Ein Mitarbeiter gestorben Tuberkulose in Schlachthof: Auch Fälle im Landkreis Osnabrück

Von dpa, Corinna Berghahn und Eva Voß | 14.12.2018, 10:28 Uhr

In einem Schlachthof im Landkreis Cloppenburg sind mehrere Mitarbeiter an Tuberkulose (TBC) erkrankt. Ein Patient sei bereits gestorben, teilte der Landkreis Cloppenburg am Freitag mit. Auch der Landkreis Osnabrück meldet vier Tuberkulosefälle.

Wie der Landkreis Osnabrück auf Anfrage mitteilt, wurden bereits 115 Kontaktpersonen der Erkrankten durch den Gesundheitsdienst Osnabrück auf TBC untersucht. Demnach wurde kein weiterer Fall einer ansteckenden TBC identifiziert. Die Betroffenen aus dem Landkreis Osnabrück, die aus Polen und Rumänien stammen, wurden stationär therapiert, es habe jedoch keine Todesfälle gegeben.

Ob diese Fälle etwas mit den TBC-Fällen im Nachbarlandkreis zu tun haben, war Freitagabend noch offen. Beide Landkreise hatten jeweils vier Infektionen gemeldet. Am Freitagabend gab es Spekulationen, dass auch in weiteren Schlachthöfe in der Region TBC-Kranke beschäftigt waren. Nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) liegt die Ursache im System der Werksverträge. „Das System ist auf Ausbeutung ausgelegt, krank und kaputt“, sagte der NGG-Geschäftsführer für den Bereich Oldenburg/Ostfriesland, Matthias Brümmer.

In den vergangenen fünf Jahren gab es laut Landkreis Osnabrück insgesamt neun TBC-Fälle bei Menschen, die Tätigkeiten in der Fleischverarbeitung ausgeübt haben.

Von dem im Schlachtbetrieb verarbeiteten Fleisch gehe nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen kein Infektionsrisiko aus. Beim Erhitzen des Fleisches im Rahmen der Zubereitung würden eventuelle Keime abgetötet, sodass ein Risiko für den Verbraucher als äußerst gering einzuschätzen ist, heißt es in der Stellungnahme vom Landkreis Osnabrück weiter.

Nach Angaben des Landkreises Cloppenburg hat der Betrieb entschieden, zur Verbesserung der allgemeinen Hygienesituation und für eine erhöhte Produktsicherheit das Tragen von sogenannten Astrohauben zur Pflicht zu machen. Diese haben einen Mundschutz. Von einer Ansteckung über das Fleisch sei schon deshalb nicht auszugehen, weil acht Stunden direkter Kontakt mit einer infizierten Person Voraussetzung seien. Das Unternehmen verschickte zunächst keine Stellungnahme.

55 positive Befunde

Zu den bisher 115 auf TBC untersuchten Kontaktpersonen durch den Gesundheitsdienst des Landkreises Osnabrück wurden noch einmal 96 Kontaktpersonen der Erkrankten aus Cloppenburg durch den dortigen Gesundheitsdienst getestet. Von ihnen erhielten bereits 55 einen positiven Befund, weitere Messdaten stehen aber noch aus. Der Test fällt positiv aus, wenn jemand irgendwann im Laufe seines Lebens mit Tuberkulose in Kontakt gekommen ist.

„Ein positives Testergebnis bedeutet nicht, dass die Person erkrankt oder ansteckend ist", sagte der Sprecher des niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Holger Scharlach. Allerdings sei der Anteil der positiv Getesteten ungewöhnlich hoch. „Wir hätten eher erwartet, dass bis zu 20 Prozent positiv getestet werden. Hier sind es über 50 Prozent", so Scharlach. Bei den positiv-getesteten Personen erfolge nun anschließend eine Röntgenuntersuchung der Lunge, um eine aktive Tuberkulose auszuschließen oder zu erkennen. "Abschließend bewerten können wir das Geschehen noch nicht, weil dafür noch weitere Untersuchungen notwendig sind. Trotzdem deutet der hohe Anteil von positiv getesteten Personen darauf hin, dass eine Ansteckung innerhalb der untersuchten Personengruppe erfolgt ist", so Scharlach weiter.

