Prozess gegen Oskar Gröning Auschwitz-Überlebende berichtet von Mengele-Experimenten

Von dpa | 02.06.2015, 14:23 Uhr

Nur zwei in Auschwitz geborene Babys überlebten das Konzentrationslager. Eines davon, eine heute 70 Jahre alte Frau, sagte im Lüneburger Prozess gegen den angeklagten ehemaligen SS-Mann Gröning aus. Ist für sie ein Vergeben möglich?

Sie ist Zeugin, aber erhebt Anklage: Als Angela Orosz-Richt am Landgericht Lüneburg am Dienstag zu reden beginnt, wendet sie sich direkt an den angeklagten ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning. „Ich möchte hier stehen und den anklagenden Finger gegen diejenigen richten, die für die unmenschlichen Zustände verantwortlich waren, in die ich hineingeboren wurde, welche wie Sie, Herr Gröning.“

Zwei Babys überlebten

Ihr Geburtsort ist das Konzentrationslager Auschwitz, als eines von zwei Babys überhaupt hat sie es lebend verlassen, sagt die 70-Jährige. „Ich habe aus einem Grund überlebt, weil ich eine Mission habe, für die zu sprechen, die nicht sprechen können.“

In erschütternden Details berichtet die kleine, schwarz gekleidete Frau über Sterilisierungsexperimente von Lagerarzt Josef Mengele an ihrer mit ihr im siebten Monat schwangeren Mutter. Immer wieder seien ihrer Mutter brennende Substanzen injiziert worden. „Direkt dahinter war der Fötus, das war ich“, sagt die aus Montreal angereiste Frau. „Diese Experimente sind der Grund dafür, dass ich keine Brüder oder Schwestern habe.“

Schwangerschaft verheimlicht

Weil ihre Mutter so wenig zu essen bekam, sei sie so klein gewesen, dass die Schwangerschaft nicht aufgefallen sei, sagt die Auschwitz-Überlebende. Bei der heimlichen Geburt habe sie nur ein Kilogramm gewogen. „Ich war so unterernährt, ich konnte nicht schreien, das ist der einzige Grund, dass ich überlebt habe.“ Bereits drei Stunden nach der Geburt sei ihre Mutter barfuß zum Zählappell gelaufen. „Sie war nur mit Fetzen bekleidet.“ Fünf Wochen später wird das KZ befreit.

Immer wieder wendet Orosz-Richt sich direkt an den 93 Jahre alten Angeklagten, der von zwei Sanitätern mehr getragen als gestützt seinen Platz eingenommen hat. Vielleicht sei ihre hübsche Mutter ihm aufgefallen, an der Rampe, da wo Mengele mit kurzen Kommandos über sofortigen Tod oder Zwangsarbeit entschied. „Herr Gröning, Sie wussten, was passierte.“ Eine Antwort erhält sie nicht. Gröning guckt auf die gegenüberliegende Wand, dann sinkt sein Kopf nach unten - er wirkt gezeichnet, es scheint nicht nur vom hohen Alter, sondern auch von dem, was er hört.

„Buchhalter von Auschwitz“

Gröning wird Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen vorgeworfen. Der auch „Buchhalter von Auschwitz“ genannte Mann hatte gestanden, Geld aus dem Gepäck der Verschleppten genommen und an die SS in Berlin weitergeleitet zu haben. Er hatte zu Beginn des Verfahrens eine moralische Mitschuld übernommen. 

Behutsam, erst Jahre später, habe ihre Mutter über Auschwitz zu reden begonnen, sagt Orosz-Richt. „Für den Rest ihres Lebens konnte meine Mutter nicht duschen, nur baden.“ Bis zu ihrem Tod habe sie Angst vor bellenden Hunden gehabt. Während ihres Krebsleidens sei ihrer Mutter Mengele in Albträumen erschienen, „er hat in der Tür gestanden“. Kein Morphium habe diese Schreckensvisionen vertreiben können. „Ich erzittere in Liebe für sie“, sagt die 70-Jährige über ihre verstorbene Mutter.

Vater hat kein Grab

Nicht nur die Schrecken der Überlebenden, sondern auch der nächsten Generation fasst Orosz-Richt in Worte. „Wir weinen immer noch über die, die Sie von uns genommen haben, Herr Gröning. Wie kann ich je vergeben?“ An diesem Dienstag wäre der Geburtstag ihres Vaters, sagt sie. „Herr Gröning, ich kann nicht zum Grab meines Vaters gehen und ein Gebet sprechen, weil er keines hat.“ Seine Asche sei irgendwo in Auschwitz verstreut. „Das Grab meines Vaters ist Auschwitz.“

Erst zum 70. Jahrestag der Befreiung Anfang dieses Jahres sei sie zum ersten Mal wieder nach Auschwitz gekommen, später habe ihr Anwalt sie zu einer Aussage in Lüneburg bewegt, meint die Frau aus Montreal. „Ich habe meinen Enkel mitgebracht, damit er, wenn er eine eigene Familie hat, vom Schrecken des Holocaust erzählen kann.“ Nötig sei dies heute mehr denn je, betont sie kurz nach Beginn ihrer 45-minütigen Aussage: „Jetzt haben wir wieder Antisemitismus überall und ganz offen und die Welt schaut still zu.“