Regional – Landesweit – Bundesweit Flüchtlinge: Das sind die Ballungszentren in unserer Region

Von Jörg Sanders | 20.01.2016, 06:12 Uhr

Etwa 1,1 Millionen Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen. Die Regierung erwägt, ihnen den Wohnort künftig vorzuschreiben, auch die Bundesagentur für Arbeit will das. Bislang verteilen sich die Asylbewerber sehr unterschiedlich. In den Osten wollen kaum Asylbewerber – in unserer Region sind vergleichsweise viele in Osnabrück, Delmenhorst und dem Landkreis Vechta.

Das geht aus Zahlen der Bundesagentur der Arbeit (BA) für den November 2015 hervor, die unserer Redaktion vorliegen. Diese zeigen die räumliche Verteilung der bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern gemeldeten erwerbsfähigen Personen (GEP) aus den acht häufigsten nicht-europäischen Zugangsländern. Das sind im Einzelnen: Syrien, Irak, Afghanistan, Iran, Pakistan, Eritrea, Nigeria und Somalia. In Relation zur gesamten Wohnbevölkerung kamen auf 10.000 Einwohner durchschnittlich 28,09 gemeldete erwerbsfähige Personen aus den acht Ländern, die meisten aus Syrien (11,96) und dem Irak (5,33). Bundesweit verteilen sich mehr als 50 Prozent der GEP auf lediglich 36 der insgesamt 402 deutschen Kommunen.

 Niedersachsen: In Niedersachsen waren im November die meisten GEP in der Region Hannover registriert – 7441 in der Summe. Mit großem Abstand folgte auf dem zweiten Platz die Stadt Oldenburg (1240), gefolgt von der Stadt Osnabrück mit 959 erwerbsfähig gemeldeten Asylbewerbern.

 Die relativen Zahlen für unsere Region: 

Werden die Zahlen in Relation zur Einwohnerzahl gesetzt, wird noch deutlicher, wie sehr sich die Asylbewerber auf Ballungszentren konzentrieren. Ohne Hamburg (73) und Bremen (88) lag Oldenburg mit rund 77 GEP pro 10.000 Einwohner landesweit an der Spitze. Es folgten die Region Hannover (66), Delmenhorst (65) und die Stadt Osnabrück (60). Es gibt aber Ausnahmen, etwa die Stadt Braunschweig: Dort kamen mit 546 registrierten GEP vergleichsweise geringe 22 auf 10.000 Einwohner. In ländliche Räume zieht es hingegen deutlich weniger Asylbewerber. So kamen in der Grafschaft Bentheim lediglich rund 18 GEP auf 10.000 Einwohner, im Emsland zwölf und im Landkreis Osnabrück nur rund elf. Doch auch hier gibt es Ausnahmen, wie etwa im Landkreis Vechta. Dort waren im November 606 GEP registriert, damit kamen rund 43 auf 10.000 Einwohner.

 Die absoluten Zahlen für unsere Region: 

 Stadt Osnabrück: Von den 959 in Osnabrück gemeldeten GEP waren fast zwei Drittel Syrer (611). Die zweitgrößte Gruppe bildeten Pakistaner (106). Die anderen sechs Länder waren mit jeweils weniger als 100 GEP vertreten.

 Landkreis Osnabrück: Auch im Landkreis Osnabrück waren Syrer die mit Abstand häufigsten GEP. 318 der insgesamt 383 GEP kamen aus dem Kriegsgebiet, das entspricht rund 82 Prozent. Aus Afghanistan waren es nur 15, aus dem Irak 26 und acht aus Nigeria. Für die anderen Nationen liegen keine Zahlen vor.

 Emsland: Auch im Emsland bildeten Syrer die größte Gruppe: Dort waren rund 64 Prozent oder 248 der 390 GEP aus Syrien. 52 waren aus dem Irak, 26 aus Afghanistan, 22 aus Eritrea und elf aus Somalia.

