im Museum befindet sich Lechners Schlafzimmer. Foto: Tobias Saalschmidt

Ohne Kühlschrank geht nichts

Der Freiberufler hat jetzt erst einmal eine längere Pause. Er sitzt in einem Raum, der mehr oder weniger Bibliothek, Büro und Wohnzimmer zugleich ist. Hier verbringt er den Großteil seines Lebens. Viel benötigt der genügsame Franke zum Leben nicht. Toilette und Dusche sind in seinem Museum vorhanden. Seine Mahlzeiten nimmt er im zur Brauerei dazugehörenden Restaurant ein. Ein Gegenstand ist allerdings von existenzieller Bedeutung für ihn: der Kühlschrank. "Weil da immer frisches Bier drin ist, ist doch klar." Wie gut, dass im besagten Raum einer steht. Die nächste Runde kann starten. Lechner greift wieder zum Kellerbier. Prost.

Prost: Während seiner Pause genehmigt sich Georg Lechner einen Schluck Kellerbier. Foto: Tobias Saalschmidt

Paradies für Bierhistoriker

Lechners Wohnzimmer ist ein Paradies für Bierhistoriker. In den Regalen stapeln sich sämtliche Ausgaben der Fachzeitschrift "Brauwelt" ab dem Jahre 1884. In mehreren Dutzend Ordnern hat er mehr als 200.000 Bierflaschenetiketten abgeheftet – fein säuberlich sortiert nach den Postleitzahlen der Brauereien. Dazu zieren den Raum noch etliche zum Teil uralte Bücher, aus denen Lechner sein Wissen über Bier zieht. 

„Am Tag 16 bis 18 Stunden Bier und sonst nix.“Georg Lechner, Biermuseums-Inhaber

Wandelndes Bierlexikon

Der Bierfreund hat sogar eigene historische Braudatenbank angelegt. Darin enthalten sind Informationen zu 13.000 aktiven und ehemaligen Brauereien aus Deutschland. Die Brauereigeschichte von mindestens 8.000 Brauereien habe er im Kopf, so Lechner. Auf Anfrage stellt er Brauereien oder Städten seine Daten zur Verfügung. Natürlich gegen Entlohnung, denn nur von den Museumsführungen könne er nicht leben, so Lechner. Zwei Bücher hat der bundesweit gefragte Bierexperte auch schon geschrieben. Wie Lechners Alltag aussieht? "Am Tag 16 bis 18 Stunden Bier und sonst nix", sagt er selbst. Ein Leben ohne Bier ist für ihn unvorstellbar.

In seiner Bibliothek durchforstet Georg Lechner alte Zeitschriften, Bücher und Dokumente. Foto: Tobias Saalschmidt

Interesse an Bier geht verloren

Auf Wunsch eines wissbegierigen Gastes greift Lechner zum Ordner über Osnabrücker Brauereien. Bedächtig blättert er sich Seite für Seite durch die Dokumente. "Da ist ja leider nicht mehr viel übrig geblieben", sagt er angesichts der trostlosen Brauerei-Landschaft in der Region. Er schwelgt in Erinnerungen: "Früher haben sich die Menschen mehr für Bier interessiert. Man hat sich Gedanken darüber gemacht, woher das Bier kommt und wer es braut.“ Obwohl Millionen Menschen in Deutschland Bier trinken, das Angebot an verschiedenen Sorten gewaltig ist und sich mittlerweile Biersommeliers und andere Experten beruflich mit dem Gerstensaft beschäftigen, steht er der Entwicklung der Bierkultur skeptisch gegenüber. Die Leute ließen sich heute zu sehr von der Werbung und dem Preis lenken. "Sie wissen den Inhalt des Bieres nicht mehr wertzuschätzen."

