Schöne neue Industriewelt Hoesch-Museum zeigt Werke der Künstlerin Ruth Baumgarte

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Tagein, tagaus ans Werk: „Der Morgen“, 1958. Foto: Kunststiftung Ruth BaumgarteTagein, tagaus ans Werk: „Der Morgen“, 1958. Foto: Kunststiftung Ruth Baumgarte

Dortmund. Das Dortmunder Hoesch-Museum zeigt Aquarelle und Zeichnungen der Bielefelder Künstlerin Ruth Baumgarte aus einer Zeit, da das deutsche Wirtschaftswunder noch als Männersache galt.

Kolonnen fahler Kerle ziehen zu den Werkstoren, Zigarette im Mundwinkel, der Morgen fließt von Schwarz zu Blau. Arbeiter mit Ballonmützen in der Gießerei, Schweißer im Kessel. Gesichter, geprägt von härtester Maloche. Es sind Männer im Maschinenraum des Wirtschaftswunders, die Ruth Baumgarte verewigt hat, nachts in den Hallen der hochtourigen deutschen Schwerindustrie der 1950er und 60er Jahre.

Man denkt sofort ans Ruhrrevier, den ehemaligen Taktgeber des Wiederaufbaus. Es mögen einem genauso romantische Klischees einfallen von glühenden Hochöfen, rauchenden Schloten und Bolzplätzen in trüben Zechensiedlungen tief im Westen.

Es handelt sich aber um die ostwestfälische Industriewelt, die Ruth Baumgarte in ihren Aquarellen und Zeichnungen zeigt. Im Dortmunder Hoesch-Museum hängen sie nun zwischen Streiköfen und Kokskarren. Titel der Ausstellung, die bis zum 6. Mai läuft: „Ruth Baumgarte und das Wirtschaftswunder. Farbrausch am Kessel.“

Beobachtungen bis zu den ersten großen Umwälzungen

Zugang zu dem Sujet hat die Künstlerin durch ihren zweiten Ehemann Hans Baumgarte gefunden, dem Eigentümer eines traditionsreichen Unternehmens im Kessel- und Apparatebau in Bielefeld. „Ihre Bilder hätten in gleicher Weise in Dortmund entstanden sein können“, sagt Museumsleiter Michael Dückershoff. Ihm gefällt, dass hier eine Frau in die industrielle Arbeitswelt der Männer eintaucht – und das „in so großem Stil“.

Dabei war die Künstlerin, geboren 1923 in Coburg und aufgewachsen in Berlin, überhaupt keine klassische Industriemalerin, wie ihr Sohn Alexander herausstreicht. International bekannt geworden mit ihrem Afrika-Zyklus, endeten ihre Nachtschichten mit den ersten großen Umwälzungen, dem Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen. Ludwig Erhard war noch Wirtschaftsminister der Bonner Republik, als Baumgarte zum ersten Mal nach Ägypten gereist ist und nach Sudan.

Anstrengung und Würde der Malocher

Mutter und Sohn pflegten eine enge Beziehung. Es sei ihr stets um den Menschen gegangen, erzählt Alexander Baumgarte, Vorsitzender der Kunststiftung Ruth Baumgarte. Sozialistisch veranlagt habe sie „alles hinterfragt, ohne dass es die Leute gemerkt haben“. Im Jahr 1943, ihre Dozenten an der Akademie führen sie gerade in den Naturalismus ein, fertigt sie lieber düstere Werke mit Tusche und Kohle. Ihre „Arbeiter auf dem Dach“ stehen erschöpft statt heroisch vor den Ruinen des Krieges. Alexander Baumgarte sieht in der Regimekritik den „Nährboden für ihr späteren, fast schon expressiven Werke“.

Zwanzig Jahre darauf malt sie flüssiges Eisen und Männer auf Montage in einer Welt fester Rollenbilder. „Schichtwechsel“ zeigt die Malocher in warmen und hellen Farben; doch eben auch gläsern, wie sie tagein, tagaus ans Werk gehen, im dann schon kühleren Schoß der industriellen Großstruktur. In ihren Porträts bringt Ruth Baumgarte die Anstrengung der Arbeiter auf getönten Grund, die Hitze in den Hallen, doch vor allem die Würde der Gießer und Schweißer, der Fräser und Kranführer.

Knallbunt: die „Industrielle Weltstadt“

Sohn Alexander führt die Stiftung seit 2012, verwaltet somit das Lebenswerk der großen Künstlerin. Jährlich lobt sein Haus einen Preis aus für Nachwuchskünstler – ein Herzenswunsch der 2013 gestorbenen Mutter, Malerin und Gründerin der Bielefelder Galerie „Das Fenster“. Manager Alexander mag die Polarisierung von Kunst und Künstlern. Früher hat er vorübergehend mit einem Umzug nach Berlin geliebäugelt, er ist in Bielefeld geblieben.

Knallbunt schlägt einem im Hoesch-Museum die „Industrielle Weltstadt“ entgegen. Man sieht rote und gelbe, blaue und grüne Farbflächen, Wohntürme und Wolkenkratzer wie in New York City. Davor ein hagerer Baum, verdorrt und verdrängt.

Zur Ausstellungseröffnung am Sonntag, 11 Uhr, liest die Schauspielerin Hannelore Hoger, eine Freundin der Künstlerin, ausgewählte Texte von Martin Walser und Egon Erwin Kisch. Der Eintritt ist frei.


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