Rechte verbreiteten Lüge im Netz Wie ein gebürtiger Münsteraner zum falschen Attentäter wurde

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Osnabrück. Es braucht nicht viel, um als islamistischer Terrorist gebrandmarkt zu werden. Ein dunkler Hautton und dunkle Haare reichten im Fall von Daria Eameri und fertig war der Stereotyp vom Attentäter, der in Münster vor gut einer Woche einen Anschlag verübt haben soll. Tausendfach verbreitete sich im Internet ein Bild des 29-Jährigen Psychologen aus Wien, das ihn als Attentäter vom Kiepenkerl bezeichnete. Die Polizei ermittelt – gegen diejenigen, die die Lüge in die Welt setzten und verbreiteten.

Als die ersten Meldungen von den Geschehnissen in Münster durchsickerten, versuchte Daria Eameri wie so viele andere auch, Bekannte und Verwandte in der Stadt zu erreichen. In seinem Fall waren es seine Eltern, die vor Jahrzehnten für das Studium aus dem Iran nach Münster kamen, sich hier kennenlernten und nach der Revolution in ihrem Heimatland beschlossen, gemeinsam in Deutschland zu bleiben und eine Familie zu gründen. Es ging den beiden an diesem Samstag gut, sie waren im Garten. Für ihren Sohn in Wien sollte die Amokfahrt aber dennoch dramatische Konsequenzen haben.

„Das soll Jens sein?“

Der 29-Jährige hatte einem Bekannten für eine österreichische Nachrichtensendung ein Telefoninterview gegeben und darin seine Geburtsstadt beschrieben. Die Journalisten bebilderten das Gespräch mit einem Foto des jungen Mannes und gaben es auf Sendung. Irgendwo sah ein gewisser „Franck Haase“ das Interview, machte ein Foto und stellte es auf Facebook. Dazu schrieb er: „Hier ein Foto vom psychisch gestörten ,deutschen‘ Jens, der für das Attentat in Münster verantwortlich ist. Fällt euch was auf?“ Mehr als zehntausend Mal wurde die Lüge in kürzester Zeit geteilt. Auch zwei AfD-Politiker machten mit, obwohl Medien und Polizei längst über den tatsächlichen Täter berichteten.

Foto: NOZ MEDIEN

„Ich habe mich hingesetzt und zugeschaut, wie das geteilt wurde“, sagt Eameri. Wie viele Menschen genau über Facebook mitgeteilt bekommen haben, dass er der Attentäter von Münster sein soll, weiß er nicht. „Es müssen Hunderttausende gewesen sein.“ Ohnmächtig habe er sich gefühlt, sagt der 29-Jährige. Was sollte er auch machen? Die Lawine von geteilten Beiträgen rollte ja schon. Jeden einzelnen Nutzer anschreiben, war unmöglich. Und der Internetgigant Facebook verschanzt sich hinter dutzenden Formularen, einen direkten Kontakt gibt es nicht, bei dem er hätte anrufen können.

Hass und Gewalt

Und so verbreitete sich die Lüge unkontrolliert im Netz und in den Netzwerken der Rechten. Wer sich tiefer hineinbegibt in die digitalen Echoräume derjenigen, die es in Münster besser wussten als die Polizei, stößt auf eine irritierende Parallelwelt. Äußerungen wie die der AfD-Politikerin Beatrix von Storch auf Twitter sind nur der kleine sichtbare Teil von etwas Großem, das fast unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit passiert. Es ist eine Welt, in der zivilisatorische Errungenschaften nichts mehr gelten, in der verbale Barbarei herrscht. Hass und Aufrufe zur Gewalt verbreiten sich nahezu ungebremst und unwidersprochen. Auch unter den Beiträgen mit Eameris Bild.

Erst einmal in seinem Leben sei er bislang mit Rassismus konfrontiert gewesen, sagt der Wahlwiener. Vor mehreren Jahren hätte ihn ein Neonazi in der österreichischen Hauptstadt geschlagen. „Ansonsten habe ich nie negative Erfahrungen gemacht oder mich wegen meines Äußeren unsicher gefühlt.“ Mit dem Attentat von Münster hat sich das mit einer Wucht geändert, die ihn fassungslos gemacht habe. Der gebürtige Münsteraner bekam Einblicke in eine rechte Parallelwelt, die ihn plötzlich zum Feindbild erklärte.

Alternative Fakten

In dieser Welt sind die Rollen klar verteilt: Polizei, Politiker und Journalisten sowieso verschweigen die eine einzig wahre Wahrheit, weil sie Teil der großen Weltverschwörung sind. Um die zu belegen, werden alternative Fakten zur ultimativen Wahrheit stilisiert, verbreitet von fragwürdigen Propheten. „Münster: 8 Fragen die wir stellen müssen“, heißt einer dieser Blogbeiträge, der häufig auf Facebook und gerade auch unter den Verleumdungen gegen Daria Eameri geteilt wurde, in dem alles zur Amokfahrt in Münster in Frage gestellt wird, was Behörden und Medien verbreiten. Autor des Beitrages ist jemand, der auch ein Buch mit dem Titel „Erst Manhattan – Dann Berlin: Messianisten-Netzwerke treiben zum Weltende“ geschrieben hat. (Weiterlesen: Von Storch nennt umstrittenen Münster-Tweet einen „Fehler“)

Es gibt kein wirkliches Korrektiv in dieser Welt. Noch Tage nach der Tat steht auf der Facebook-Seite von einem der beiden AfD-Politiker aus Nordrhein-Westfalen das Bild von Eameri. Ein typischer Sauerländer hat der Politiker darüber geschrieben in Anspielung auf die Herkunft des Amokfahrers Jens R.. Hunderte Male wurde der Beitrag geteilt. Es dürften auch in diesem Fall Tausende oder eher Zehntausende Menschen gewesen sein, bei denen die falsche Verdächtigung im sogenannten Newsfeed bei Facebook auftauchte.

Immer noch im Netz

Mittlerweile ist der Beitrag gelöscht. Ob vom Politiker selbst oder von Facebook ist nicht klar. Das AfD-Mitglied schweigt auf Anfrage. Die Polizei in Münster ermittelt gegen diejenigen, die die Lüge in die Welt setzten. Wegen falscher Verdächtigung und Verletzung der Persönlichkeitsrechte, heißt es in der Pressestelle. Auf einigen rechten Internetseiten taucht das Bild von Eameri trotzdem noch auf. „Irgendwo gibt es immer noch Menschen, die glauben, dass ich der Täter bin“, sagt der Psychologe.

Übrigens: Als ihr Sohn als falscher Terrorist durch die sozialen Netzwerke geisterte, war die Mutter von Daria Eameri auf der Arbeit: Sie kümmerte sich im Uniklinikum Münster um die Opfer der Amokfahrt von Jens R..


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