Serie „Kunde und ich" Brautmodenausstatterin über Kleider im Wohnzimmer, Männer und Second-Hand

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Seit einem Jahr verkauft Claudia Rohlfing Outlet und Second Hand Brautmode in Bad Holzhausen. Manche Kleider, die sie annimmt, sind am Tag darauf verkauft, bei anderen dauert es länger. Foto: Nadine GrunewaldSeit einem Jahr verkauft Claudia Rohlfing Outlet und Second Hand Brautmode in Bad Holzhausen. Manche Kleider, die sie annimmt, sind am Tag darauf verkauft, bei anderen dauert es länger. Foto: Nadine Grunewald

Bad Holzhausen. Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 16: eine Brautmodenausstatterin.

Seit einem Jahr verkauft Claudia Rohlfing Outlet und Second Hand Brautmode. Atemlos heißt ihr Laden, den sie noch in ihrem Haus in Bad Holzhausen (Preußisch Oldendorf) betreibt. Die 47-Jährige möchte sich vergrößern und sucht nach Geschäftsräumen. Im Interview spricht sie darüber, warum Männer beim Kauf des Brautkleids die besseren Begleiter sind, Frauen überhaupt ihr Kleid verkaufen und warum ihr Job sie so glücklich macht.

Wie viele Frauen entscheiden sich für das falsche Kleid?

Ganz wenige. Ich glaube nicht, dass es das falsche Kleid gibt. Aber es ist wichtig, die richtige Begleitung zum Beratungstermin auszusuchen. 

Wie findet man überhaupt das richtige Kleid?

Mit viel Zeit. Eine Vorstellung zu haben, ist gut. Zuerst muss man die passende Stilrichtung finden und dann kann man darin nach dem richtigen Kleid suchen. 

Sehen Sie auf den ersten Blick, welches Kleid einer Kundin steht?

Wenn man Erfahrung im Verkauf hat, hat man sofort ein Kleid im Kopf, das der Frau stehen könnte. Manchmal kommt bei mir auch erst während der Anprobe der Punkt, an dem das passiert. Ich würde sagen, dass ich dabei zu 80 Prozent richtig liege. Ich muss mich auf die Frau einlassen und ihren Typ erkennen.

Bei Tüll und Tränen brechen die Bräute regelmäßig in Tränen aus, wenn sie ihr Kleid gefunden haben. Muss man sich Sorgen machen, wenn das bei einem selbst nicht so ist?

Nein. Das passiert im wahren Leben eher seltener. 80 Prozent der Frauen weinen nicht, wenn sie ihr Kleid gefunden haben. Die Mütter und Schwestern weinen manchmal, auch mal die Freundinnen. Im Fernsehen wird das falsch dargestellt, vor der Kamera sind die Frauen noch aufgeregter. Aber viele haben dann die Erwartung, weinen zu müssen. Das ist aber kein Kriterium bei der Kleiderwahl. 

Wenn eine Kundin 20 Kleider angezogen hat und sich immer noch nicht entscheiden kann, geht Ihnen das dann auf die Nerven?

Nein. Ich hatte jetzt eine Braut, die zum dritten Mal da war - jedes Mal für drei Stunden. Es ist wichtig, Geduld zu haben. Wenn eine Frau unsicher ist, was ihr steht, versuche ich, sie zu stärken. Und wenn ich ihr wirklich gar nicht helfen kann, dann schicke ich sie auch schon mal in ein anderes Fachgeschäft. Etwas nur um des Verkaufens Willen zu machen, bringt nichts. Das merken die Kunden.

Warum kaufen viele Bräute letztlich ein Kleid, das ganz anders aussieht als das, was sie sich vorgestellt haben?

Viele merken beim anziehen, dass das, was sie wollten, nicht ideal für ihren Typ ist. Viele ziehen dann etwas an, was sie ursprünglich gar nicht wollten, und sind dann oft überwältigt und fühlen sich wunderschön. 

Welche Kundinnen sind die schwierigsten?

Das sind gar nicht die Kundinnen, sondern die dominanten Begleiter. Die Begleiter spielen eine ganz wichtige Rolle und ich erlebe es oft, dass sie nach ihrem eigenen Geschmack gehen und nicht nach dem, was der Braut gefällt. Da muss ich dann diplomatisch sein und sie auch mal bremsen, wenn die Braut in der Kabine ist. 

