Freigabe zwischen A30 und A2 Warum die Nordumgehung Fluch und Segen für Bad Oeynhausen ist

Von Claudia Scholz | 06.12.2018, 16:46 Uhr

Nach zehn Jahren Bauzeit ist am Donnerstag die Nordumgehung in Bad Oeynhausen eröffnet worden. Für Autofahrer ist die nordrhein-westfälische Stadt bundesweit zum Inbegriff für Stau geworden. Seit Jahrzehnten kämpfen dort Bewohner für und gegen die Autobahn. Das Bauprojekt spaltet den Kurort.

Ein Lkw nach dem anderen schiebt sich über die Mindener Straße im Kurort Bad Oeynhausen. Manfred Kreylos steht am Straßenrand und beobachtet den stockenden Verkehr. „Wir haben hier an der Hauptstraße immer einen Schallpegel nahe an die 90 Dezibel.“ Der 77-Jährige muss fast schreien, so laut sind die vorbeiziehenden Fahrzeuge. Kreylos wohnt 200 Meter südlich von der Hauptstraße entfernt. Seit Jahren erlebt er, wie sich tagtäglich bis zu 50.000 Fahrzeuge durch die Innenstadt quälen, davon jedes vierte ein Lastwagen.

Da die A 30 bei Bad Oeynhausen nicht direkt zur A 2 führt, geht es über die Bundesstraße B 61 mitten durch die Kurstadt. Das soll sich mit der Nordumgehung ändern, die nun offiziell freigegeben wurde. Der Fernverkehr soll nördlich um den Ort herumgeleitet werden. Tatsächlich rollt der Verkehr aber erst ab Sonntag und zunächst auch nur in Richtung Osnabrück. (Weiterlesen: Mit Video: So sieht die neue A30-Nordumgehung in Bad Oeynhausen aus)

Das 230 Millionen teure Bauprojekt hat an den Nerven der Autofahrer, aber auch der Anwohner gezerrt. Befürworter und Gegner der Nordumgehung kämpfen seit Jahrzehnten für ihre Sache. Klagen, Einwände, Umplanungen verzögerten den Bau.

Manfred Kreylos setzt sich seit über 40 Jahren für die Nordumgehung ein. Es sei sein Traum gewesen, noch einmal selbst mit dem Auto über die Autobahn fahren zu können. Einige seiner Mitstreiter von der Bürgerinitiative „Pro Nordumgehung“ sind mittlerweile verstorben.

„Die Anwohner im Norden bekommen nun Lärm, das ist nicht schön, aber wir hatten das Problem jahrzehntelang“, sagt Kreylos. Viele Geschäfte hätten in den vergangenen Jahren aufgegeben. An der Mindener Straße zähle Kreylos zurzeit 40 Leerstände, auch Wohnhäuser seien verlassen. „Wie das sich entwickeln wird, weiß noch keiner. Wir müssen aber vor allem dafür sorgen, dass die Stadt nicht in zwei Lager getrennt bleibt. Die Bewohner müssen wieder zusammenwachsen.“

„"Die Autobahn zerschneidet noch mal die gesamte Stadt. Es mussten 26 Brücken gebaut werden, um überhaupt eine Verbindung herzustellen. “
Reiner Barg, Bürgerinitiative Notgemeinschaft

Für Reiner Barg und die Bürgerinitiative „Notgemeinschaft“ stellt der neue Autobahnabschnitt zwischen A2 und A30 dagegen eine „Zerschneidung“ der Stadt dar.

Barg wohnt im Umkreis von etwa einem Kilometer von der neuen Trasse entfernt auf einem Bauernhof. Bereits Anfang der 1970er-Jahre hat er gegen das Großprojekt gekämpft. Denn er befürchtet schlimme Folgen für Bad Oeynhausen. Barg und seine Unterstützer beziehen sich in ihrer Argumentation auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung, die im Zuge der Planungen gemacht wurde. Die sagte massive Lärmbelastung, Landschaftszerstörung und negative Auswirkungen für die Bebauung vorher.

