Tuberkulose in Niedersachsen Rückkehr der Tuberkulose: Eine Betroffene aus der Region berichtet

Von Corinna Berghahn | 01.10.2017, 10:00 Uhr

Bei der Tuberkulose denken viele an romantische Opern oder Thomas Mann und seinen „Zauberberg“. Dass die Krankheit wieder vermehrt in Niedersachsen vorkommt, ist jedoch nur wenigen bekannt. Eine Erkrankte aus dem Landkreis Osnabrück erzählt, wie sie gegen die Tuberkulose ankämpft.

Die Tuberkulose (TBC) ist wieder da. Seit ihrer Hochphase im 19. Jahrhundert, wo sie in Deutschland als „weiße Pest“ bezeichnet wurde und eine der häufigsten Todesursachen war, hat sie dank Impfungen, besserer Ernährung und Hygiene ihren Schrecken verloren.

Global betrachtet birgt sie jedoch immer noch eine große Gefahr: 2015 gab es weltweit 10,4 Millionen Neuinfektionen und 1,8 Millionen Todesfälle. Rund 85 Prozent aller an Tuberkulose Neuerkrankten leben in Afrika, Südostasien und der westlichen Pazifikregion. Ebenfalls stark betroffen sind Osteuropa, die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und der indische Subkontinent.

Ihr weltweites Vorkommen gepaart mit Reiselust und Migration sorgt nun dafür, dass Ärzte die Krankheit seit wenigen Jahren wieder verstärkt in Deutschlands Praxen diagnostizieren.

Tuberkulose in unserer Region

Auch in Niedersachsen ist das so: Nach Angaben des Landesgesundheitsamts wurden 2016 in Niedersachsen 394 Tuberkulosefälle registriert, 2017 waren es bislang 217 Fälle (Stichtag 26. September). Tuberkulose ist meldepflichtig, im Fall einer Erkrankung muss das Gesundheitsamt innerhalb von 24 Stunden nach der Diagnose unterrichtet werden.

Von 2001 bis 2010 konnte in Niedersachsen ein kontinuierlicher Rückgang der TBC-Meldungen verzeichnet werden, sagt Holger Scharlach vom niedersächsischen Gesundheitsamt. Doch spätestens seit 2013 gibt es eine Trendwende: Die Zahlen steigen wieder, wenn auch nur langsam. Scharlach sieht einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. „Oft kommen diese aus Ländern, in denen Tuberkulose viel häufiger ist als hier. Bei den medizinischen Eingangsuntersuchungen wird deshalb besonders auf die Tuberkulose geachtet. Daher erklärt sich der Anstieg der Zahlen auch mit dem Anstieg der Flüchtlinge.“

Im Landkreis Emsland erkrankten zwischen 2011 und 2015 45 Menschen an Tuberkulose, im Landkreis Osnabrück 87 und in der Stadt Osnabrück im gleichen Zeitraum 39. 2016 waren es bis zum 26. September im Landkreis Emsland elf (2016: zehn), in der Stadt Osnabrück sieben (2016: 17) und im Landkreis Osnabrück 17 (2016: 16).

Kontinuierlich schlapp gefühlt

Eine der Erkrankten ist Cordula Stese*. Die 36-Jährige aus dem Landkreis Osnabrück kuriert aktuell ihre Lungentuberkulose aus. Dafür nimmt sie drei verschiedene Antibiotika – und das über die Dauer von neun Monaten.

Ansteckend ist Stese jetzt nicht mehr, doch war die Diagnose zunächst ein Schock – und kam darüber hinaus sehr spät, erzählt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „TBC äußert sich eigentlich durch Husten, starken Gewichtsverlust – daher der Name Schwindsucht – und Nachtschweiß. All diese Symptome hatte ich jedoch zu keinem Zeitpunkt“, sagt sie.

„Es begann mit einer fiebrigen Erkältung Anfang dieses Jahres. Im April war eigentlich wieder alles gut, doch während eines Urlaubs hatte ich plötzlich starke Schmerzen im rechten Bein und Brustbereich, etwas später hohes Fieber. Danach fühlte ich mich kontinuierlich schlapp.“

Ein Ärztemarathon

Noch im Urlaub suchte sie eine Klinik auf, in der hohe Entzündungswerte im Blut festgestellt wurden. Der Verdacht auf Thrombose erhärtete sich nicht, stattdessen fanden die Ärzte eine Flüssigkeitsansammlung im Brustkorb, einen sogenannten Pleuraerguss. Woher dieser stammte, erkannten sie ebenfalls nicht.

