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Fünf Menschen in Lebensgefahr Noch kein konkretes Motiv nach tödlicher Amokfahrt in Münster

Von dpa


Münster. Auch an Tag zwei nach der tödlichen Amokfahrt in Münster gibt es noch keine Hinweise auf ein konkretes Tatmotiv. Fünf schwerstverletzte Patienten schweben weiterhin in Lebensgefahr.

Nach der Amokfahrt mit insgesamt drei Toten in Münster wollen die Ermittler derweil eine Art Bewegungsprofil des 48-jährigen Todesfahrers erstellen. „Wir konzentrieren uns jetzt mit unseren Untersuchungen insbesondere darauf, ein möglichst umfassendes Bild über das Verhalten des Täters in den Vorwochen zu erhalten“, sagte der Polizeipräsident von Münster, Hajo Kuhlisch.

Hinweise auf das konkrete Motiv gab es am Montagnachmittag noch nicht. „Warum der Tatverdächtige mit seinem Auto in die Menschenmenge gefahren ist, ist noch unklar“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montag in Düsseldorf. Nach bisherigem Ermittlungsstand sei der Mann psychisch krank gewesen und habe keinerlei politische Motivation gehabt. Bei seiner Todesfahrt in Münster hatte der Mann am Samstag zwei Menschen getötet und zahlreiche andere verletzt, bevor er sich in seinem Campingbus selbst erschoss.

„Die Ermittlungen sind erst am Anfang. Jetzt wird es kompliziert“, sagte Reul. Er bat die Öffentlichkeit um Geduld. „Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch auf gründliche Informationen, es gibt aber auch einen Anspruch auf gründliche Ermittlungen“, betonte der Minister. „Wir können nicht jeden Tag etwas Neues verkünden.“

Kontakt zum Gesundheitsamt

Am Sonntag war bekannt geworden, dass der gebürtige Sauerländer wegen psychischer Probleme Kontakt zum Gesundheitsamt in Münster hatte und suizidale Gedanken formuliert hatte. Bei dem blutigen Zwischenfall vor einem Lokal in der belebten Innenstadt wurden am Samstag rund 20 Menschen verletzt. Fünf von ihnen schwebten am Montagmorgen noch in Lebensgefahr.

Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt von Münster stammen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus der Region, darunter aus Hamm und dem niedersächsischen Vechta und auch aus dem benachbarten Holland. „Bei den Verletzungen mussten wir uns um Kopf-, aber auch um schwere Beckenverletzungen kümmern“, sagte Raschke, am Montagmittag. Zwei Patienten, die am Samstag in die Uniklinik gebracht worden waren, konnten das Krankenhaus inzwischen verlassen.

Der Ärztliche Direktor der Uniklinik, Robert Nitsch, dankte seinen Mitarbeitern für ihren Einsatz. Der Notfallplan habe gegriffen: „Innerhalb von 45 Minuten haben sich 250 Mitarbeiter gemeldet“, berichtet Nitsch.

Mann war der Polizei bekannt

„Es sieht ganz so aus, dass es sich um einen psychisch labilen und gestörten Täter handelt, der offensichtlich schon länger darüber nachgedacht hat, sich das Leben zu nehmen“, sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Morgen im Deutschlandfunk. Es würden zwar nach wie vor auch mögliche andere Hintergründe geprüft. „Aber es spricht schon sehr, sehr viel dafür, dass es ein Einzeltäter war.“

Der 48 Jahre alte Amokfahrer sei bereits auffällig gewesen und der Polizei bekannt, weil er kleinere Straftaten begangen habe. Auch wussten die Gesundheitsbehörde vom angeschlagenen Zustand des Mannes, der diesen laut Polizei auch in einem Schreiben an Bekannte beschrieben hat. Aber: „Wenn jemand darüber nachdenkt, sich das Leben zu nehmen, ist dadurch nicht automatisch daraus zu schließen, dass er auch anderen Menschen Gewalt antun wird“, sagte Reul.

