Erfundene Windkraftprojekte verkauft? Die Traumwelt des "Doktor" Holt: Prozess gegen Emsländer beginnt

Von Dirk Fisser | 30.08.2021, 09:00 Uhr

Mit weitgehend erfundenen Windparkprojekten soll Emsländer Hendrik Holt mit Helfern Millionenbeträge ergaunert haben. Dienstag beginnt der Prozess in Osnabrück. Die Geschichte einer unglaublichen Hochstapelei:

Am Ende seines scheinbar unaufhaltsamen Aufstieges kam es Jungunternehmer Hendrik Holt wohl selbst reichlich seltsam vor, dass seine Hochstapelei niemandem auffallen wollte. Immer größer und fantastischer wurden die Luftschlösser, die er gemeinsam mit Familienmitgliedern und dem großväterlichen Freund und Finanzdirektor Heinz L. baute.

Zum Schluss waren die Windpark-Projekte wohl samt und sonders gefälscht, mit denen die Unternehmerfamilie aus dem Emsland Millionenbeträge ergaunert haben sollen. Davon geht die Staatsanwaltschaft aus. Niemand, so ließ es Holt die Ermittler später wissen, habe gerufen: Der Kaiser habe ja gar keine Kleider an.

Der Kaiser kam im feinen Zwirn daher, mit Siegelring und Einstecktuch. Ein Chauffeur fuhr den damals nicht mal 30 Jahre alten Emsländer in teuren Luxuslimousinen zu Terminen. Manchmal flog er auch im Privatjet. Holt traf Präsidenten und Minister aus aller Welt.

Der Bundesregierung ließ er schriftlich mitteilen, er wolle mit seinem Unternehmen einen Beitrag zum Erhalt der Schöpfung leisten. Schreiben an das Bundeswirtschaftsministerium zeichnete er mit „Dr. Hendrik Holt“ – der Doktortitel war frei erfunden. (Weiterlesen: Gottes Schöpfung und Holts Beitrag: Was der Hochstapler der Regierung schrieb)

Ja, wer, wenn nicht „Dr.“ Holt? Das Wunderkind der Windkraftbranche, das mit Mitte 20 schon Andorra per Windkraft energieautark machen wollte. Ein Zwergstaat weit oben in den Pyrenäen zwar, aber immerhin einen ganzen Staat – in der dazugehörigen Pressemitteilung der hauseigenen PR-Agentur übrigens als „Zwergenstaat“ bezeichnet.

Den "Windmacher" hören Sie außerdem auf Spotify und Apple Podcast.Nichts und niemand stoppte Holt

Wer, wenn nicht er, der zumindest auf dem Papier überall in Deutschland Windparks entstehen ließ, wo wohl niemals Windräder hätten gebaut werden können? Weil die Flächen beispielsweise in Nationalparks liegen oder an Flächen grenzen, auf denen die Luftwaffe Bombenabwürfe probt.

Ganz abgesehen davon, dass zu dieser Zeit der Ausbau der Windkraft in Deutschland auch so schon weitgehend zum Erliegen gekommen war. All das schien die Holts nicht stoppen zu können.

Das Windpark-Portfolio wuchs immer weiter. Große Energiekonzerne glaubten, was Holt versprach und überwiesen insgesamt Millionenbeträge, auch wenn Holts PR-Agentur den Konzernnamen wie im Fall der Schotten von „Scottish and Southern Energy“ – Schaden: 4.289.976 Euro - in Pressemitteilungen falsch schrieb. Medien - auch diese Redaktion - übernahmen die Mitteilungen ungeprüft.Die Traumwelt des "Dr." Holt

Das U, es fehlte. Aber was ist ein fehlender Buchstabe bei Millionen- und Milliardenprojekten? Ein Wikipedia-Eintrag, offenbar von der hauseigenen PR-Agentur verfasst, wies Hendrik Holt "mit einem geschätzten Vermögen von 250 Millionen Euro" als einen der reichsten Menschen Norddeutschlands aus. Der Beleg dafür? Eine Pressemitteilung der PR-Agentur, in der dies behauptet wurde:

Natürlich habe man nach Terminen geschmunzelt, wenn Holt wieder in die Limousine stieg und sich hinfort chauffieren ließ, sagt einer, der mit dem Emsländer Geschäfte machte. „Er war halt der Holt. Der Herrgott hat ihn mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet.“

Holt erschuf eine Traumwelt und lebte in aber vor allem von dieser.

Bis der Emsländer am frühen Morgen des 17. Aprils des Jahres 2020 unsanft geweckt wurde: Polizei und Staatsanwaltschaft hatten sich Zutritt zur Brandenburg-Suite des Berliner Luxushotels Adlon verschafft – die Nacht kostet weit mehr als 1000 Euro - und offenbarten dem Jungunternehmer, dass er festgenommen sei.

