Konzern in der Krise Thyssenkrupp – Sorge um den Mythos

Von Florian Pfitzner

Stahlkocher am Hochofen eines Thyssenkrupp-Werks. Foto: dpaStahlkocher am Hochofen eines Thyssenkrupp-Werks. Foto: dpa

Bochum. . Während die Konzernführung von Thyssenkrupp um den richtigen Kurs ringt, gärt es an der Basis. Beschäftigte im Stahlwerk Bochum sind schwer genervt von den täglichen Meldungen – und von gierigen Investoren.

Malocher in grauer Montur legen ihre Helme ab, Zigarettenpause an der Kaltwalzhalle. Schutzhandschuhe liegen am Rand eines großen Aschenbechers, einer tippt auf dem Handy herum. Man ist mittelprächtig gelaunt, die Meldungen über den Konzern nerven die Männer – in Duisburg wie in Bochum, dem zweitgrößten Standort von Thyssenkrupp Steel.

Dabei gab es gerade noch Grund zur Freude. So sagt es jedenfalls Schichtkoordinator Klaus Heekmann. Der mühsam ausgehandelte Tarifvertrag sei „gut für alle“. Die Vereinbarung mit dem Titel „Zukunft Stahl“ greift bei der angestrebten Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel und soll bis 2026 Beschäftigungen garantieren. Heekmann, 56, reicht das ziemlich genau für die Rente. „Die Jungen können fertig lernen und noch eine Menge Erfahrung sammeln.“

„Duisburg wär‘ auch nicht gerade geil“

Nun aber hören und lesen sie in Bochum von Wendungen, wonach der lange heruntergewirtschaftete Konzern womöglich zerschlagen werden soll. Die Männer stecken sich noch eine Zigarette an. Gilt das ausgehandelte Vertragswerk? Oder macht Bochum doch irgendwann dicht? „Jeden Tag nach Duisburg wär‘ auch nicht gerade geil“, sagt einer. Er wünscht sich verlässliche Informationen. Was sagt denn der Betriebsrat? „Welcher Betriebsrat?“, spottet einer der älteren Stahlarbeiter und schlappt in die Halle.

Thomas Rösler hat in Bochum Elektromaschinenmonteur gelernt, 30 Jahre ist das her. Zu Beginn kam er jeden Tag mit dem Fahrrad aus Gelsenkirchen. Inzwischen ist der große, kahlköpfige Mann einer von 19 Betriebsräten bei Thyssenkrupp Steel und zuständig für das Warmbandwerk 3.

„Die Kultur im Konzern hat sich verändert“

Rösler ist Kruppianer. Auf seinem ersten Vertrag stand noch Krupp Stahl, ohne Hoesch, ohne Thyssen. Er hat Thyssenkrupp als „grundsozialen Laden“ kennengelernt, sagt der 47-Jährige. Gewiss, die Arbeit sei erheblich verdichtet worden. „Noch aber bieten wir Arbeitsplätze, von denen man gut leben kann.“

Stahl liegt dem Mythos Krupp zugrunde. Nach den hochfliegenden Managerplänen mit Milliardenverlusten in Amerika soll er nun aber keine große Lobby mehr haben. „Stimmt nicht“, sagt Rösler mit aufgerissenen Augen. Die Kultur habe sich nur verändert „durch Hedgefonds wie Elliott, die plötzlich mit drei Prozent eine Welle der Gier lostreten können“.

Die Linke ruft nach einer Industriestiftung für NRW

Der US-Finanzinvestor hat sich auf den Konzern eingeschossen, lange sei er unter seinen Möglichkeiten geblieben. Elliott gehören seit Mai knapp drei Prozent von Thyssenkrupp. Er gilt als Investor, der seine Interessen zuweilen mit aggressiven Methoden durchpeitscht.

Im Politikbetrieb nutzt man die Krise für kühne Vorstöße. Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, verlangt eine öffentliche Industriestiftung für Nordrhein-Westfalen. Sie biete der Politik, der Belegschaft und den Kommunen „die Möglichkeit, Einfluss auf lebenswichtige Entscheidungen zu nehmen“. Im Saarland sei mit einer Stiftung einst die Stahlindustrie gerettet worden. „Wieso orientieren wir uns nicht daran?“ Gewinne würden in dem Modell nicht mehr als Rendite abfließen, sondern ein Polster bilden für Investitionen und schwierige Zeiten, erklärt sie.

„Da fühlt man sich verraten und verkauft“

Der nordrhein-westfälische IG-Metall-Chef Knut Giesler lobt die Idee. „Wir brauchen diese Diskussion über Regelungen, die vor allem dem Finanzmarkt Einhalt gebieten.“ Bislang sieht Giesler bei Thyssenkrupp allerdings „ganz besonders die Krupp-Stiftung in der Verantwortung“.

Als Chef der Krupp-Stiftung hat Berthold Beitz das Krupp-Erbe bis zu seinem Tod 2013 verwaltet. Rösler schwärmt von dem Manager: „Er war eine moralische Autorität. Und er hatte ein enge Bindung zum Stahl. Wir waren das Kerngeschäft.“ Zuletzt entzogen Kontrolleure im Aufsichtsrat Vorstandschef Heinrich Hiesinger ihr Vertrauen. Hiesinger bat um Auflösung seines Vertrags. Rösler hat das arg enttäuscht. Mit Blick auf Tata Steel „haben wir so lange mit ihm gerungen. Dann schmeißt er einfach das Handtuch – da fühlt man sich verraten und verkauft.“

Solche Gefühle kennen sie in der Kaltwalzhalle. Wandel habe es im Konzern häufig gegeben, sagt Schichtführer Heekmann. „Man darf deshalb nicht verzagen.“


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