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Amokfahrt und Suizid in Münster Im Job erfolgreich, sozial gescheitert – Wer war Jens R.?

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Münster. Jens R. lenkte seinen Kleinbus in eine Menschengruppe, dann erschoss er sich. Was trieb den wohlhabenden Mann zu dieser Wahnsinnstat? Ein Brief gibt einen Blick auf sein Seelenleben frei: Wenn es stimmt, was Jens R. darin schrieb, litt er unter einer missglückten OP – und unter Verfolgungswahn.

Was geht in einem Menschen vor, der sich entscheidet, andere Menschen gewaltsam mit in den Tod zu reißen? Was treibt jemanden dazu, seinen Campingbus in die Innenstadt zu lenken und in eine Gruppe von Menschen zu rasen, die die ersten richtig warmen Sonnenstrahlen an den Café-Tischen vor einem beliebten Gasthaus genießen? Jens Alexander R., 48-jähriger Industriedesigner aus dem sauerländischen Olsberg, erschoss sich nur Sekunden nach seiner Amokfahrt. Er wird sich nicht mehr erklären können. Die Ermittler bekommen keine Chance, ihn zu seinen Motiven zu befragen.

Zwei Tage nach der Amokfahrt werden allerdings auch Fragen nach dem Vorgehen der Behörden im Vorfeld laut: R. hatte offenbar mehrfach schriftlich und persönlich Kontakt zum sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Münster, berichten die „Westfälischen Nachrichten“. Grund waren erhebliche körperliche und psychische Probleme des 48-Jährigen. Die Stadt wird Fragen zu einem möglichen Behördenversagen am Dienstag bei einer Pressekonferenz beantworten müssen.

Vage Suizid-Hinweise

Bereits Ende März verschickte R. scheinbar wahllos E-Mails an etliche Bekannte. In einer Mail vom 29. März – ein Nachbar von Jens R. hatte das Schreiben weitergeleitet – äußerte er indirekt Selbstmordabsichten. Das Schreiben enthält aber weder Zeitpunkt und noch Hinweise darüber, dass der Mann weitere Menschen mit in den Tod reißen wollte. Diese Mail wird ebenfalls am 29. März vom sozialpsychiatrischen Dienst an die Feuerwehr und Polizei Münster weitergeleitet. Beamte fuhren daraufhin zur Wohnung des späteren Amoktäters, fanden aber nur einen Zettel an der Tür: „Ich bin unterwegs, Tür aufbrechen auf eigene Gefahr.“ Am gleichen Tag suchte R. persönlich die Dienststelle des Sozialpsychiatrischen Dienstes auf und gab ein mehrseitiges Schriftstück ab.

Die Polizei in Münster schaltete an diesem Tag die Kollegen in Sachsen ein. In Heidenau, wo der Mann eine Wohnung besaß, wird das spätere Tat-Auto entdeckt. Weitere Maßnahmen werden weder in Münster und Heidenau ergriffen – genauso wenig erfolgte ein Datenaustausch zwischen dem sozialpsychiatrischen Dienst und der Polizei in Münster.

Nach der Amokfahrt am Samstag, bei der zwei Menschen starben und mehr als 20 verletzt wurden, fanden Polizeibeamte laut dem Rechercheverbund von „Süddeutscher Zeitung“, WDR und NDR in R.s Wohnung eine mehrseitige Lebensbeichte, in der er aufgeschrieben hatte, warum sein Leben immer mehr aus den Fugen geraten war.

Er habe „lange Zeit unter großen Schuldkomplexen, Verhaltensstörungen und Aggressionsausbrüchen gelitten“, heißt es da. Schon als junges Kind habe er sich gewünscht, tot zu sein. Beruflich feierte der 48-Jährige, der an der Fachhochschule Münster Design studiert hatte, zwar Erfolge; als Möbeldesigner hatte er mit der Idee für eine Lampe viel Geld gemacht. Doch privat ging es ihm schlecht. „Oft brach ich schweißüberströmt in meiner Wohnung zusammen und betäubte mich ständig mit Alkohol.“

Seinen Eltern machte JensR. Vorwürfe. Sie hätten ihn gegängelt, isoliert und misshandelt. Wie die „Bild-Zeitung“ berichtet, schrieb Jens R., dass er durch die Gewalt impotent geworden sei. Er habe nie Gefühle für Frauen entwickeln können. In dem Brief soll R. eine Szene schildern, in der er mit einem Beil die Wohnung der Eltern zertrümmerte. Menschen habe er allerdings nie verletzt. Zumindest nicht bis zum 7. April.

Nach einem Sturz im Treppenhaus musste sich Jens R. vor einigen Jahren einer Operation am Rücken unterziehen. Der Arzt habe gepfuscht, seine Wirbelsäule zerstört, er sei danach behindert und inkontinent gewesen, schrieb Jens R. laut „SZ“ und „Bild“ in seiner Abrechnung. Darin fabulierte er auch von „Lügendetektortests“ und „Wahrheitsparametern“ – Hinweise auf Wahnvorstellungen, unter denen der Designer litt.

Schon vor seinem digitalen Hilferuf an Bekannte war Jens R. in Münster behördenbekannt. Fünf Verfahren gegen ihn gab es in den vergangenen Jahren. Es ging um Bedrohung, Sachbeschädigung und Betrug. Alle Verfahren stellte die Staatsanwaltschaft jedoch ein.

Wunsch nach Macht

„Es sieht ganz so aus, dass es sich um einen psychisch labilen und gestörten Täter handelt, der offensichtlich schon länger darüber nachgedacht hat, sich das Leben zu nehmen“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montag im Deutschlandfunk. Nach Ansicht des Kriminologen Christian Pfeiffer zeigt der Täter von Münster alle Merkmale eines Amokläufers. Der Mann sei offenkundig „ein einsamer Wolf ohne sozialen Erfolg“, sagte Pfeiffer der „Nordwest-Zeitung“. Aus so einer Ohnmachtserfahrung könne sich der Wunsch nach Macht entwickeln. „Der Amokläufer möchte Herr über Leben und Tod anderer Menschen sein“, sagte Pfeiffer. „Das soll ihn entschädigen für all die Demütigungen, für die er andere verantwortlich macht.“

(mit dpa)


Hilfe bei psychischen Problemen

Der Täter hatte allem Anschein nach psychische Probleme und hat sich selbst getötet. Hilfe bei ähnlichen Gedanken bietet unter anderem anonym die Telefonseelsorge, die kostenfreie Nummer ist 0800 111 0 111.

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