 Stadt Delmenhorst: In Delmenhorst waren im November 489 GEP aus den acht Ländern registriert. Rund 55 Prozent oder 268 von ihnen kamen aus Syrien. 104 kamen aus dem Irak und 32 aus Afghanistan. Weitere 30 kamen aus dem Iran, 28 aus Pakistan, 24 aus Nigeria, drei aus Eritrea.

 Absolute Zahlen für das Bundesgebiet: 

Im November waren bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern insgesamt 228.323 GEP aus den acht genannten Ländern gemeldet. Fast die Hälfte von ihnen, exakt 97.076, waren den Akten zufolge Syrer. Es folgten Iraker (43.269), Afghanen (29.906), Iraner (22.166), Pakistaner (14.416), Eritreer (8763), Nigerianer (8364) und Somalier (4363). Die Asylbewerber aus diesen Nationen zieht es insbesondere in die Ballungszentren Berlin, München, die Region Hannover und das Rhein-Main-Gebiet.

In absoluten Zahlen sind die meisten GEP in Hamburg registriert. 12.877 waren es in der Summe, fast die Hälfte davon aus Afghanistan (6182). Syrer hingegen zieht es insbesondere nach Berlin. In der Bundeshauptstadt waren im November 12.304 GEP gemeldet. Rund 53 Prozent oder 6507 kamen aus dem Kriegsland. Die meisten GEP aus dem Irak wiederum waren in München registriert. 55 Prozent der dortigen 7730 GEP kamen aus dem Irak (4278 GEP). Viele Flüchtlinge waren in der Metropolregion Rhein-Ruhr registriert, dort insbesondere in Köln Düsseldorf, Dortmund, Bochum, und Wuppertal. In den Osten hingegen zieht es kaum Flüchtlinge, obgleich viele Regionen aufgrund des demografischen Wandels gut junge Arbeitskräfte gebrauchen könnten.

BA will Residenzpflicht

Union und SPD sind sich weitgehend einig, dass eine Residenzpflicht sinnvoll sein könne. Die Residenzpflicht besagt, dass Asylbewerber den ihnen zugewiesenen Wohnort nicht wechseln dürfen. Bislang unterliegen nur Flüchtlinge ohne Anerkennung dieser Regelung, die zudem nach drei Monaten erlischt.

Die Bundesagentur für Arbeit will eine dreijährige Residenzpflicht für alle Flüchtlinge. Das geht aus einem vertraulichen Schreiben des BA-Vorstands Raimund Becker an den Chef der Innenministerkonferenz Klaus Bouillon hervor, berichtete die „Bild“-Zeitung. Ausnahmen solle es lediglich geben, wenn ein Flüchtling andernorts eine Arbeit oder eine Wohnung finde. Mit der Residenzpflicht wolle die BA eine „Gettoisierung“ in Ballungsgebieten verhindern. Auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund sprach sich für die Residenzpflicht aus.

Netzwerke und Jobchancen

Für Pro-Asyl-Geschäftsführer Günther Burkhardt liegen die Gründe für die Konzentration auf der Hand. Viele Asylbewerber hätten in den Ballungszentren Bekannte und Familie und würden diese Netzwerke für die Jobsuche nutzen. Zudem seien ihre Chancen auf einen Job oder eine Ausbildungsstelle im ländlichen Raum wesentlich geringer als in Metropolregionen. „Ein junger Flüchtling hat nicht überall gleich gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz“, hatte Burkhardt unserer Redaktion gesagt. Asylbewerber in die Fläche zu schicken, bedeute, dass sie vermehrt auf staatliche Sozialleistungen angewiesen wären. „Das sind integrationspolitische Fehlmaßnahmen“, so Burkhardt.

Auch die Bundesagentur für Arbeit erklärt die Konzentration der Asylbewerber in Ballungszentren wie dem Rhein-Ruhr-Gebiet mit Bekannten und Familienangehörigen, die dort bereits leben.

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