"Industriebier geht bei mir gar nicht. Von den ganzen Fernsehsuppen halte ich gar nichts. Das hat mit Bier für mich nichts zu tun.“Georg Lechner, Biermuseums-Inhaber

Bloß kein Industriebier

Im Gegensatz zu Lechner. Bei der Bierauswahl setzt der gelernte Braumeister auf Tradition. Im besten Fall komme das Bier aus einer kleinen Privatbrauerei. "Frisch vom Füller abgefüllt. Das sind meine Lieblingsbiere." Von den gängigen Bieren lässt er hingegen die Finger. "Industriebier geht bei mir gar nicht. Von den ganzen Fernsehsuppen halte ich gar nichts. Das hat mit Bier für mich nichts zu tun.“ Dasselbe gelte für Craft-Bier.

Ein aus mehr als 100 Bügelflaschen hergestellter Kronleuchter gehört ebenfalls zur Innenausstattung des Musuems. Foto: Yannick Richter

Sammlerstücke als Bezahlung

Lechner schlendert durch sein Museum. Er stützt sich an seinem riesigen Holzfass ab, klopft behutsam auf die Dauben. Dann blickt er auf seine vielen Exponate. Seine Sammlung würde er gerne erweitern. Das gestalte sich aber schwierig, weil der Markt dafür in Nord- und Westdeutschland für ihn kaum etwas hergebe. Viele Leute würden auch auf ihn zukommen, um ihm Gegenstände anzubieten. "Das ist zwar nett gemeint, aber da ist fast immer nur Mist dabei." Um seinen Bestand zu vergrößern, mache er aber hin und wieder Deals mit Brauereien. Wenn er Ausarbeitungen für die Bierproduzenten anfertige oder sie anderweitig berate, ließe er sich anstelle von Geld manchmal auch durch besondere Sammlerstücke entlohnen.

Der Sammler verfügt über mehr als 200.000 verschiedene Bieretiketten. Foto: Tobias Saalschmidt

Unterwegs mit der historischen Abfüllanlage

Mit einer wertvollen Rarität zieht Lechner quer durch Deutschland von Fest zu Fest und Brauerei zu Brauerei. Er besitzt eine historische Abfüllanlage. Nach eigenen Angaben ist es "die kleinste historische Flaschenabfüllanlage der Welt, die noch in Betrieb ist". Der Füller stammt aus dem Jahr 1910. Vor den Augen der Gäste füllt er in echter Handarbeit den Gerstensaft ab. Pro Stunde könne er damit etwa 200 bis 250 Flaschen abzapfen. Mit auf Tour ist fast immer seine Frau Lucya. Seit einigen Jahren ist er nämlich wieder glücklich verheiratet. Während Lechner zapft, ist seine Gattin für Verkauf und die individuelle Etikettierung der Flaschen verantwortlich. Der Nachteil an diesem Job: „Wenn ich abfülle, kann ich kein Bier trinken. Ich kann da ja nicht acht Stunden mit drei Promille arbeiten.“ Der Nachteil an seiner Ehe: Weil seine Frau nicht so gerne im Fass schläft, seien auch seine Nächte im Bierfass weniger geworden. Stattdessen sei er häufiger in der Wohnung seiner Gemahlin zu Gast.

Im Video: Lechner und seine historische Abfüllanlage


Wie lange macht Lechner noch weiter?

Der Biernostalgiker nimmt wieder in seinem Büro Platz. Lechner durchforstet eine seiner Fachzeitschriften, macht sich Notizen für seine Datenbank. Darüber, wie lange er mit Bier noch Geld verdienen will, möchte er keine Aussage treffen. Auch der Frage, was mit seiner Sammlung irgendwanneinmal passiert, weicht er aus. Er sagt nur so viel: „Es ist alles vertraglich geregelt.“ Ein Wechsel in eine andere Brauerei oder an einen anderen Ort sei aber ausgeschlossen, stellt Lechner klar. Das „Plopp“-Geräusch der aufgehenden Bügelflasche in "Schorschis" Büro dürfte die Museumsgäste auch künftig noch erheitern.


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