Keine Hinweise auf politisches Motiv

Nach Angaben der Polizei gibt es weiterhin keine Hinweise auf ein politisches Motiv für die Amokfahrt oder auf weitere Täter. Der Täter, ein Industriedesigner, sei bereits mit Suizid-Gedanken aufgefallen. Ende März habe er eine Mail an mehrere Bekannte geschrieben, teilte die Polizei mit. „Aus dem Inhalt ergaben sich vage Hinweise auf suizidale Gedanken, aber keinerlei Anhaltspunkte für die Gefährdung anderer Personen.“ Nach Medienangaben hatte der Mann in der Mail und auch in einem langen Schreiben, das in seiner weiteren Wohnung im sächsischen Pirna gefunden wurde, über Schuldkomplexe, Zusammenbrüche und Ärztepfusch geklagt. (Weiterlesen: Was bislang über den Amokfahrer in Münster bekannt ist)

Der Polizeipräsident von Münster, Hajo Kuhlisch, sagte, die Ermittler gingen daher davon aus, „dass die Motive und Ursachen in dem Täter selber liegen“. Nach dpa-Informationen stammt der Mann aus dem sauerländischen Olsberg, er wuchs in Brilon auf und lebte seit längerer Zeit in Münster.

„Möchte Herr über Leben und Tod sein“

Nach Ansicht des Kriminologen Christian Pfeiffer zeigt der Täter von Münster alle Merkmale eines Amokläufers. Der Mann sei offenkundig „ein einsamer Wolf ohne soziale Bindung und sozialen Erfolg“, sagte Pfeiffer der „Nordwest-Zeitung“ (Montag) in Oldenburg. Aus so einer Ohnmachtserfahrung könne sich der Wunsch nach Macht entwickeln. „Der Amokläufer möchte Herr über Leben und Tod anderer Menschen sein, möchte die Panik in ihren Augen sehen, wenn er sie mit tödlicher Wucht angreift“, sagte Pfeiffer. „Das soll ihn entschädigen für all die Niederlagen und Demütigungen, für die er andere verantwortlich macht.“

Mit den Betroffenen und den Verletzten will die nordrhein-westfälische Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz am Montag in Münster zusammenkommen. Über ihren Sprecher rief sie dazu auf, die unschuldigen Betroffenen einer Tat wie in Münster nicht zu vergessen. „Nach einer tragischen und blutigen Tat wie dieser ist es wichtig, den Opfern die Hilfe anzubieten, die sie benötigen, kurzfristig und auch auf lange Sicht“, sagte der Sprecher des zuständigen NRW-Justizministeriums, Peter Marchlewski, der dpa. „Opfer sind unschuldig. Und sie geraten auch in der Diskussion über eine solche Tat zu schnell in Vergessenheit.“

Auchter-Mainz werde die Gespräche in Münster im Vertrauen und nicht öffentlich führen, betonte ihr Sprecher weiter. „Wir wollen zeigen, dass das Land und die Landesregierung für die Opfer da sind, wenn die Kameras weg sind.“

Nach den Bildern aus Münster suchen auch die Einwohner der Stadt weiter nach Erklärungen. „Die Menschen haben jetzt gemerkt, dass es auch für sie ein Restrisiko gibt. Nicht nur Berlin oder München - nein, es kann auch uns in Münster treffen, das haben die Menschen jetzt begriffen“, sagt der Münsteraner Psychologe Steffen Fliegel.

NRW-Innenminister Reul forderte Kommunen auf, selbst vor Ort zu prüfen, wie ihre Innenstädte gesichert werden könnten. „Absolute Sicherheit gibt es einfach nicht“, sage Reul der in Heidelberg erscheinenden „Rhein-Neckar-Zeitung“ (Montag). „Wir können nicht jede Gewalttat verhindern, müssen aber wachsam sein.“