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Menschen am Kiepenkerl gestorben Mitten ins Herz: Wie Münster auf die Wahnsinnstat reagierte

Von Dirk Fisser und Frank Reinker


Münster. In Münster rast ein Kleintransporter in ein Café. Menschen sterben. Schnell wird über einen Anschlag spekuliert. Vermutlich war es aber die Wahnsinnstat eines Einzelnen.

Es ist der erste warme Tag des Jahres. Münsters Innenstadt ist voll. Die Menschen kaufen ein, sie trinken Kaffee, genießen den Tag und das Leben. Um 15.27 Uhr verwandelt sich der Sonnentag in einen blutigen Albtraum. Ein 48-Jähriger steuert einen Camping-Bus vorbei an der stadtbekannten Kiepenkerl-Statue in die Außenfläche eines Cafés. Stühle, Tische, Gäste werden zur Seite geschleudert. „Tack, tack, tack“ habe es gemacht, erzählt später ein Eisdielenbesitzer über den Moment. Ein Familienvater sagt dem „Spiegel“, er habe den Wagen gesehen und seine Frau und Tochter an der Schulter gepackt.

„Wir sind stehen geblieben und haben gesehen, wie der Wagen in die Leute gefahren ist“, so die Tochter, der Vater ergänzt: „Wir haben dann nur noch die Schreie gehört.“ Der Ausnahmezustand beginnt. Sirenengeheul legt sich über die Stadt. Polizisten und Rettungskräfte eilen zu dem Ort in der Innenstadt. Flüchtende Passanten kommen ihnen entgegen.

Die Einsatzkräfte räumen den Platz, versorgen Opfer. Ab diesem Zeitpunkt teilen sich die Ereignisse: In die tatsächlichen in Münster und in die fiktiven im Internet.

Schnell machte das Gerücht eines terroristischen Anschlags die Runde. Natürlich, die Parallelen sind da zu der Amokfahrt auf der Promenade von Nizza oder durch die Innenstadt von Stockholm vor genau einem Jahr. Und dann hat sich der Fahrer in Münster auch noch direkt im Fahrerhaus erschossen. Das kann doch nur islamistischer Terror sein! AfD-Politikerin Beatrix von Storch twittert in Großbuchstaben und mit böse dreinblickendem Smiley: „Wir schaffen das“ – in Anspielung auf die Flüchtlingskrise und die vielen Fremden, die nach Deutschland kamen. Hier, auf Twitter und auf Facebook, steht bereits fest, was in Münster passiert sein muss. (Weiterlesen: Kritik an von Storch wegen islamfeindlicher Tweets nach Amokfahrt in Münster)

Anwohner evakuiert

Zu diesem Zeitpunkt kämpfen Sanitäter in dem Trümmerfeld am Kiepenkerl noch um das Leben der Schwerverletzten. In immer weiteren Kreisen wird die Innenstadt evakuiert. Polizisten mit Maschinenpistolen und in Schutzwesten fordern Passanten zum Verlassen von Geschäften und Cafés auf. Anwohner müssen aus ihren Wohnungen heraus. Ein Hubschrauber kreist über dem Tatort in der Luft. In dem Fahrzeug haben die Beamten verdächtige Kabel entdeckt – keine Bombe, wie sich später herausstellt. Augenzeugen wollen gesehen haben, dass zwei Männer aus dem Transporter gesprungen und davon gerannt sind – so wohl nicht richtig, wird tags drauf klar.

Als in München 2017 ein Amokläufer in einem Einkaufszentrum um sich schoss, sorgte das Gebräu aus Fakten, Gerüchten und der ungefilterten Verbreitung über sozialen Netzwerke für eine Massenpanik. Überall aus dem Stadtgebiet wurden Schießereien gemeldet. Tatsächlich war es ein Einzeltäter. Die Polizei in Münster ist darauf vorbereitet so gut es geht. Auf Twitter und Facebook wiederholen die Beamten mantraartig, man möge doch bitte keine Gerüchte verbreiten. „Wir sind für Euch vor Ort“, schreiben sie sehr häufig an diesem Tag. Der Hysterie setzen sie das Signal entgegen, dass da jemand ist, der in all dem Chaos Ordnung schafft.

Münster reagiert besonnen

Die Münsteraner reagieren besonnen. Viele eilen zum Uni-Klinikum, das zu Blutspenden aufgerufen hat. Am Ende sind es zu viele. Andere bieten den von der Räumung Betroffenen Hilfe an. Tagesbesucher verlassen die Stadt vorbei an Dutzenden Krankenwagen und noch mehr Polizeifahrzeugen. Viele haben auf der Suche nach Antworten den Blick auf ihre Mobiltelefone gesenkt.

Es dauert bis zum Abend, da tritt Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) in Sichtweite des Tatorts vor die Presse und sagt das, was sich im nächsten Tag weiter konkretisieren wird: Es habe sich bei dem Fahrer um einen Deutschen gehandelt, die Tat habe wohl keinen islamistischen Hintergrund. Was er nicht sagt: Zu diesem Zeitpunkt verschaffen sich Spezialkräfte mit einer Sprengung Zugang zur Wohnung des 48-Jährigen. Die Beamten suchen nach einem Motiv, nach einer Antwort auf die Frage nach dem Warum. Sie finden sie nicht.

Von psychischen Problemen des 48-Jährigen ist die Rede. Es sieht alles danach aus, als hat es sich um die Wahnsinnstat eines labilen Einzeltäters gehandelt. Festlegen will sich die Polizei aber auch am Folgetag nicht. „Die Ermittlungen dauern an.“ Gewiss ist nur: zwei Besucher der Stadt sind tot, zahlreiche weitere verletzt. Die Tat hat die Münster mitten ins Herz getroffen. Wo gerade noch Menschen das Leben genossen, versammeln sie sich jetzt zum Trauern.


Telefonseelsorge

Der Täter hatte allem Anschein nach psychische Probleme und hat sich selbst getötet. Hilfe bei ähnlichen Gedanken bietet unter anderem anonym die Telefonseelsorge, die kostenfreie Nummer ist 0800 111 0 111.