In Niedersachsen wurden dem Landesgesundheitsamt im Jahr 2018 bisher 392 Tuberkulosefälle übermittelt. In den vorherigen Jahren seit 2014 schwankten die jährlichen Fallzahlen zwischen 340 und 405 Fällen.

Wie äußert sich die Tuberkulose?

Die Tuberkulose (von lateinisch tuberculum ‚kleine Geschwulst‘) ist eine weltweit verbreitete Infektionskrankheit, die durch verschiedene Arten von Mykobakterien verursacht wird. Sie wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Bei Menschen befällt das Bakterium am häufigsten die Lungen und verursacht eine Lungentuberkulose. Es können aber auch andere Körperteile befallen werden.

Konkrete Krankheitsanzeichen für eine Tuberkulose kann in der Regel nur ein Mediziner einschätzen, mögliche Beschwerden sind beispielsweise Husten, Gewichtsabnahme, leichtes Fieber und Nachtschweiß. (Weiterlesen: Rückkehr der Tuberkulose: Eine Betroffene aus der Region berichtet)

Mehr Informationen:

Im Zuge der Industruiellen Revolution begann im 17. Jahrhundert die längste Tuberkulosewelle. Sie erreichte ihren Höhepunkt im 18. Jahrhundert und hält nach einem temporären Aufflackern der Epidemie kurz nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg in letzten Ausläufern bis heute an. 1882 konnte Robert Koch den Erreger, das Bakterium Mycobacterium tuberculosis, nachweisen. Diese Entdeckung bescherte ihm 1905 den Nobelpreis. Doch erst seit den 1940er-Jahren wird die Krankheit gezielt mit Antibiotika bekämpft.

Weltweite Epidemie

Rund ein Drittel der Weltbevölkerung soll mit Tuberkulose-Erregern infiziert sein, schätzt das Robert-Koch-Institut. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich etwa neun Millionen Menschen an einer Tuberkulose, etwa 1,4 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an ihren Folgen.

In der Behandlung gibt es aber auch Fortschritte. Zwischen 2000 und 2017 entgingen dank entsprechender Behandlung schätzungsweise 54 Millionen TBC-Kranke dem Tod, heißt es bei der WHO. Die Sterblichkeitsrate der Erkrankten fällt demnach pro Jahr um rund drei Prozent.

Wie ansteckend ist die Tuberkulose?

Nach Angaben des Landesgesundheitsamts ist die Ansteckungsfähigkeit der Tuberkulose im Vergleich zu anderen Erkrankungen, wie zum Beispiel Influenza, deutlich geringer. "Eine Übertragung von Tuberkelbakterien von Mensch zu Mensch findet in der Regel nur statt, wenn die Personen mehrere Stunden im gleichen Raum zugebracht haben und die infizierte Person stark hustet", so Scharlach.

Anstieg seit 2010 in Deutschland

Bis 2035 will die WHO die Epidemie beendet haben. Dafür wird verstärkt in Diagnose und Behandlung investiert. Zudem wird nach neuen, besseren Impfstoffen geforscht, besonders private Initiativen wie die Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung sind hier Vorreiter. Ob sie Erfolg haben werden, wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen. Denn nur wenn die Krankheit überall erfolgreich bekämpft wird, kann sie ausgerottet werden.

Auch in Deutschland und in Niedersachsen bleibt die weitere Entwicklung abzuwarten: „Als die Flüchtlingswelle am höchsten war, also 2015, waren die festgestellten Fälle ebenfalls am höchsten. Gaben 2005 bis 2010 noch 56 Prozent der erkrankten Deutschland als Geburtsland an, waren es im Zeitraum 2011 bis 2015 nur noch 43,9 Prozent. Doch nun kommen weniger Menschen, daher ist es schwer, eine Prognose für Niedersachsen zu treffen“, so ein Sprecher vom Landesgesundheitsamt.