Die folgende Nacht verbrachte er in einem Gefängnis. Genauso wie seine Mutter (54 Jahre), sein Bruder (28) und eine Schwester (27), die in einer koordinierten Aktion an anderen Orten verhaftet wurden. Bargeld, Uhren, Schmuck, Luxusfahrzeuge und die Villa der Familie wurden beschlagnahmt.

Nur einer entkam vorerst: Finanzdirektor Heinz L., Kosename: Opi. Der heute 65-Jährige war in den Libanon entschwunden, wurde dort später von Spezialkräften aufgespürt und nach Deutschland ausgeliefert.

Die vermeintliche Erfolgsgeschichte war an ihr Ende gekommen.

Gut 500 Tage ist es her, dass das vermeintliche Imperium der Holts wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzte. Bis zuletzt arbeitete das Quintett an weiteren Geschäftsabschlüssen, oder geht es nach den Ermittlern: Betrügereien. Bis zuletzt wollten Energiekonzerne und Investoren Geschäfte mit den Emsländern machen; dem Vernehmen nach sogar die ganze Holt-Gruppe kaufen.Erfundene Windräder doppelt verkauft?

Das ging aus Sicht der mutmaßlichen Betrüger natürlich nicht. Spätestens dann hätte den Konzernen auffallen müssen, dass da etwas nicht stimmte: Holt hatte offenbar ein- und dieselben erfundenen Windparks an mehrere Konzerne verkauft. Davon gehen zumindest die Ermittler aus.

"Project Munich" soll eines der letzten großen Projekte geheißen haben – vielleicht der letzte große Coup, bevor man sich mit frischen Millionen ins Ausland absetzten wollte.

„Streng vertraulich“ steht auf dem digitalen Werbeprospekt, der für potenzielle Käufer erstellt wurde und 34 Windparks in ganz Deutschland mit insgesamt 286 Windrädern umfassen sollte. Dieses oder nächstes Jahr hätten viele davon stehen sollen, spätestens aber im Jahr 2025, so das Versprechen. Ein Wahnsinnsprojekt.

Nur mal angenommen, es wäre halbwegs realistisch und ein Unternehmen wollte all das realisieren: Der Wert läge bei gut einer Milliarde Euro, schätzen Branchenkenner. Nur ist eben nichts dran an diesem Angebot. Es ist zu schön, um wahr zu sein.

Prahlen und Protzen scheinen nichts Ungewöhnliches im institutionellen Windenergiesektor zu sein. Ein bisschen mehr versprechen, als am Ende wirklich geht? Kein Problem. Wenn das eine oder andere Windrad dann doch nicht gebaut werden kann, fällt das zumindest für milliardenschwere Konzerne nichts ins Gewicht.

Am Ende wird immer noch genug Geld verdient. „Wir waren nicht bescheuert, wir haben gezockt“ , umschrieb es ein Beteiligter unserer Redaktion.

Doch Holt trieb es auf die Spitze, erkannte die Schwachstelle offenbar und nutzte sie mit viel krimineller Energie aus. In der Branche, in der Prahlen und Protzen dazugehört, war er tatsächlich der Kaiser. Zwar einer ohne Kleider, wie er selbst bemerkte, aber das wollte offenbar niemand erkennen.

„Erst durch die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft wurden uns die Augen geöffnet“, sagt ein früherer Geschäftspartner. In der Mitteilung war lediglich von einer Unternehmerfamilie aus dem mittleren Emsland die Rede.Familiengeschäfte

Das konnten aber nur die Holts aus Haselünne sein, die Unternehmerfamilie in vierter Generation, wie Hendrik Holt es selbst formulierte. Gut verwurzelt in der Region. „Die Familiengeschichte war Teil der Show“, sagt der Geschäftspartner. Die guten Kontakte zu den Grundstücksbesitzern, so habe Holt beteuert, bestünden noch aus der Zeit seines Vaters: ein Bauunternehmer.

Was Holt nicht erwähnte: Die mittelgroße Firma ging unter als Hendrik noch Jugendlicher war. Ein schwerer Schlag sei das gewesen, ließ Holt junior die Ermittler wissen. Für ihn. Aber auch die ganze Region.

Das berichtete damals die Lokalzeitung:

Wuchs aus dieser persönlichen Niederlage, die die Familie - so heißt es aus dem Umfeld - als schwere Kränkung empfunden haben soll, der Gedanke heran, es doch allen zeigen zu wollen? Vielleicht. Nur auf welche Art und Weise? Geht es nach den Ermittlern dann auf eine ziemlich kriminelle.

Zur Krönung des Kaisers kam es nicht. Hendrik Holts letztes großes Vorhaben – "Project Munich" – wurde nicht abgeschlossen. Wie weit die Verhandlungen zum Zeitpunkt der Festnahme gediehen waren, ist nicht bekannt.