Kommen manchmal auch Männer mit?

Ja, häufiger ist es der zukünftige Mann als ein männlicher Freund. Meist sind es unsichere Frauen, die ihren Verlobten mitnehmen. Ihnen ist wichtig, dass sie ihrem Mann gefallen. 

Ist es denn gut, einen männlichen Begleiter mitzunehmen?

Wer einen Bruder hat, der sollte ihn auf jeden Fall mitbringen. Männer sind sachlicher als Frauen. Im Gegensatz zu ihnen suchen sie sich bei dem Termin nicht selbst ein Kleid aus. Und sie sagen geradeheraus, ob der Braut das Kleid steht oder nicht. Männliche Begleiter geben den Frauen mehr Sicherheit als weibliche. Sie schaffen auch eine andere Atmosphäre. 

Was ist für Sie das Besondere an Ihrem Job?

Es ist ein Privileg, weil ich nur mit glücklichen Menschen arbeite. Die glücklichen Gefühle, die ich miterlebe, tragen mich durch den Tag. Und wenn ich bei einer ganz emotionalen Sache mal eine Träne vergieße, ist das schön. Das passiert nur selten, ist aber schon mal vorgekommen - vor allem, wenn es eine traurige Geschichte ist. Dann nehme ich die Braut auch mal in den Arm. Das kann nicht jeder Verkäufer, aber man darf hierbei nicht distanziert sein.

Was unterscheidet Sie von anderen Verkäuferinnen, die zum Beispiel im Supermarkt arbeiten?

Die Frauen, die zu mir kommen, erwarten die Emotionen, die durch die Fernsehsendungen geweckt werden. Sie erwarten von mir, dass ich es ihnen ermögliche, den Moment zu erleben, "das" Kleid zu finden. Das hat man im Supermarkt nicht. Und ich selbst war den Frauen im Verkauf noch nie so nah wie hier in der Kabine. Man verbrüdert sich mit der Frau, ich unterstütze sie bei dem, was sie sich wünscht. Wie eine Freundin auf Zeit.

Früher wurde das Brautkleid nach der Hochzeit nicht weiterverkauft. Warum wird das heute teilweise gemacht?

Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen wegen des Geldes. Viele sagen aber auch, dass sie einer anderen Frau die Möglichkeit geben möchten, so glücklich zu sein, wie sie selbst es an ihrem Hochzeitstag waren. Und es ist toll zu sehen, wie sich Frauen mit einem kleinen Budget freuen, wenn sie doch ein tolles Kleid finden, obwohl sie damit nicht gerechnet haben. Man kann mir die gebrauchten Kleider auch per Post schicken; aber alle Frauen, die sie hier abgeben, streicheln immer noch mal über den Stoff, bevor sie gehen.

Und andersherum: Warum behalten so viele Frauen ihr Brautkleid?

Viele wollen es behalten, weil sie vorher noch nie so etwas schönes und teures besessen haben. Bei Frauen mit größeren Größen ist das noch häufiger der Fall. Aber je länger das Kleid im Schrank hängt, umso schlechter wird es. Mit der Zeit vergilben beispielsweise die Pailletten.

Haben Sie Ihr Kleid auch verkauft?

Ich habe es behalten. Dumm, ich weiß. Irgendwann habe ich es weggetan. Die Mode ändert sich mit der Zeit. Früher habe ich noch anders gedacht. Heute ist es für mich auch nur ein Stück Stoff; für das Glück bin ich selbst zuständig. 

Würden Sie bei dem Anblick der ganzen Kleider hier nicht am liebsten selbst auch noch mal in eines schlüpfen?

Ja. Ich freue mich immer wie ein kleines Kind, wenn neue Lieferungen kommen. Aber langsam bekomme ich ein Platzproblem. Ich habe 400 Kleider hier. Überall stehen welche - sogar im Wohnzimmer. Im Moment bin ich dabei, einen Laden anzumieten. Vielleicht ist es 2019 so weit. Dann möchte ich mich auch auf Brautkleider in großen Größen spezialisieren. Da gibt es wenig Angebote.

Kaufen auch Männer Second-Hand-Anzüge?

Ich weiß nicht, ob sie welche kaufen würden. Aber da man auch bis zu 2000 Euro für einen Festanzug ausgeben kann, vielleicht schon. Wenn ich einen Laden angemietet habe, würde ich auch darüber nachdenken.


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