Zurück in Deutschland folgte ein Ärztemarathon: Die Hausärztin überwies zum Kardiologen, der ein gesundes Herz attestierte. Ein Gefäßspezialist konnte ebenfalls nichts feststellen. Doch der Pleuraerguss entwickelte sich nicht zurück und die Entzündungswerte blieben hoch. Im Mai wurde die Lunge punktiert, in der sich mittlerweile 3,5 Liter Flüssigkeit befanden. Die Behandlung mit Cortison brachte nur eine kurzzeitige Besserung. Eine Lungenspiegelung brachte die Erkenntnis, dass kein bösartiger Tumor Grund der Erkrankung war. Wenigstens das.

„Zufallsbefund“ brachte Wende

„Als ich am 30. Juni zum Abschlussgespräch beim Arzt war, hatte er nach achtwöchigen Laboruntersuchungen dann das Ergebnis: Tuberkulose. Ein absoluter Zufallsbefund, wie er und die Ärztin vom Amt mir berichteten“, erzählt Stese.

Erst seitdem kann sie „richtig“ behandelt werden: „Man bekommt vier starke Antibiotika. Da ich das eine jedoch nicht vertrug, durfte ich es nicht weiter einnehmen und die Behandlung wurde mit drei Medikamenten fortgesetzt. Die Dauer der Behandlung verlängert sich dadurch um drei Monate auf neun Monate insgesamt.“ Stese nimmt niemandem übel, dass die Tuberkulose erst spät und zufällig erkannt wurde. „Im Gegenteil: Ich fühle mich überall gut betreut und die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Amt war und ist sehr gut.“

Begleitet wird ihre Behandlung von einem Lungenfacharzt sowie ihrer Hausärztin. Letztere überprüft wöchentlich ihr Blut, da die Antibiotika starke Nebenwirkungen haben, die sich vor allem auf Leber und Nieren auswirken. Die Therapie ist nicht angenehm, berichtet die 36-Jährige: „Teilweise geht es mir schlechter durch meine Medikamente als durch die Krankheit.“

Quarantäne in den eigenen vier Wänden

Auch auf ihr Leben hatte die Krankheit Auswirkungen: Nahe Kontaktpersonen wie ihre Familie mussten auf TBC getestet werden. „Zum Glück habe ich keinen angesteckt, weder Mann noch Kinder.“

Auf den Zauberberg, der durch Thomas Manns gleichnamiges Buch bekannt wurde, verschlug es Stese hingegen nicht. In Absprache mit ihrem Arzt konnte sie eine Quarantäne daheim wählen, das bedeutete ein eigenes Schlafzimmer, Mundschutz, kein Kuscheln mit der Familie und immer penibel auf die Hygiene achten.

„Sechs Wochen nachdem ich mit den Antibiotika gestartet habe, wurde meine ausgehustete Absonderung der Atemwegsschleimhaut untersucht. Ist dieses sogenannte Sputum dreimal ohne Befund auf Bakterien, gilt man als nicht mehr ansteckend. Die Bakterien trägt man jedoch immer noch in sich.“

Tückische Tuberkulose

„Sind Tuberkulosebakterien im Sputum nachweisbar, spricht man von ,offener‘ Tuberkulose, mit der man per Tröpfcheninfektion andere anstecken kann“, erklärt Christoph Hünermann, Chefarzt der Klinik für Pneumologie im Krankenhaus St. Raphael Ostercappeln. Die durch Bakterien verursachte Tuberkulose schlägt sich zumeist, aber nicht immer, auf der Lunge nieder.

Darüber hinaus vermehren sich die auslösenden Mykobakterien langsam – und machen zumeist erst dann krank, wenn das Immunsystem des Infizierten schwach ist. Das erklärt, wieso insbesondere bei Aidskranken eine Tuberkulose zum Tod führen kann. Generell erkranken nur etwa zehn Prozent der Menschen, die sich mit Tuberkulose angesteckt haben, im Verlauf der nächsten Wochen, Monate oder Jahrzehnte an einer behandlungsbedürftigen Tuberkulose. Die meisten gesunden Menschen können die Bakterien mit ihren eigenen Abwehrkräften erfolgreich bekämpfen, ohne an der Tuberkulose zu erkranken.

