Alkoholkranker Chirurg in Ibbenbüren Nach Wirbelsäulen-OP gelähmt: 250.000 Euro Schmerzensgeld

Von Sabine Plake

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Für eine verpfuschte – und wie das Gericht feststellte, auch unnötige – Operation verurteilte das Landgericht Münster die Erben des ausführenden Chirurgen sowie die Klinik Ibbenbüren dazu, Schmerzensgeld an die Patientin zu zahlen. Symbolfoto: dpaFür eine verpfuschte – und wie das Gericht feststellte, auch unnötige – Operation verurteilte das Landgericht Münster die Erben des ausführenden Chirurgen sowie die Klinik Ibbenbüren dazu, Schmerzensgeld an die Patientin zu zahlen. Symbolfoto: dpa

Münster/Ibbenbüren. Mit Rückenproblemen hatte sich Cornelia Hödtke 2011 in die Klinik in Ibbenbüren begeben. Der dort arbeitende Neurochirurg war alkoholkrank. Er verpfuschte die OP, sodass Hödtke seitdem gelähmt ist. Das Landgericht Münster verurteilte nun das Klinikum und die Erben des Chirurgen zu Schmerzensgeldzahlungen.

250.000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz für alle materiellen Schäden in der Vergangenheit und alle Folgeschäden in der Zukunft – dazu sind die Erben des alkoholkranken Wirbelsäulenchirurgen und das Klinikum Ibbenbüren am Donnerstag gesamtschuldnerisch vom Landgericht Münster verurteilt worden. Das teilte der stellvertretende Pressesprecher des Landgerichts, Richard Ademmer, auf Anfrage mit. Dabei ging die 11. Zivilkammer des Landgerichts noch über ihre erste Ankündigung eines Schadenersatzes von 200.000 Euro hinaus.

Seit der Operation im Februar 2011 wegen eines Bandscheibenvorfalls sitzt Cornelia Hödtke im Rollstuhl. Wie schon bei einem Beweistermin im Oktober erklärten die Richter in der Urteilsbegründung, der Arzt, der als Belegarzt am Klinikum Ibbenbüren tätig war, habe seine Patientin hinsichtlich der Risiken nicht genügend aufgeklärt. Der Arzt ist mittlerweile verstorben. Zudem war die Operation offenbar unnötig, die Indikation falsch, so das Gericht.

Die Vorgeschichte lesen Sie hier: Patienten zum Pflegefall operiert? Klagen gegen Chirurgen

Suchtkrankheit war bekannt

Das Klinikum Ibbenbüren habe grob fahrlässig gehandelt. Der Klinik sei bekannt gewesen, dass der Arzt seit 2008 Alkoholprobleme hatte und deswegen auch zwei Mal in einer Suchtklinik behandelt wurde. Es habe Anzeichen und Hinweise gegeben, dass der Arzt während der Arbeitszeit alkoholisiert gewesen sei. Diese seien nicht ausreichend beachtet worden. Außerdem hätte das Klinikum ihn aufgrund der Vorgeschichte viel engmaschiger kontrollieren müssen.

Eigentlich haftet eine Klinik nicht für Behandlungsfehler eines Belegarztes. Zwischen dem behandelnden Arzt und der Klinik bestand kein Arbeitsverhältnis. Aber, so die Kammer, die Klinik habe trotzdem gegenüber der Patientin eine Fürsorgepflicht, da sie ihr auch ein Bett und Pflegeleistungen zur Verfügung gestellt habe. Sie hätte alles tun müssen, um Schaden von der Patientin abzuwenden.

Arbeitsfähigkeit trotzdem ausgestellt

In dem Beweistermin mit 14 Zeugen im Oktober war klar geworden, dass das Alkoholproblem des Chirurgen irgendwie „ein offenes Geheimnis“ gewesen war, aber niemand es so richtig belegen konnte.

Allerdings war dem Klinikum bekannt, dass der Belegarzt bereits 2008 das erste Mal wegen Alkoholabhängigkeit in einer Suchtklinik war. Danach bekam er ein Testat, dass er uneingeschränkt wieder arbeiten durfte. 2009 musste er zum zweiten Mal in eine Suchtklinik. Beide Male war er im Klinikum durch Ausfallerscheinungen auffällig geworden. Auch nach seinem zweiten Aufenthalt bekam er das uneingeschränkte Testat. Schon da hätte man überlegen können, ob man einen Wirbelsäulenchirurgen, der „einen klaren Kopf und ruhige Hände haben muss“ weiter an seiner Klinik operieren lässt, so hatte der Vorsitzende Richter argumentiert. Auch wenn das wirtschaftliche Einbußen bedeute.

Opfer sprechen von Genugtuung

Cornelia Hödtke erklärte am Donnerstag im Gespräch: „Ich bin zufrieden. Aber ich habe das verdient.“ Sie sei „so schwer verletzt worden“ und das durch eine Operation, die gar nicht nötig gewesen sei. Und danach sei „geschwiegen“ worden. Sie denke auch an andere, die Ähnliches erlitten hätten. „Wenn ich keine Rechtsschutzversicherung gehabt hätte, wäre ich heute nicht so weit.“ Die Gesundheit könne ihr niemand zurückgeben. „Alles“ sei ihr genommen worden, beispielsweise das Westernreiten, ein Hobby, das sie mit ihrem Mann teilte. Für sie sei das Urteil „Genugtuung“. Sie rechne damit, dass eine der Parteien in Berufung gehe, aber „ich kämpfe, bis es zu Ende ist“.

Dietmar Imhorst, Vorstand der Mathias-Stiftung, die Träger des Klinikums ist, wollte nicht Stellung nehmen, da er die Urteilsbegründung noch nicht gesehen habe. Ob Berufung eingelegt werde, entscheide die Versicherung.


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