Keine private Knallerei mehr zum Jahreswechsel? Niedersachsen: Ärztekammer unterstützt Ruf nach Böllerverbot an Silvester

Von Lars Laue und dpa | 14.11.2022, 01:00 Uhr

Nach der Deutschen Umwelthilfe und der Gewerkschaft der Polizei (GdP) spricht sich nun auch die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) für die Abschaffung privater Silvester-Feuerwerke aus. „Die Begrenzung exzessiver Böllerei hätte gleich mehrere positive Auswirkungen“, ist ÄKN-Präsidentin Martina Wenker überzeugt.

Die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) unterstützt Forderungen nach einem Böllerverbot an Silvester. „Aus lungenfachärztlicher Sicht ist das uneingeschränkt zu unterstützen“, sagte ÄKN-Präsidentin Martina Wenker am Wochenende gegenüber unserer Redaktion.

Klinikpersonal schon jetzt am Limit

„Die Begrenzung exzessiver Böllerei hätte gleich mehrere positive Auswirkungen“, ist Wenker überzeugt. Die Ärzte und das Pflegepersonal in Kliniken und Notaufnahmen arbeiteten schon jetzt „am Anschlag“. Ein Grund dafür sei immer noch die Corona-Pandemie. Ärzte und Pflegekräfte dürften nicht noch zusätzlich durch Verletzungsopfer von Feuerwerkskörpern belastet werden.

„Außerdem sollten die Behörden endlich den Fokus stärker auf die negativen Folgen der Feinstaubbelastung richten, die durch Böller entstehen. Die Atemwege der Menschen leiden darunter ebenso wie Umwelt und Klima“, warnte die ÄKN-Chefin und Lungenfachärztin Wenker.

Durch das Abbrennen von Feuerwerkskörpern werden nach Angaben des Umweltbundesamts jährlich rund 2050 Tonnen Feinstaub freigesetzt, 1500 Tonnen davon in der Silvesternacht. Die Menge entspricht demnach etwa einem Prozent der insgesamt in Deutschland freigesetzten Feinstaubmenge pro Jahr.

Polizeigewerkschaft unterstützt Forderung der Umwelthilfe

Die Deutsche Umwelthilfe setzt sich schon länger für ein Ende des privaten Silvesterfeuerwerks ein und argumentiert unter anderem mit der hohen Feinstaubbelastung durch Silvesterknaller und -raketen, dem Müllaufkommen und der Belastung für Tiere.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte am Wochenende ein generelles Verbot des privaten Abbrennens von Silvesterfeuerwerk und sprach sich für zentral organisierte Feuerwerke zum Jahreswechsel aus.

Der GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke hält es angesichts angespannter Situationen in Krankenhäusern nach eigenen Angaben für „unverantwortlich, die dortigen Mitarbeitenden ohne zwingenden Grund und ohne Not noch höheren Belastungen auszusetzen“.

Verbot „schmerzhaft, aber sinnvoll“

Ein Verbot privater Böllereien sei für viele vielleicht schmerzhaft, aber sinnvoll. Für eine entsprechende Anordnung sprächen unter anderem die Schadstoffproduktion, der anfallende Müll, das hohe Unfallrisiko vor allem unter Alkoholeinfluss, die Böller- und Raketenangriffe auf Polizei, Feuerwehr und Rettungssanitäter sowie Sachbeschädigungen.

Forderung von Umwelthilfe, Polizei und Ärzten

Böllerverbot an Silvester? Das wäre der größte Knaller

Meinung – Lars Laue
Benziner und Diesel stehen schon auf der schwarzen Liste, Gas-Heizpilze sind längst verpönt und schnelles Fahren auf der Autobahn ebenso: Während das Verbrenner-Aus beschlossene Sache ist, dürften andere Bevormundungen wie ein unsägliches Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen nur eine Frage der Zeit sein.

Fast täglich werden Forderungen nach Verboten laut

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Rufe nach weiteren Verboten laut werden. Nun sind es also private Silvesterfeuerwerke, die es nach dem Willen von Umweltschützern, Polizeigewerkschaftern und Ärzten nicht mehr geben soll. Zu laut, zu viel Müll, zu viel Feinstaub, zu viele Verletzte. Stimmt alles.

Und dennoch: Muss immer gleich mit erhobenem Zeigefinger ein Verbot nach dem nächsten gefordert werden. Gibt es nicht ohnehin schon genug Vorschriften? Ist vieles nicht schlicht überreguliert, statt auf die Kräfte des Marktes und das Verantwortungsbewusstsein der Bürger zu setzen?

Feuerwerkskörper sind nicht nur teuer, sondern auch gefährlich. Wem seine Gesundheit am Herzen liegt und wer sein Geld nicht im wahrsten Sinne verpulvern will, wird ohnehin die Finger von Raketen und Böllern lassen.

Wir brauchen kein Böller-Verbot

In Zeiten, in denen beim Wochenend-Einkauf noch stärker auf Angebote geachtet werden muss und die Menschen lieber zu einer zweiten Decke greifen als die Heizung höher zu drehen, werden private Feuerwerke zum Jahreswechsel ohnehin glanzloser oder eben komplett ausfallen. Kurzum: Ein Böllerverbot wäre nicht nur ein Knaller, sondern ist auch schlicht überflüssig.
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Der Polizeigewerkschafter Kopelke forderte die Innenministerkonferenz sowie Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) auf, sich diesem Thema zeitnah zu widmen. Mit einer Novelle des Sprengstoffgesetzes könnten sicher die Voraussetzungen für ein umfassendes Verbot des Abbrennens privaten Feuerwerks geschaffen werden, ist Kopelke überzeugt.

Bundesinnenministerium: Absage an Verbot

Das Bundesinnenministerium wies bereits Anfang November die Forderung der Deutschen Umwelthilfe nach einem generellen Böllerverbot an Silvester zurück. Ein entsprechendes Verbot sei zum Jahreswechsel 2020/2021 und 2021/2022 jeweils von Bund und Ländern aufgrund der Corona-Pandemie beschlossen worden, sagte eine Sprecherin auf Nachfrage. „Ob erneut eine Situation entstehen wird, die einen vergleichbaren Beschluss erforderlich macht, ist derzeit nicht absehbar“, fügte sie hinzu.

Ohne ein allgemeines Verbot liegt die Entscheidung nach Auskunft des Bundesumweltministeriums bei den Städten und Landkreisen.

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