Zudem haben die Bakterien eine dicke Zellwand und schaffen es gut, sich im Körper zu verstecken. All das erschwert Diagnose und Therapie. Daher ist es gar nicht so selten, dass eine Tuberkulose in Deutschland erst durch Zufall gefunden wird, sagt Hünermann. Aber: „Über 95 Prozent der hierzulande an Tuberkulose Erkrankten werden wieder gesund.“

Gefahr durch multiresistente Keime

Auch Stese hat gute Chancen, in ein paar Monaten wieder fit zu sein. Eine Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sie ihre Therapie eisern durchzieht. Denn hört ein Patient auf, die Medikamente zu nehmen, fördert das die Resistenzbildung. Und diese ist neben dem weltweiten Vorkommen der Krankheit ein weiteres großes Problem für die Ärzte: Mittlerweile häufen sich in den besonders betroffenen Ländern die Fälle von Bakterien, die gegen die Standartantibiotika resistent sind.

Im Laufe der Jahre haben sich die Bakterien an die Antibiotika gewöhnt und sprechen nicht mehr auf sie an. Die Ausheilung dieser als MDR-Tuberkulose (MDR = Multiresistent) bezeichneten Krankheit ist um ein vielfaches schwieriger – und teurer. In Ländern, in denen es kein verlässliches Gesundheitssystem gibt, ist es deshalb schwierig, die Krankheit zu bekämpfen.

Lohnt sich die Impfung wieder?

Bis 1998 wurde die Impfung gegen die Tuberkulose von der ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts empfohlen. Danach schien sie nicht mehr notwendig. Hat sich das jetzt geändert?

„Nein“, findet Arzt Hünermann: „Die Zahl der hier behandelten Tuberkulose-Patienten ist etwas gestiegen, was wahrscheinlich mit der Migration zu tun hat. Trotzdem: In Deutschland ist Tuberkulose immer noch eine seltene Erkrankung. Flüchtlinge, die die Krankheit mitbringen können, werden in den obligatorisch gewordenen medizinischen Eingangsuntersuchungen gründlich gecheckt. Zudem wirkt die Impfung sehr unterschiedlich und hat viele Nebenwirkung, sodass die Nachteile ihren Nutzen überwiegen.“

WHO kämpft gegen die weltweite Epidemie

Trotzdem ist Tuberkulose ein Problem: Rund ein Drittel der Weltbevölkerung soll mit Tuberkulose-Erregern infiziert sein, schätzt das Robert-Koch-Institut. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich etwa neun Millionen Menschen an einer Tuberkulose, etwa 1,4 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an ihren Folgen.

Daher hat die WHO sich ein Ziel gesetzt: Bis 2035 soll die Epidemie beendet sein. Dafür wird verstärkt in Diagnose und Behandlung investiert. Zudem wird nach neuen, besseren Impfstoffen geforscht, besonders private Initiativen wie die Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung sind hier Vorreiter. Ob sie Erfolg haben werden, wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen. Denn nur wenn die Krankheit überall erfolgreich bekämpft wird, kann sie ausgerottet werden.

Auch in Deutschland und in Niedersachsen bleibt die weitere Entwicklung abzuwarten: „Als die Flüchtlingswelle am höchsten war, also 2015, waren die festgestellten Fälle ebenfalls am höchsten. Gaben 2005 bis 2010 noch 56 Prozent der erkrankten Deutschland als Geburtsland an, waren es im Zeitraum 2011 bis 2015 nur noch 43,9 Prozent. Doch nun kommen weniger Menschen, daher ist es schwer, eine Prognose für Niedersachsen zu treffen“, so Holger Scharlach vom Landesgesundheitsamt.

Kein Todesurteil mehr

Cordula Stese weiß nicht, wo und wie sie sich angesteckt hat. Vielleicht im Beruf, vielleicht auf Reisen. „Das ist auch egal. Mir ist nur wichtig, dass Menschen über diese Krankheit aufgeklärt werden. Eine Diagnose ist heutzutage zwar außergewöhnlich, aber auch kein Todesurteil mehr. Man kann Tuberkulose gut besiegen, wenn man sich konsequent behandeln lässt.“

*Der Name der Erkrankten ist von der Redaktion geändert worden. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.