Rheinisches Revier Hambacher Forst: Kohlekonflikt vor dem Tag X

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Protestcamp „Gallien“: Um die fünfzig Hütten haben die Besetzer mittlerweile in die Bäume gezimmert. Archivfoto: BockProtestcamp „Gallien“: Um die fünfzig Hütten haben die Besetzer mittlerweile in die Bäume gezimmert. Archivfoto: Bock

Kerpen-Buir . Angesichts der geplanten Rodungen im Hambacher Forst rechnet man im rheinischen Braunkohlerevier mit 
massiven Auseinandersetzungen. Längst ist der Wald zu einem Symbol des Widerstands geworden.

Auf den Waldwegen haben sie schwere Barrikaden aufgetürmt, hölzerne Hürden aus dicken Ästen und Europaletten. Zwischen den Hainbuchen und Stieleichen liegen sorgfältig aufgereihte Zweige, kleine Pfadplanken zu den Siedlungen der Klimaaktivisten im Hambacher Forst. Ab und zu stößt man auf Gräben, metertief ausgehoben, um Zeit zu gewinnen, wenn die Polizei in den Wald hineingeht – und aus Angst vor dem großen Loch, dem Tagebau Hambach.

In der Nähe von Köln nagen sich seit Jahrzehnten gigantische Maschinen durch die Erde. Ganze Dörfer haben sie abgebaggert; für die Förderung der Kohleflöze hat der Energiekonzern RWE den Hambacher Forst größtenteils abgeholzt. Von den ursprünglich 4.100 Hektar sind nur einige Hundert übrig geblieben. Der Wald gehört dem Konzern, längst aber gilt der Flecken den Kohlegegnern als Symbol ihres Protests.

Polizei beklagt gewalttätige Übergriffe

Entsprechend aufgeheizt ist die Lage vor dem Beginn der Rodungssaison am 1. Oktober. Um die fünfzig Hütten haben die Besetzer mittlerweile in die Bäume gezimmert. Hundert, womöglich zweihundert Menschen halten sich im Wald auf – so genau lässt sich das hier nie sagen – gemäßigte und radikale Aktivisten. Auf einer Flagge prangt die Parole: „Macht mit beim Widerstand, ob friedlich oder militant.“

Sie stellen sich auf eine großflächige Räumung des Waldes ein. Es gab bereits handfeste Konflikte: Die Polizei reklamiert gewalttätige Übergriffe von vermummten Aktivisten. Es flogen Steine, Böller und Molotowcocktails. Um Belege für Straftaten zu sichern, rollten Mannschaftswagen zu einem Großeinsatz an. Polizeichef Dirk Weinspach sagt, die Klientel der Kohlegegner habe sich in wenigen Tagen radikalisiert.

„Meine Familie ist stolz auf mich“

In „Oaktown“, einem der Widerstandsnester im Wald, können sie die Wut hinter den Angriffen verstehen. Man trifft sich zu einem Pressegespräch. Tim aus Magdeburg, ein hagerer Mann Ende zwanzig, hat früher in der Autoindustrie gearbeitet. Nun erzählt er den angereisten Journalisten von seinem Ausstieg, fünf Jahre lebe er in dem groben Geäst seinen „Kindheitstraum“. Die Polizei habe hier schon Schusswaffen gezogen, sagt er. „Sind wir echt so gefährlich?“

In Oaktown, Eichenstadt, ernähren sie sich nach Möglichkeit vegan, zumindest vegetarisch. In den Hütten gibt es Komposttoiletten und stabile Vorrichtungen, um sich am Tag X festzuketten. „Meine Familie ist stolz auf mich“, sagt Basti, der ebenfalls schon jahrelang im Wald haust. Und wenn RWE am Ende durchzieht? Basti schweigt.

„Hand in Hand“ mit dem Werkschutz

Grünen-Politiker tingeln regelmäßig in den Wald, um mit den Klimaschützern über ihre Strategie zu streiten. Sie sollen sich von den Gewalttätern abgrenzen. Die maßvollen Aktivisten stellen lieber die Polizei infrage. „Hand in Hand“ trete sie zuweilen mit dem RWE-Werkschutz auf, sagt Rebe, eine Frau Anfang zwanzig.

Rebe trägt Kletterseile und Karabinerhaken am Gürtel. Sie sei „in Alarmbereitschaft“, sagt sie. Es sei „unangenehm, nicht zu wissen, wann genau die Bulldozer anrücken“. Kommt es zu einer Räumung, rechnet die Gewerkschaft der Polizei in NRW mit „einer der größten Herausforderungen“ in der Landesgeschichte.

„Überflüssige Machtdemonstration“

Antje Grothus von der Initiative „Buirer für Buir“ tritt für eine friedliche Konfliktlösung ein. Grothus wohnt in der Nähe des Tagebaus Hambach und sitzt in der Kohlekommission der Bundesregierung. Sie erzählt von den Zwangsumsiedlungen in der Region, dem „stillen Leid“ jener, die ihre Heimat verloren haben.

Die jetzt geplante Rodung sei „eine überflüssige Machtdemonstration zulasten des Klimas, der Natur, der Menschen und des sozialen Friedens“, sagt Grothus. RWE hintertreibe die Kommission. „Der Konzern schafft Fakten und eskaliert die Situation.“

RWE verteidigt geplante Rodungen

Die Kommunikationsabteilung des Energieriesen reagiert auf ihre Weise. Die Rodung sei Bestandteil der regulären „Vorfeldfreimachung“ zur Sicherstellung der Tagebaubetriebe im rheinischen Revier, heißt es. Der Konzernbetriebsrat warnt vor einem freien Fall „ins Bergfreie“ Tausender Beschäftigte.

Im Wald halten sie es für angezeigt, sich gezielt über Gesetze hinwegzusetzen. Die Okkupation der Bäume „mag nicht legal sein, aber legitim“, sagt Jan Pütz von der Aktion Unterholz. Wo hört das auf? „Es gibt einen klaren Konsens: Von uns geht keine Eskalation aus.“

Der Nachhaltigkeitsforscher Kai Niebert führt eine einfache Rechnung an. „Unter dem Wald liegen 1,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff“, sagt er. Verfeuert RWE die Menge, „müssten alle anderen Tagebaue in Deutschland sofort dichtmachen, wenn die Pariser Klimaziele erreicht werden sollen“.


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