Petition gegen Zerstörung nimmt Hürde Römerlager-Freunde werben im Landtag für Erhalt

Von Klaus Wieschemeyer | 21.05.2019, 19:37 Uhr

Der Kampf von Bürgern gegen die Abbaggerung eines früheren Römerlagers bei Hannover zeigt Erfolge: Der Landtag hat sich offiziell mit dem Thema befasst.

Es war eine Premiere: Erstmalig hat eine Petition an den niedersächsischen Landtag am Dienstag eine öffentliche Anhörung erzwungen. Mit etwa 6000 Unterschriften hatten die Befürworter des Erhalts eines römischen Marschlagers nahe des heutigen Wilkenburg bei Hannover online genug Unterstützer zusammengetrommelt, um dem zuständigen Petitionsausschuss ihre Sicht der Dinge zu vermitteln.

Auf einem etwa 30 Hektar großen und kaum erforschten Gelände südlich des heutigen Hannover soll kurz nach Christi Geburt eine große römische Armee mit etwa 20 000 Soldaten gelagert haben. Heute will ein Zementriese dort Kies abbauen. Die Petenten fordern von der Landespolitik den Erhalt des Bodendenkmals. Ihre Befürchtung: Ein einmaliges Bodendenkmal könnte unwiederbringlich zerstört – auch für künftige Forscher, die den Geheimnissen des Areals mit besseren Methoden als heute auf die Spur kommen könnten.

„Einzige objektive Quelle“

„Kulturgüter sind knapper als Kies“, sagte Petent Werner Dicke aus Hildesheim. Die Initiative rechnet vor, dass das Römerlager nur 0,25 Prozent der möglichen Kiesabbaustätten im Land umfasst. „Von knappem Kies in Niedersachsen haben wir noch nie gehört“, ergänzte Mit-Petentin Kristina Osmers. Sie bekam Schützenhilfe von Experten: Der Wiener Archäologe Professor Michael Erdrich bezeichnete das Römerlager als „einzige objektive Quelle historischer Ereignisse“. Es gilt als archäologischer Beweis des „Immensum Bellum“, einem bislang fast nur von einem Biografen dokumentierten erfolgreichen Feldzug der Römer in Germanien wenige Jahre vor der verheerenden Varus-Niederlage bei Kalkriese.

Der Chemieprofessor Franz Renz von der Uni Hannover macht Hoffnungen auf neue Erkenntnisse: „Die Archäologie wird sich drastisch weiterentwickeln“, sagte das Mitglied des Mars-Rover-Teams der Nasa. Und über chemische Verbindungen könne man vieles über das Verhältnis der Römer zu den umliegenden Germanen schließen.

Forscher: Germanien war gar nicht so wild

Schon in den vergangenen Jahrzehnten hat sich dieses Bild gewandelt: Funde in Bentumersiel, Waldgirmes und am Harzhorn belegen, dass Römer und Germanen teils engen Kontakt hatten. Zudem sei das heutige Niedersachsen zur römischen Kaiserzeit alles andere als undurchdringlicher Wald, sondern besiedelte Kulturlandschaft gewesen, sagte Erdrich. Renz geht davon aus, dass auch das Umland des Marschlagers am Fluss Leine schon lange zuvor besiedelt war. Vielleicht sei Hannover 1000 Jahre älter als bisher gedacht.

Ob in Wilkenburg gebaggert wird oder nicht, ist seit 2015 offen: Der Petitionsausschuss wollte sich gestern noch nicht festlegen, will aber bis Juni eine Empfehlung geben. Das Wissenschaftsministerium erklärte auf Anfrage, dass die Entscheidung nicht beim Land, sondern bei der Region Hannover liege. Dort hatte man eine Entscheidung für erste Halbjahr 2019 in Aussicht gestellt.

Petenten für Winterferien, Theaterförderung und A13 für Lehrer

So oder so ist die Römerlager-Petition bereits ein Erfolg: Denn das Beispiel macht Schule. Aktuell haben drei weitere Petitionen die 2017 unter rot-grün eingerichtete Anhörungs-Hürde von 5000 Unterschriften in kurzer Zeit geknackt: Die Petenten fordern eine bessere Theaterfinanzierung in Niedersachsen, die Einführung von einwöchigen Winterferien sowie die Anhebung niedrigerer Lehrergehälter auf ein Mindestniveau in der Besoldungsstufe A13. Mit allen drei Themen dürfte sich der Ausschuss in nächster Zeit öffentlich befassen.