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900 ungeklärte Tötungsfälle seit 1970 Landeskriminalamt NRW baut Datenbank für Cold Cases auf

Von Nadine Grunewald

Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen will ungeklärte Tötungsdelikte neu aufrollen. Dazu wird derzeit eine Datenbank eingerichtet, die so bundesweit einmalig ist. Rund 900 sogenannte Cold Cases sollen zunächst aufgenommen werden. Symbolfoto: Patrick Seeger/dpaDas Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen will ungeklärte Tötungsdelikte neu aufrollen. Dazu wird derzeit eine Datenbank eingerichtet, die so bundesweit einmalig ist. Rund 900 sogenannte Cold Cases sollen zunächst aufgenommen werden. Symbolfoto: Patrick Seeger/dpa

Osnabrück. Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen will ungeklärte Tötungsdelikte neu aufrollen. Dazu wird derzeit eine Datenbank eingerichtet, die so bundesweit einmalig ist. Rund 900 sogenannte Cold Cases sollen zunächst aufgenommen werden.

Nelli Graf aus Halle verschwand im Oktober 2011, zwei Tage später wurde sie tot in einem Wald entdeckt. Die Lübbeckerin Frauke Liebs wurde im Sommer 2006 in Paderborn verschleppt. Vier Monate später fand ein Jäger ihre Leiche.

Zwei bekannte Kriminalfälle aus Ostwestfalen-Lippe, die noch ungelöst sind – und zusammen mit den knapp 900 anderen ungeklärten Tötungsdelikten seit 1970 in NRW in die neue Datenbank aufgenommen werden, die das dortige Landeskriminalamt (LKA) derzeit aufbaut.

Fälle können miteinander verglichen werden

Zuständig dafür ist Andreas Müller, Leiter der operativen Fallanalyse und Chef der LKA-Profiler. „Bei der Polizei haben wir uns die Frage gestellt, wie wir ungeklärte Delikte noch professioneller angehen können“, erzählt der 56-Jährige. „Bis zuletzt war es nicht möglich, die Datenflut der Altfälle in Papierform so zu digitalisieren, dass man sie untereinander abgleichen kann.“ Nun gibt es mit einem Fallbearbeitungssystem die technischen Voraussetzungen dafür. „Die Fälle sind recherchierbar, einzelne Parameter können miteinander abgeglichen werden“, sagt Müller, der seit 30 Jahren im Bereich von Sexual- und Tötungsdelikten tätig ist, Mordkommissionen angehörte und 1999 zum LKA wechselte.

Auch ältere Fällen können aufgenommen werden

In die Datenbank aufgenommen werden sollen sowohl versuchte als auch vollendete Tötungsdelikte sowie Vermisstenfälle, bei denen der Verdacht besteht, dass die Vermissten einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Zu den etwa 900 Fällen kommen dann noch die zukünftigen Cold Cases. Von einem Cold Case, also einem kalten Fall, ist die Rede, wenn eine Mordkommission ihre Arbeit einstellen muss. Auch Fälle, die vor 1970 passiert sind, können in die Datenbank aufgenommen werden, wenn sie das Potenzial dazu haben, neu aufgerollt werden zu können. (Weiterlesen: Hunderte ungeklärte Fälle: Wie die Polizei „Cold Cases“ löst)

Profiler prüfen Potenzial

Doch wie wird entschieden, welche der rund 900 Fälle zuerst angegangen werden? Müller stehen für die Arbeit zehn Profiler zur Verfügung, die jedoch auch für das aktuelle Tagesgeschehen zuständig sind. Sie prüfen nach Eingang des Falls dessen Potenzial. Sind Spuren vorhanden? Sind diese schon abschließend untersucht worden? Gibt es noch Asservate, die untersucht werden können oder gibt es erstmals oder erneut die Chance, die Tat zu rekonstruieren? Ein weiterer Parameter: die nahende Verjährungsfrist. Denn während Mord nie verjährt, ist das bei Totschlag nach 21 Jahren der Fall.

Lesen Sie hier ein Interview mit Profiler Axel Petermann >>

Haben die Profiler einen Fall ausgemacht, setzen sie sich mit den zuständigen Ermittlern vor Ort zusammen und erklären ihnen, warum sie glauben, dass der Fall neu aufgerollt werden sollte. Die Profiler führen dann eine Fallanalyse durch und stehen den Ermittlern bei ihrer Arbeit zur Verfügung.

Startpunkt noch unklar

Wann die ersten Cold Cases neu betrachtet werden können, ist laut Müller schwer zu sagen. Die Behörden, die ursprünglich in den ungeklärten Fällen ermittelt haben, sollen die Akten nun einscannen. Kommt ein aktueller Mordfall dazwischen, habe dieser jedoch Vorrang. „Unser Ziel ist es, die Fälle in absehbarer Zeit zu erfassen“, sagt der Chef der LKA-Profiler.

Einmaliges Projekt

Ungeklärte Tötungsdelikte seien immer schon etwas gewesen, in das Ermittler Herzblut hineingesteckt hätten. Doch eine Datenbank in der Form, wie sie in NRW entsteht, ist Müller zufolge bundesweit einmalig. Möglicherweise zögen andere Länder nach, wenn sich Erfolge einstellen. „Die Chancen zur Aufklärung alter Fälle sind gestiegen. Wir müssen schauen, wie viele wirklich aufgeklärt werden können. Es gibt auch Fälle, die können nicht gelöst werden – zum Beispiel, wenn die Opfer nicht identifiziert werden oder der Täter sämtliche Spuren vernichten konnte“, sagt Müller. Er hofft, zumindest einigen Hinterbliebenen sagen zu können, was mit ihrem Kind, der Schwester, der Mutter passiert ist – und ihnen ihren Frieden geben zu können.

LKA Niedersachsen plant keine Cold Case Unit

Der Chef der Profiler des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen, Andreas Müller, baut derzeit eine Datenbank für Cold Cases auf. Foto: LKA NRW

In Niedersachsen ist laut einem Sprecher des dortigen LKA keine Einrichtung einer Cold Case Unit geplant, weil sie aus kriminalistischer Sicht als wenig zielführend angesehen wird. Jährlich werden in Niedersachsen etwa 70 vollendete Tötungsdelikte verzeichnet; 2016 und 2017 lag die Zahl wegen der Mordserie des Krankenpflegers Niels Högel höher. Die Aufklärungsquote liegt bei 95 Prozent und mehr. Bestehen keine Ermittlungsansätze mehr, ruhen die Ermittlungen, bis es neue oder weitere Ansätze gibt. Durch technische Weiterentwicklungen hätten auch länger zurückliegende Taten aufgeklärt werden können. „Insbesondere vor dem Hintergrund der verbesserten Möglichkeiten in der DNA-Analyse sind in den vergangenen Jahren die ungeklärten Kapitaldelikte in den Dienststellen erneut dahingehend überprüft worden“, teilt der Sprecher mit.


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