Nach Unfall in Bramsche-Hesepe Anrufschranke: Pro Bahn spricht von „tickenden Zeitbomben“

Von Dirk Fisser | 10.10.2014, 13:53 Uhr

Sie sind Relikte einer längst vergangenen Zeit: Rund 60 Anrufschranken entlang der Bahnstrecken in Niedersachsen. Ein glimpflich geendeter Unfall bei Hesepe rief die technischen Anlagen in Erinnerung. Jetzt warnt der Fahrgastverband „Pro Bahn“: „Die Anrufschranken sind tickende Zeitbomben.“

Das sagt Martin Sturm vom Regionalverband Südwest-Niedersachsen. Er weist auf die Besonderheiten der Anlagen hin: Die Anrufschranken sind in der Regel durchgehend verschlossen. Per Knopfdruck an einer Sprechanlage können Passanten den Schrankenwärter in einem teils weit entfernten Stellwerk um das Öffnen der Schranken bitten. Ist die Schranke aber erst einmal geschlossen, kann sie nicht mehr von Hand nach oben gedrückt werden. Eine Videoüberwachung solcher Anlagen ist laut Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung nicht notwendig.

Gefangen auf Bahnübergang

 Diese Umstände wurden einer Autofahrerin in Bramsche-Hesepe zum Verhängnis. Die 37-Jährige war am Montag, 6. Oktober, mit ihrem Pkw auf der Straße unterwegs. Die Schranken sollen zu diesem Zeitpunkt geöffnet gewesen sein. Genau in dem Moment, als die 37-Jährige die Schienen überqueren wollte, sollen sie sich dann aber geschlossen haben – die Frau und ihre Tochter waren damit quasi eingeschlossen. Erfolglos sollen sie versucht haben, durch die Sprechanlage den Schrankenwärter zu informieren. Geistesgegenwärtig fuhr die Frau ihren Pkw so weit unter die Schranke, dass der Wagen von einem herannahenden Zug nur leicht touchiert wurde.

Keine Verletzten und leichter Sachschaden

Die Frau und ihre 17-jährige Tochter kamen mit dem Schrecken davon, an den Fahrzeugen entstand leichter Schaden. Seitdem laufen die Ermittlungen der Bundespolizei.

Pro Bahn stellt jetzt indirekt die Frage, ob derartige Bahnübergänge noch zeitgemäß sind. Sie seien ursprünglich für Landwirte eingerichtet worden, damit sie ihre Ochsen- und Pferdegespanne sicher von einer Seite des Feldes auf die andere fahren können. Heute aber würden solche Bahnübergänge auch von Autos oder Lkw passiert, die teils explosive Stoffe transportieren. „Was, wenn so ein Fahrzeug stecken bleibt?“, fragt Pro-Bahn-Vertreter Sturm.

„Langwierige Ermittlungen“

Was genau bei dem Unfall in Bramsche-Hesepe schief gegangen ist, werden die Behörden unterdessen wohl nicht so schnell sagen können. Die Bundespolizei in Bad Bentheim spricht von „langwierigen Ermittlungen“. 

Auf Nachfrage erinnert die Bahn daran, dass die Umrüstung der etwa 60 Anlagen im Land nicht allein ihre Aufgabe wäre: Bahn, Bund und die Anliegergemeinden müssten das entscheiden – und sich Kosten teilen.