Pressekonferenz in Oldenburg Todespfleger Niels H.: Auch Morde in Oldenburg zugegeben

Von Eyke Swarovsky | 22.06.2016, 13:11 Uhr

Die Soko Kardio hat am Mittwoch zusammen mit der Staatsanwaltschaft Oldenburg zum aktuellen Stand der Ermittlungen gegen Ex-Pfleger Niels H. informiert. Dabei wurden bekannt, dass er auch am Klinikum Oldenburg gemordet hat.

Polizeipräsident Johann Kühme eröffnete die Pressekonferenz mit der Information, dass es neue Erkenntnisse zu Vorkommnissen im Klinikum Oldenburg gibt. „Wir wissen jetzt, das Grauen hört nicht auf“, sagte er. Mit ziemlicher Sicherheit könne man nun sagen, dass Niels H. auch in Oldenburg gemordet hat. Dabei habe es sich unter anderem um Vergiftungen durch Kalium gehandelt. Niels H. hatte während seines Prozesses immer wieder beteuert, nur für Taten am Klinikum Delmenhorst verantwortlich zu sein. „Sein Geständnis war damals nicht vollumfänglich“, sagte Kühme. Er hob hervor, dass Niels H. ein Einzeltäter ist, der einen ganzen Berufsstand in Verruf gebracht hat.

Ermittlungen werden noch lange dauern

Thomas Sander von der Staatsanwaltschaft Oldenburg wies auf den riesigen Umfang der Ermittlungen hin. Diese werden andauern, bis der Fall Niels H. komplett aufgearbeitet ist. „Wir dürfen den Sack hier nicht vorschnell zumachen, sondern müssen jeden Stein umdrehen.“ Mit einem Abschluss der Ermittlungen sei in diesem Jahr nicht mehr zu rechnen.

Während Niels H.‘s Tätigkeit am Klinikum starben zwei Drittel aller Verstorbenenen auf der Intensivstation während der Dienstzeit von Niels H. Bei 99 Exhumierungen konnte der Wirkstoff Ajmalin in 27 Fällen nachgewiesen werden. Es sei jedoch davon auszugehen, dass der Ex-Pfleger auch weitere Medikamente einsetzte, um Patienten zu töten, sagte Arne Schmidt, Leiter der Soko Kardio. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass es während der Dienstzeit von Niels H. zu neun Dreifach-Sterbefällen während einer Schicht am Klinikum Delmenhorst gekommen sei. Waren andere Pfleger im Dienst, gab es keine einzige Schicht, in der drei Patienten gestorben sind. Der Nachweis von Ajmalin gelang jedoch bislang nur bei 27 Verstorben am Klinikum Delmenhorst. Von sieben Exhumierungen stehen die toxikologischen Ergebnisse noch aus. Gemeinsam mit den sechs Fällen, für die H. bereits verurteilt wurde ergeben sich nun mindestens 33 Mordfälle am ehemaligen Klinikum Delmenhorst.

Ermittlungen gegen Verantwortliche in Kliniken

Nach Angaben von Schmidt habe es bereits 2003 erste Hinweise am Klinikum Delmenhorst darauf gegeben, dass Niels H. bewusst Patienten geschadet hat. Spätestens 2005 hätten Maßnahmen zum Schutz gegen seine Taten ergriffen werden müssen. Warum dies nicht geschehen ist, und ob deshalb von „Totschlag durch Unterlassung“ auszugehen ist, sei Gegenstand weiterer Ermittlungen. Fest stehe jedoch, dass die Taten in Delmenhorst hätten verhindert werden können. Den ersten Mord habe H. bereits in seiner siebten Dienstschicht im Jahr 2002 begangen. Insgesamt werde gegen fünf Verantwortliche am Klinikum Delmenhorst ermittelt. Am Klinikum Oldenburg sind es drei Personen, gegen die ermittelt wird.

Kalium-Vergiftungen am Klinikum Oldenburg

Am Klinikum Oldenburg habe man laut Schmidt neun Sterbefälle überprüft. Dabei stießen die Ermittler auf elf Vergiftungen, die von Außen herbeigeführt sein müssen. „Das lässt darauf schließen, dass Niels H. auf Station 211 Menschen mehrfach vergiftet hat, um Reanimationen zu provozieren“, so Schmidt. Gutachter konnten feststellen, dass es sich unter anderem um Vergiftungen durch Kalium handelte. In vier Fällen verlief die Verabreichung von Kalium tödlich. In zwei Sterbefällen wurde der Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen. Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse überprüfen die Ermittler nun auch Hunderte Patientenakten am Klinikum Oldenburg. „Die Ermittlungen werden weitergehen“, sagt Schmidt. Die Soko Kardio rechnet mit weiteren Exhumierungen. Um wie viele Fälle es sich dabei handeln wird, kann jedoch noch nicht abgeschätzt werden. Schmidt: „Dieses Ermittlungsverfahren ist noch lange nicht abgeschlossen.“

Schmidt wies darauf hin, dass es bereits 2001 Auffälligkeiten am Klinikum Oldenburg gab, die auf Wechselwirkungen zwischen tödlich verlaufenen Reanimationen und der Anwesenheit von Niels H. gegeben habe. Der Pfleger war doppelt bis dreimal so häufig bei tödlichen Reanimationen dabei, wie andere Pfleger. „Wir stellen uns die Frage, ob die Schlüsse daraus damals nicht zwingend hätten gezogen werden müssen“, sagte Schmidt.

Mordserie begann bereits früher

Niels H. sei nach Angaben von Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann mit den Ermittlungsergebnissen konfrontiert worden und habe zugesichert, bei der Aufklärung helfen zu wollen. Er hat alle ihm vorgehaltenen Taten vollumfänglich und pauschal eingeräumt. In seinen Aussagen widersprach er jedoch den Angaben, die er im Prozess gemacht hatte. Unter anderem, was den Beginn seiner Mordserie anging. Äußerte er damals noch, im März, rund vier Monate nach Dienstantritt in Delmenhorst mit seinen Taten begonnen zu haben, wurde nun bekannt, dass er bereits am 22. Dezember 2002 – eine Woche nach seinem Dienstbeginn – die erste tödliche Spritze gesetzt hat. Im weiteren Verlauf gab Niels H. auch zu, was er bislang immer abgestritten hatte: Auch am Klinikum Oldenburg habe er durch die Gabe von Medikamenten Zustände ausgelöst, die einer Ranimation bedurften, wobei er den Tod der Patienten billigend in Kauf nahm.

Mit einem weiteren Prozess gegen Niels H. ist nach Angaben von Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann zu rechen. Dort wird es zu einer weiteren Anklage kommen, die dann alle Fälle beinhalten wird. Die Strafe wird jedoch die gleiche sein, die er schon bekommen hat: Lebenslange Haft und besondere Schwere der Schuld.