Nachdem zwischenzeitlich – wie auch von der Notgemeinschaft gefordert – eine Tunnellösung favorisiert wurde, entschied sich der Stadtrat Bad Oeynhausen 1993 für die Nordumgehung. Ein wesentlicher Grund war der Heilquellenschutz. Die Bezirksregierung Detmold legte die Planung im März 2001 öffentlich aus. Es wurde geplant, beschlossen, verworfen, neu geplant, gekämpft und geklagt. Im Juli 2008 lehnte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die Klage der Gegner gegen den Planfeststellungsbeschluss für die Nordumgehung ab. Im Oktober 2008 begann der Bau.

„"Unsere früheren Nachbarn leben jetzt auf der anderen Seite der Autobahn."“
Ingrid Weihe, Anwohnerin Bad Oeynhausen

Ingrid und Wilfried Weihe wohnen direkt neben der Nordumgehung. Von ihrem Schlafzimmer und Wohnzimmer aus blicken sie heute auf den Wall der neuen Autobahn. Früher war da ein grünes Feld. „Unsere früheren Nachbarn leben jetzt auf der anderen Seite der Trasse. Wir kommen nur noch über Umwege zu ihnen. Man wird sich fremd“, sagt die 80-jährige Ingrid Weihe. Ihr Mann sagt: „Nachbarschaften wurden zerstört.“ Wie stark der Lärm der vorbeifahrenden Autos und Lkw sein wird, könnten sie derzeit nur erahnen. „Als während der Bauphase Lkw vorbeifuhren, war es im Garten unzumutbar laut.“

Laut Straßen NRW werden die Grenzwerte für Lärm eingehalten. Die Stadt Bad Oeynhausen bezahlte eine Million Euro zusätzlich, damit ein grobporiger Asphalt aufgetragen wurde, der Lärm besonders gut schlucken soll. Für die Anwohner im Norden nur ein kleiner Trost.

„Wir erhoffen uns, dass der Verkehr unter 20.000 Autos pro Tag fallen wird."“
Sven Johanning, Straßen NRW, Regionalniederlassung Ostwestfalen-Lippe

„Eine neue Straße ist immer auch eine Zäsur“, sagt Sven Johanning von der Regionalniederlassung Ostwestfalen-Lippe. Es mussten 26 Brücken für 78 Millionen Euro gebaut werden. Die Gesamtbaukosten betrugen 230 Millionen Euro.

Für die Innenstadt geht Johanning zukünftig von 50 Prozent weniger Verkehr aus. „Wir erhoffen uns, dass es unter 20.000 Autos pro Tag auf der B61 werden." Die verschiedenen Parallelstraßen sollen auch entlastet werden.

Das freut auch einige Geschäftstreibende. Janette Berger, Inhaberin der freien Tankstelle mit Fahrradgeschäft an der Werster Straße in Bad Oeynhausen ist froh, dass der Verkehr umgelenkt werde. „Wir leben vor allem von Stammkunden und weniger vom Durchgangsverkehr. Für die Lkw sind wir zu klein.“ Der Verkehrslärm störe sie und ihre Kunden, wenn sie sich Fahrräder im Außenbereich anschaue.

Auch Tankstellenpächterin Laura Hub sieht für ihre Star-Tankstelle an der Mindener Straße zukünftig mehr Vor- als Nachteile durch den nachlassenden Verkehr an der B61. „Der Stress überwiegt, viele Autofahrer, auch aus dem Ausland, benehmen sich oft daneben. Die Leute kaufen nicht so viel und am Sprit verdiene ich fast nichts“, sagt Hub. Wie wenig der Verkehr und damit das Geschäft für sie werde, könne sie noch nicht absehen.

Die Stadt sieht durch die Nordumgehung eine Chance, vom „Image der Verkehrschaos-Stadt loszukommen“, wie Stadtsprecher Volker Müller-Ulrich sagt. „Bad Oeynhausen als Kurstadt soll wieder in den Fokus rücken.“