Unternehmer in Haft Lohne: Millionenbetrug mit Werkverträgen?

Von Dirk Fisser | 29.12.2013, 15:39 Uhr

Erst Razzia, dann Festnahme: Ein Fleischunternehmer aus Lohne im Landkreis Vechta musste Weihnachten im Gefängnis verbringen, weil er mit Werkverträgen die Sozialversicherung um mindestens 3,3 Millionen Euro betrogen haben soll. Die Ermittler vom Zoll gehen davon aus, dass die Schadenssumme noch wesentlich höher ausfällt. Sein Auftraggeber – der Sprehe-Konzern – hat von Unregelmäßigkeiten angeblich nichts bemerkt.

Am 16. Dezember klingelten die Beamten mit dem Haftbefehl. Der Niedersachse und sein Vorarbeiter wurden „wegen des dringenden Tatverdachts des Sozialversicherungsbetruges festgenommen“, teilte das Hauptzollamt Münster mit. Drei Monate zuvor hatten die Zöllner an mehreren Standorten in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg Unterlagen sichergestellt – unter anderem auch beim Unternehmen „Fine Food“ aus Emsdetten im Kreis Steinfurt.

Der Betrieb gehört zum weitverzweigten Netz des Sprehe-Konzerns . Hauptsitz ist Cappeln im Landkreis Cloppenburg, aber auch im emsländischen Lorup wird produziert. Am Standort Emsdetten werden Puten zerlegt. Dafür setzt die Sprehe-Tochter – der Konzern ist einer der großen Geflügelfleischproduzenten in Deutschland – auf einen Werkvertrags-Unternehmer. Und der sitzt jetzt in Untersuchungshaft.

Nach Mitteilung des Zolls ließ der Mann aus Lohne am Standort Emsdetten 250 Ost- und Südosteuropäer arbeiten. Die Werkvertragler seien über mehrere Jahre nicht kranken- oder rentenversichert gewesen, sagte eine Zoll-Sprecherin unserer Zeitung. In einem komplizierten Geflecht an Subunternehmen seien sie teilweise als Ein-Mann-Unternehmer scheinselbstständig in der Zerlegung tätig gewesen. Für ihre Arbeit hätten sie nach jetzigem Stand der Ermittlungen netto fünf bis acht Euro in der Stunde erhalten.

3,3 Millionen Euro – so hoch taxieren die Ermittler die Schadenssummer bislang. Doch sie gehen davon aus, dass der Betrag noch steigt. „Wir haben erst die vergangenen beiden Jahre durchleuchtet. Der Rest folgt noch“, so die Sprecherin. Der Unternehmer und sein Vorarbeiter sitzen derweil weiter in Untersuchungshaft.

Die Sprehe-Gruppe selbst will von all dem nichts gewusst haben. „Uns war nicht bekannt, wie dieser Vertragspartner seine Leistung organisiert und dabei mit Subunternehmern arbeitet“, erklärt ein Sprecher auf Nachfrage unserer Zeitung. „Genau so wenig ist uns bekannt, in welcher Höhe dort Löhne gezahlt worden sind.“ Vertragsgegenstand zwischen Sprehe und Subunternehmer sei die Zerlegung, abgerechnet werde „nach Gewicht oder Stückzahl“.

In einer Stellungnahme im Herbst hatte die Sprehe-Gruppe ihrem Subunternehmer zunächst noch den Rücken gestärkt: „Wir haben keinen Anlass zu der Annahme, dass dort Arbeitnehmer zu unangemessenen Arbeitsbedingungen eingesetzt wurden“, zitierte die „ Emsdettener Volkszeitung “ denselben Konzernsprecher.

Jetzt stehen die Zeichen auf Wechsel: Ein zeitnaher Austausch des Subunternehmens in der Zerlegung sei „höchstwahrscheinlich“. Was das wiederum für Auswirkungen auf die 250 Mitarbeiter des festgenommenen Fleischunternehmers hat, sei unklar. Im schlimmsten Fall stehen sie ohne Arbeit da.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sprehe Ärger mit dem Vertragspartner bei „Fine Food“ hat. In den vergangenen Monaten hatten sich Beschwerden über die Unterbringung der Arbeiter in Emsdetten gehäuft. Dabei wurden katastrophale Bedingungen angeprangert, unter denen die Ost- und Südosteuropäer arbeiten sollen. Sprehe hatte dabei stets auf den jetzt inhaftierten Subunternehmer verwiesen. Die Verantwortung liege bei ihm.

 Nach Unternehmensangaben hat Sprehe den Konkurrenten „Fine Food“ im Jahr 2004 übernommen. Neben dem Stammsitz in Westfalen ging damit auch ein Werk in Wittenburg, Mecklenburg-Vorpommern an Sprehe über. Die Zeichen stehen auf Wachstum: Im Oktober 2012 wurde das Werk im Osten für 20 Millionen Euro erweitert- drei Millionen Euro steuerte das Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern aus europäischen Fördertöpfen als Subvention bei.

Bundesweit arbeiten für Sprehe nach offiziellen Angaben 2500 Menschen. Die Gruppe – unter dem Dach der Union Besitz Holding – erzielt mit Geflügel-, Schweine-, und Rindfleischprodukten einen Umsatz von etwa 650 Millionen Euro im Jahr.