Glücksspielsucht Automatenwirtschaft pflegt ihr Image beim „Präventionstag“

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Spielhalle in Düsseldorf: Viele Süchtige meinen, sie bekämen ihr Problem alleine in den Griff. Foto: dpaSpielhalle in Düsseldorf: Viele Süchtige meinen, sie bekämen ihr Problem alleine in den Griff. Foto: dpa

Düsseldorf. Die Deutsche Automatenwirtschaft sieht sich unter Druck gesetzt. Jetzt hat die Branche der Geldspielgeräteaufsteller zu ihrem „Präventionstag“ nach Düsseldorf eingeladen – und ist bei ihren größten Kritikern abgeblitzt.

Georg Stecker nähert sich der heiklen Sachlage vorsichtig an. Gewiss gebe es „nicht nur gute Erfahrungen“ in seiner Branche, sagt er. Und ja, man sei sich völlig im Klaren, „dass wir ein sensibles Freizeitprodukt anbieten“. Die Deutsche Automatenwirtschaft (DAW) habe ihre Verantwortung aber längst erkannt, behauptet Vorstandssprecher Stecker, der nun auf steinigem Terrain um Vertrauen ringt: Nirgendwo blitzt er so häufig ab wie in NRW.

Der Spitzenverband hat Forscher, Fach- und Beratungsstellen zum „Präventionstag“ nach Düsseldorf eingeladen. Die Veranstaltung findet in dritter Auflage statt und ist als Anbahnung an Suchthilfeinitiativen geplant. Es handle sich noch um ein „zartes Pflänzchen“, heißt es zur Einstimmung am Telefon. Als Anbieter von Geldspielgeräten trage man eine „gesellschaftliche Verantwortung für die Problemspieler“.

Man erwartet „kritische Töne“

So lautet dann auch Steckers Hauptbotschaft im Atrium des Düsseldorfer Maxhauses. Man habe „keine Werbeveranstaltung“ im Sinn, versichert der Cheflobbyist der Automatenwirtschaft, „sondern das Gegenteil“: Er erwartet „kritische Töne“ an diesem Tag im katholischen Stadthaus.

Die Branche, die nach eigenen Angaben landesweit für 22.100 Jobs im Bereich der Automatenaufstellung sowie kommunale Vergnügungssteuereinnahmen von zuletzt 276,6 Millionen Euro steht, ist erneut schwer in die Defensive geraten. In NRW gilt nach dem Glücksspielstaatsvertrag zur Eindämmung der Spielsucht eine Abstandsregelung von 350 Metern. Angesichts des neuen Vertragswerks unter Federführung der NRW-Regierung feilt man jetzt am Image.

Die Gäste erfüllen die Vorgabe nur bedingt

Die Gäste des Präventionstags in Düsseldorf erfüllen die Vorgabe nach einem kritischen Austausch nur bedingt. Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Uni Hohenheim, gibt lediglich einen historischen Abriss und einige gut gemeinte Ratschläge für eine tiefere Suchtprävention. Hilfseinrichtungen sollten sich enger mit den Spielgeräteaufstellern vernetzen, nur so gelinge am Ende eine „Weiterentwicklung des Spielerschutzes“.

Anke Quack, Leiterin des Kompetenzzentrums Spielerschutz und Prävention der Uni Mainz, geht noch milder mit der Branche um. Ob sie den Interessenkonflikt des Anbieters von Automaten als ein grundlegendes Problem bei Sozialkonzepten sieht? Nein, diese Überlegung teile sie nicht. Sie mahnt lieber zu größeren Warnhinweisen; außerdem sollten sich Mitarbeiter in den Spielhallen „mehr trauen“ im Gespräch mit den Kunden.

„Wir gehen da 
nicht hin“

Robert Godfurnon hat dreißig Jahre exzessiv gezockt, erst an Spielgeräten, später am Pokertisch. Angesprochen wurde er nie, sagt er am Rande der Veranstaltung. Der Kölner habe gedacht, er bekäme seine Sucht schon irgendwie alleine in den Griff. 93 Prozent der Süchtigen sehen das heute genauso. „Ich bin schließlich durch die Hilfe meiner Frau da herausgekommen“, erzählt Godfurnon. Mit härteren Auflagen für die Anbieter wäre aus seiner Sicht vielen Menschen geholfen.

Die schärfsten Kritiker der Händler und Aufsteller von Geldspielgeräten haben das Gesprächsangebot abgelehnt. „Wir gehen dort nicht hin“, schreibt die Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW in einer internen Mitteilung. Den „Zielkonflikt“ zwischen angestrebter Absatzsteigerung einerseits und einer sorgfältigen Präventionsarbeit andererseits „können auch keine gemeinsamen Fachveranstaltungen der Branche und des Suchthilfesystems auflösen“.

Frauen haben sich an den Geräten eher im Griff

Nach Angaben der Koordinierungsstelle gibt es in NRW 40.000 Süchtige und noch einmal 40.000 Problemspieler. Meistens handelt es sich um Männer (jeweils rund 80 Prozent). „Die Spieler müssen befähigt werden, sich selbst sperren zu lassen“, fordert Ilona Füchtenschnieder, die Sprecherin der Fachstelle in Bielefeld. In dem Gesprächsangebot der Spielgeräteaufsteller sieht sie nur ein Ablenkungsmanöver.

Stecker findet es „schade“, dass er in NRW auf Granit beißt. Hilfssystem und Automatenwirtschaft werden zweifellos „nie beste Freunde“, sagt der DAW-Mann. Was aber die sozialen Pflichten seiner Branche angeht, beteuert er, „ist es uns wirklich sehr ernst.“


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