Interview mit Niedersachsens Kultusminister Drohen im Herbst wieder Schulschließungen, Herr Tonne?

Von Lars Laue | 12.07.2022, 01:00 Uhr

Schulschließungen, Matheabi, Lehrermangel, seine eigene Schullaufbahn und seine politische Zukunft: Im Interview liefert Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) überraschende Antworten.

Herr Tonne, Dauer-Kritik am Corona-Kurs inklusive persönlicher Angriffe und Drohungen, nachträglich angehobene Mathe-Abi-Noten und nun wird auch noch Ihr "Lehrkräfte-Gewinnungspaket" zerrissen. Sind Sie froh, wenn diese Legislatur bald vorbei ist und Sie danach wieder in Ruhe als Rechtsanwalt arbeiten können?

Hahaha, netter Versuch Herr Laue. Aber auch von solch plakativen und falschen Zuspitzungen lasse ich mich nicht provozieren.

Es war ja nur gut gemeint...

Also: Beim Corona-Management spiegeln Schulen größtenteils wider, dass sie sich gut unterstützt fühlten vom Ministerium und den Regionalen Landesämtern. Dass diese Zeit enorm belastend war und sich alle ein normaleres Schuljahr gewünscht hätten, das ist davon unabhängig völlig klar. Alle haben Großartiges geleistet. Wir haben es aber geschafft, auch in der Hochzeit der Pandemie die Schulen offenzuhalten.

Das Nachsteuern beim Mathe-Abi schien Sie wenig zu begeistern.

Das Mathe-Abi ärgert mich wirklich. Im Nachhinein eingreifen zu müssen, wünscht sich niemand. Die Aufgaben müssen im Vorfeld einfach passen, Punkt. Daher wird es im kommenden Jahr mehr Zeit und weniger Aufgaben geben als erste Konsequenz. Und zum Lehrkräfte-Gewinnungspaket: Dass die Lehrerverbände nicht nur begeistert sind, ist nicht überraschend, da wir mit der einen oder anderen alten Gewissheit aufräumen und neue Wege gehen. Die Zeiten sind halt nicht so, dass man einfach wie gewohnt weiter machen kann. Ich gehe gerne in jede Diskussion zu den Maßnahmen, aber eines ist auch klar: Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation, in der zwei erhebliche Krisen - Pandemie und Krieg - zusammenkommen. Ich bin nicht gewillt, sie einfach nur über das Bildungssystem kommen zu lassen, sondern auch in dieser schwierigen Situation zu steuern. Sie merken: Ich bin voll auf dem Platz als Kultusminister und werde weiterhin jeden Tag das Feld beackern.

Sie wollen also auch nach der Landtagswahl im Oktober Kultusminister bleiben oder als Jurist lieber ins Justizministerium wechseln?

Ich bin gerne Kultusminister und beteilige mich nicht an Spekulationen. Demokratie ist kein Spiel und kein Wünsch-Dir-Was.

„Einzig mit dem Wunsch, die guten alten Zeiten sollten zurückkommen und alles so sein, wie es einmal war, lässt sich keine einzige Unterrichtsstunde gewinnen.“
Grant Hendrik Tonne (SPD)
Niedersachsens Kultusminister

Zurück zur Schule: Nun sollen also unter anderem noch mehr Quereinsteiger helfen, den akuten Lehrermangel zu beheben. Fachlich mögen Quereinsteiger viel mitbringen, aber was ist mit dem pädagogischen Unterbau? Das Wissen muss ja schließlich auch vermittelt werden können.

Quereinsteigende haben unterschiedlichste Hintergründe, oftmals auch pädagogische. Dass es dennoch Bedarf gibt zu weiteren Qualifikationen bei Pädagogik und Didaktik, ist unbestritten und daher gibt es auch entsprechende Angebote. Hier noch auszubauen oder inhaltlich nachzubessern, dafür bin ich sehr offen. Denn klar ist: Der strukturelle Fachkräftemangel auch im Bildungsbereich lässt sich nicht durch Abwarten lösen. Ich setze lieber auf Handeln, auch wenn das nicht jedem gefällt. Einzig mit dem Wunsch, die guten alten Zeiten sollten zurückkommen und alles so sein, wie es einmal war, lässt sich keine einzige Unterrichtsstunde gewinnen.