Der Gesamtschaden ist aber auch so schon groß genug: ein zweistelliger Millionenbetrag verteilt auf die Energiekonzerne SSE aus Schottland, CEZ aus Tschechien und Enel aus Italien sowie mehrere kleinere Dienstleister. Ob möglicherweise auch der deutsche Energieriese RWE erfundene Holt-Windparks im Portfolio hat, ist nicht ganz klar. Es laufen immer noch Ermittlungen.Der Prozess

Am Dienstag, 31. August, kommt es nun zum Prozess. 52 Verhandlungstage sind vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichtes Osnabrück angesetzt, um all die Vorgänge aufzuklären. Es geht um banden- und gewerbsmäßigen Betrug, um Geldwäsche, um Untreue. Das angeklagte Quintett erwartet im Falle einer Verurteilung mehrjährige Haftstrafen.

Den Weg zum Gericht in Osnabrück kennt zumindest ein Teil der Familie gut. Im wahrsten Wortsinn um die Ecke, in der Straße Kollegienwall, soll sich die Fälscherwerkstatt der Holts befunden haben. Im Wohn- und Geschäftshaus mit der Nummer 19 war ein Unternehmen einquartiert, dessen Geschäftsführerin die Mutter von Hendrik Holt war.

Hier, in Sichtweite von Staatsanwaltschaft und Polizei, soll mit Leuchtbrettern und anderem technischem Equipment das Herzstück des Betruges entstanden sein: ein riesiger Berg manipulierter Unterlagen. Gut möglich, dass sich die mutmaßlichen Fälscher – diese Aufgabe fiel dem Vernehmen nach Bruder, Schwester und Mutter zu – in ihrer Mittagspause den Ermittlern über den Weg liefen.Die fleißigen Fälscher

Angesichts der schieren Masse an Unterlagen muss es ein tagfüllendes Werk gewesen sein, die Fantasieparks entstehen zu lassen. Es fiel wohl so viel Arbeit an, dass selbst im Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff weiter geschuftet wurde. Man mag den mutmaßlichen Betrügern Vieles vorwerfen, aber faul waren sie sicher nicht.

Mehr als 1000 gefälschte Dokumente haben die Ermittler bislang entdeckt: Verträge mit Grundstückseigentümern – darunter mindestens eine Frau, die zum Zeitpunkt der vermeintlichen Unterschrift längst tot war.

Oder Behördenschreiben, in denen Bürgermeister zusicherten, ein Windpark in ihrer Kommune sei kein Problem, man stehe dem Vorhaben offen gegenüber. Und auch vermeintliche Netzanschlussbestätigungen, in denen die EWE angeblich bestätigte, den Strom der erfundenen Windräder einzuspeisen. Es war das perfekte Paket. An alles hatte die Holt Holding gedacht.

Nur einmal unterlief ihnen ein folgenschwerer Fehler. Genau genommen wohl dem jüngeren Bruder von Hendrik, der für die technischen Dinge zuständig war. Er soll zahlreiche Unterlagen zu einem Windparkprojekt in einen Datenraum hochgeladen haben, auf den mögliche Geschäftspartner Zugriff hatten – darunter ein Investmentunternehmen aus München. Ein Anruf und der Betrug flog auf

Das wiederum wollte wohl etwas genauer als andere wissen, wie werthaltig das Paket denn nun sei, in das man Millionen investieren sollte, und beauftragte einen Dienstleister aus Norddeutschland mit der Überprüfung. Eine Mitarbeiterin machte das, was Nahe lag: Sie nahm eines der aus Versehen hochgeladenen Dokumente und rief die Frau an, die es unterschrieben haben sollte: eine Kommunalbeamtin aus dem Landkreis Cloppenburg.

Die wusste von nichts. Wie ihre Unterschrift unter das Schreiben kam? Vermutlich durch eine Mischung aus Computerkenntnissen und krimineller Energie. Die Beamtin erstattete Anzeige und leitete damit die monatelangen Ermittlungen ein, deren Ergebnisse ab Dienstag vor Gericht verhandelt wird.

(Weiterhören: Der Podcast "Windmacher" zum Fall Holt)

Es ist das erste Mal seit 500 Tagen, dass sich das Quintett wiedersieht. Ein Familientreffen der etwas anderen Art. Die vier Holts haben Geständnisse abgelegt, hat die Staatsanwaltschaft mitgeteilt. Alle bis auf Hendrik durften die Untersuchungshaft verlassen. Heinz L. soll sich bislang nicht zu den Vorwürfen gegen ihn geäußert haben.

Hendrik Holt selbst war es, der in einem Video, Haare streng nach hinten gekämmt, das Einstecktuch zurechtgezupft, in die Kamera sagte, dass eben diese Familie das Erfolgsrezept seiner Unternehmung war: „Was der große Unterschied ist bei uns, ist, dass hier der Familienname an der Firmentür steht. Das ist unser bestes Aushängeschild.“

Nun steht der Name auf den beiden Anklageschriften, die am Dienstag verlesen werden sollen.