Erfindung aus dem Münsterland Gaffer-Stopp: Wird System aus Gronau künftig Unfallopfer schützen?

Von Meike Baars


Osnabrück. Gaffer filmen Unfallopfer, verursachen Staus und behindern im schlimmsten Fall sogar die Rettungskräfte. Erfinder aus Gronau haben ein mobiles Gaffer-Stopp-System entwickelt, das in einen Koffer passt. Wie praktikabel ist es?

Nach Stunden im Einsatz war dem Feuerwehrmann der Kragen geplatzt. Drei Menschen waren bei dem schweren Unfall auf der A3 im Spessart ums Leben gekommen. Als Rettungskräfte die Leichen abtransportieren wollten, traten vorbeifahrende Lasterfahrer auf die Bremse, um Fotos und Videos zu machen. Der Feuerwehrmann bespritzte die Gaffer schließlich mit einem Wasserschlauch – eine nicht abgesprochene Kurzschlusshandlung, die dem Feuerwehrmann nicht nur Lob einbrachte, sondern auch Kritik.

Koffer- statt Bauzaunformat

Einer der Gründe, warum die Gaffer so ungeniert wie offensiv auf das Trümmerfeld nach dem Unfall starren konnten: Es gab keine Sichtschutzwände, die Unfallopfer und Rettungskräfte hätten abschirmen können. Bisher müssen Autobahnmeistereien diese Wände eigens mit Anhängern zu einer Unfallstelle bringen. Bis sie eintreffen, seien rund 90 Prozent der Unfälle schon abgewickelt, sagt Andreas Jedamzik aus dem Vorstand der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft in NRW. Die Gewerkschaft befasst sich momentan mit Alternativen zu den unflexiblen Sichtschutzwänden im Bauzaunformat und steht deshalb auch im Austausch mit zwei Erfindern aus dem münsterländischen Gronau. (Weiterlesen: Osnabrückerin landet mit Anti-Gaffer-Video Internethit)

Aufbau in weniger als zehn Minuten

Jürgen Duesmann bezeichnet sich selbst gerne als Tüftler. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Dieter Dankbar hat der Selbstständige mehr als zwei Jahre lang an der Entwicklung eines mobilen Gaffer-Stopp-Systems gearbeitet. „Ich wollte schon immer mal etwas basteln, das sich patentieren lässt. Und in dieser Idee habe ich einen Sinn gesehen“, sagt er.

Das Ergebnis passt in einen Koffer, wiegt nur 15 Kilo, lässt sich von zwei bis drei Personen in acht bis zehn Minuten aufbauen und könne dank verschiedener Halterungen an Leitplanken, Betonwänden oder mithilfe von Autoreifen gespannt werden, erklärt Duesmann. Vier Sichtschutzplanen aus strapazierfähigem Fahnenstoff jeweils mit Maßen von anderthalb mal fünf Metern schirmen den Unfallort ab. (Weiterlesen: Mehr Gaffer im Emsland und Osnabrück – Wie viel Neugier ist erlaubt?)

Schutz vor neugierigen Blicken: Das Gaffer-Stopp-System soll Unfallopfer abschirmen und Rettungskräften die Arbeit erleichtern. Es besteht aus vier solcher Sichtschutzplanen. Foto: Jürgen Duesmann

1500 Euro koste das System in der Grundausstattung, so Duesmann. Bisher existiert nur der Prototyp, „aber wenn es Bestellungen gibt, können wir in drei bis vier Wochen bis zu 50 Stück fertigen“. Mehrere Feuerwehren hätten schon Interesse angemeldet, sagt der Gronauer Entwickler. Im Einsatzalltag getestet hat es aber noch keine der Wehren.

In Dortmund stellte Duesmann seinen Gaffer-Stopp in dieser Woche vor – mit guter Resonanz. Trotzdem ist die dortige Feuerwehr skeptisch, ob sie ihn anschaffen wird. „ Das System ist gut, die Sichtbarriere ist kompakt verpackt und lässt sich relativ schnell aufbauen“, sagt André Lüddecke, Sprecher der Dortmunder Feuerwehr. Das Problem sieht er an anderer Stelle: „Erste Priorität ist es für uns Leben zu retten und den Unfallort abzusichern. Ihn vor Gaffern abzuschirmen, sehen wir nicht als unsere Aufgabe an und meist fehlen dafür schlicht die Ressourcen“, gibt der Sprecher zu bedenken.

Wessen Aufgabe ist der Gafferschutz?

Auch die Polizei hat im Unfalleinsatz weder die Zeit noch das Personal, um sich um den Aufbau von Sichtbarrieren zu kümmern. In Dortmund setzt man deshalb auf eine Klärung durchs Innenministerium: Wer hat Unfallopfer vor den neugierigen Blicken von Gaffern zu schützen?

Erfinder Duesmann hofft, dass sich sein mobiles System trotz der ungeklärten Verantwortlichkeit durchsetzt. Immerhin haben er und sein Co-Bastler jeweils geschätzte 400 Arbeitsstunden in ihre Entwicklung gesteckt – bisher ohne auch nur einen der Koffer verkauft zu haben. Ein Ziel aber hat Duesmann schon erreicht: Für die Leitplanken-Halterung des Gaffer-Stopps konnte er ein Patent anmelden.


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