Es gibt Stimmen, die vor einer Verwässerung der Lehrer-Ausbildung warnen und ein bisschen bleibt in der Tat das Gefühl zurück: Lehrer? Das kann doch jeder.

Die Ausbildung wird keinesfalls verwässert. Aber es muss schon die Frage erlaubt sein, ob sich die Ausbildung der Lehrkräfte nicht auch zeitgemäß aufstellen muss. Wenn sich alles verändert, die Gesellschaft nahezu jeden Tag, nur die Inhalte der Ausbildung nicht, dann sollte man das auch hinterfragen. Dadurch wird sie nicht weniger anspruchsvoll. Ich halte aber auch nichts davon, die unterschiedlichen Professionen gegeneinander auszuspielen. Die grundständig ausgebildeten Lehrkräfte bringen das beste Rüstzeug mit, daher setzen wir auch voll auf diese jungen Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht auch andere qualifizierte Menschen fit für guten Unterricht und Arbeit mit Kindern und Jugendlichen machen können.

„Klar ist: Schulen und Kitas bleiben auf.“

Bald sind auch in Niedersachsen Sommerferien. Und danach? Geht es angesichts der Corona-Entwicklung zurück in die Schulen mit Test- und Maskenpflicht oder gleich in den Distanzunterricht?

Wir haben den jüngsten Corona-Wellen standgehalten und die Schulen waren offen. Unsere Schutzmaßnahmen haben funktioniert und können im Notfall gezogen werden. Ob und in welchem Umfang das nötig sein wird, kann heute niemand seriös sagen. Wir sind jedenfalls vorbereitet. Klar sind folgende Punkte: Die Schulen haben ausreichend Tests und sollen den Schülerinnen und Schülern welche mit in die Ferien geben. Ob man dann freiwillig testet oder eine Pflicht erforderlich ist, ist erstmal unerheblich. Das wird passend nachkommuniziert. Eine Maskenpflicht kann es derzeit nicht geben, das hat der Bund nicht vorgesehen. Ob es diese Möglichkeit überhaupt geben wird, ist offen. Ich würde es begrüßen, wenn wir schnell Klarheit bekämen. Klar ist aber: Schulen und Kitas bleiben offen.

Es wird also definitiv nicht erneut zu flächendeckenden Schulschließungen in Niedersachsen kommen?

So ist es.

Waren die landesweiten Schulschließungen rückblickend ein Fehler?

Alle wissen, dass geschlossene Bildungseinrichtungen Kollateralschäden verursachen. Daher sollte man alles dafür tun, um Schul- und Kitaschließungen in der Zukunft zu verhindern. Die Jahre 2020, 2021 und 2022 jedoch einfach miteinander zu vergleichen, hilft nicht.

Haben Sie Empfehlungen, wie Schüler, Eltern und auch Lehrer sich in den Ferien verhalten sollten, um den Schulbetrieb nach den Ferien möglichst nicht durch massenhafte Coronafälle zu gefährden?

In die Feriengestaltung der Familien mische ich mich nicht ein. Alle dürften nach einem weiteren enorm anstrengenden Jahr auf Felge fahren und Erholung und gemeinsame Zeit notwendig haben. Das sollen auch alle genießen.

Wo und wie verbringen Sie eigentlich Ihren Sommerurlaub?

Camping an der Nordsee. Wir haben einen Stellplatz in der Nähe von Cuxhaven, dort sind wir als Familie jedes Jahr.

„In der siebten und achten Klassen hatte ich ebenso wie viele andere einen kleinen Durchhänger.“

Streber oder eher chillig? Was waren Sie für ein Schüler?

Wenig aufregend dazwischen. In der siebten und achten Klassen hatte ich ebenso wie viele andere einen kleinen Durchhänger. Danach wurden die Noten besser und Schule hat mir insgesamt auch Spaß gemacht.

Was waren Ihre besten Fächer?

Mathematik, Biologie und Sport.

Wo lag Ihr Abi-Schnitt und waren Sie zufrieden damit?

Ich hatte eine zwei vor dem Komma und war mit dem Ergebnis insgesamt völlig zufrieden.

Noch keine Kommentare