Aus Test wird Forschungsprojekt Bielefelder Agentur hält weiter an Fünf-Stunden-Tag fest

Von Nadine Grunewald

Lasse Rheingans hat in seiner Agentur den Fünf-Stunden-Tag eingeführt. Die Testphase ist zu Ende, der 37-Jährige zufrieden mit dem Verlauf. Foto: Nadine GrunewaldLasse Rheingans hat in seiner Agentur den Fünf-Stunden-Tag eingeführt. Die Testphase ist zu Ende, der 37-Jährige zufrieden mit dem Verlauf. Foto: Nadine Grunewald

Bielefeld. Als Lasse Rheingans Ende des vergangenen Jahres in seiner Digital-Kommunikationsagentur in Bielefeld den Fünf-Stunden-Arbeitstag eingeführt hat, hat er damit vielerorts großes Staunen ausgelöst. Inzwischen ist aus dem Testballon ein Forschungsprojekt geworden. Das Ziel: Stichhaltige Argumente dafür finden, warum sich der deutsche Arbeitsmarkt verändern muss.

Bei gleichem Lohn nur fünf statt acht Stunden arbeiten – dieses Modell führte Lasse Rheingans im November des vergangenen Jahres ein, nachdem er die Bielefelder Agentur „Überblick“ übernommen und in „Rheingans Digital Enabler“ umbenannt hatte. Rund einen Monat nach dem Start der viermonatigen Testphase zog der 37-Jährige ein positives Zwischenfazit. „Wenn alles so bleibt wie jetzt, wird es wohl so weiter gehen“, sagte der Medienwissenschaftler damals.

Rheingans will Kritiker überzeugen

Und wie sieht es jetzt, kurz vor Ende des Testlaufs, aus? „Total schön“, sagt Rheingans, wenn man ihn danach fragt. Dennoch will er das Fünf-Stunden-Modell jetzt nicht einfach fest einführen. Stattdessen macht er aus dem Test ein Forschungsprojekt. In Gesprächen mit Interessierten oder Kritikern sei es immer darum gegangen, wie sich die Umsätze und die Zahl der Krankentage entwickelt hätten. Erstere aber seien durch den Inhaberwechsel beeinflusst worden, letztere aufgrund der Jahreszeit nicht aussagekräftig. „Ich habe gemerkt, dass der Zeitraum nicht ausgereicht hat, um valide Argumente zu liefern. Und, wie relevant das Thema für den deutschen Arbeitsmarkt ist.“

Experten sollen Projekt begleiten

Der Medienwissenschaftler ist davon überzeugt, dass ein Umdenken stattfinden muss. Viele Unternehmen werden seiner Meinung nach in ein paar Jahren Probleme haben, weil sie den digitalen Wandel nicht mitmachen. Ständig werde darüber geredet, dass Fachkräfte fehlen, ändern wolle aber niemand etwas. Das Fünf-Stunden-Modell habe viel mit dem digitalen Kulturwandel zu tun, so Rheingans. „Unser Ziel ist es nicht, dieses Modell erfolgreich zu machen. Es geht darum, wie man heute zur optimalen Organisationsform, zum besten Arbeitsmodell finden kann, bei dem man größere individuelle Freiheiten schaffen und dabei gleichzeitig als Organisation das beste herausholen kann.“ Deshalb führe er derzeit Gespräche mit Experten auf dem Gebiet der Arbeitspsychologie, die das Projekt begleiten und gucken sollen, was funktioniert und wo Probleme liegen. Wie lange dieses laufen soll, steht noch nicht genau fest.

Wichtige Erkenntnisse

Allerdings habe der Testlauf Rheingans bereits wichtige Erkenntnisse geliefert. Die „Obererkenntnis“: In den fünf Stunden Arbeitszeit erreichten die Mitarbeiter meistens das gleiche Ergebnis wie vorher in acht. „Wenn sie Feierabend machen, bekomme ich das, was ich brauche – und meine Mitarbeiter sind im ganzen Lebenskonstrukt zufriedener“, sagt der 37-Jährige. Weil sie sich in ihrer Freizeit weiterbildeten und Zeit hätten, sich um sich selbst zu kümmern, hätten sie zudem mehr kreative Energie. Durch den Druck, der durch die verkürzte Arbeitszeit zustande gekommen ist, seien aber auch einige Probleme sichtbar geworden, für die sie Lösungen hätten finden müssen.

Auch Zeit für die Personalentwicklung bleibe während der fünf Stunden kaum. Um darüber oder auch über entstandene Probleme zu sprechen, setzen sich alle Mitarbeiter zwei Mal wöchentlich zusammen.

Rheingans selbst arbeitet übrigens meist länger als fünf Stunden am Tag, wie er sagt. „Es gibt Sachen, die mir niemand abnehmen kann. Das Modell ist also auch ein gutes Tool dafür, erkennen zu können, an welchen Stellen die Struktur noch verändert werden muss.“