Mediziner-Tagung in Oldenburg Antibiotika: Oldenburger Kliniken schauen genau hin

Von Katrin Zempel-Bley, K. Zempel-Bley | 14.06.2016, 19:07 Uhr

Die Schlagkraft von Antibiotika ist durch übermäßigen Einsatz gefährdet. Mediziner mahnen in Oldenburg zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Mitteln.

Antibiotika gehören neben Penicillin zu den wichtigsten Medikamenten bei der Behandlung von Infektionskrankheiten. Doch ihre Schlagkraft ist gefährdet , weil die Antibiotikaresistenz erheblich zunimmt. Rund 30000 Menschen sterben bundesweit jährlich daran. Hygieniker wie Jörg Herrmann, Leiter des Instituts für Krankenhaushygiene in Oldenburg, warnen vor den möglichen Folgen und entwickeln Konzepte, um den Antibiotika-Einsatz zu optimieren. Auf der Oldenburger Hygiene- und Infektiologietagung trafen sich 300 Hygienebeauftragte sowie Amts- und Krankenhausärzte aus Niedersachsen und Bremen zum Erfahrungsaustausch und appellierten sowohl an Mediziner als auch an Patienten, den Antibiotika-Einsatz kritisch zu hinterfragen.

80 Prozent der Antibiotika-Verordnungen gehen auf niedergelassene Ärzte zurück. „Einerseits haben wir es hier mit einem Informationsdefizit zu tun, andererseits reagieren Mediziner auf Druck der Patienten. Die kommen mit Halsschmerzen und verlangen Antibiotika, weil sie so schnell wie möglich schmerzfrei sein wollen“, schildert Matthias Pulz vom Niedersächsischen Landesgesundheitsamt den klassischen Fall. Manch ein Arzt gebe dem Druck nach, weil die Zeit für ein längeres Gespräch fehle und die Honorierung dafür nicht ausreichend sei. Dabei helfe ein Antibiotikum nur bei bakteriellen Infektionen. Ob es sich um eine solche oder um eine Virusinfektion handele, werde in den meisten Fällen nicht untersucht, wurde kritisch angemerkt.

Spezielle Antibiotika-Visiten

In den drei Oldenburger Krankenhäusern – dem Klinikum Oldenburg, dem Pius-Hospital und dem Evangelischen Krankenhaus – verhält es sich inzwischen anders. Hier ist ein „Antibiotic Stewardship“ zur Optimierung der Antibiotika-Therapie eingeführt worden. Instituts-Oberärztin Kerstin Wahlers hilft bei der Umsetzung und aktualisiert die hausinternen Leitlinien regelmäßig. „Es handelt sich dabei um Strategien bzw. Maßnahmen, die die Schlagkraft von Antibiotika sichern sollen“, erklärt die Medizinerin. „Sowohl Auswahl, Dosierung als auch Applikation und Anwendungsdauer müssen bei der Verordnung berücksichtigt werden, um optimale klinische Behandlungsergebnisse zu erzielen und Resistenzbildung zu vermeiden.“ So finden in den drei Häusern regelmäßige Antibiotikavisiten von Klinikern, Mikrobiologen, Hygienikern und Pharmazeuten auf den Stationen statt. Zudem wird der jährliche Verbrauch bewertet.

Aber nicht nur der übermäßige Gebrauch von Antibiotika macht den Fachleuten Sorgen. Sie beschäftigen sich auch mit der Frage des Zusammenhangs zwischen multiresistenten Bakterien in der Nutztierhaltung und unserem Gesundheitssystem. „Landwirte und Veterinäre sind besonders gefährdet, weil resistente Keime in der Nutztierhaltung stark verbreitet sind“, sagt der Mediziner Robin Köck. „In fast allen großen Ställen findet man sie, so dass es zu Übertragungen auf den Menschen kommen kann“, berichtet er weiter. Zudem wurden bei zehn Prozent der Milchkühe aus konventioneller Haltung Keime in ihrer Milch entdeckt.

Hohes Risiko bei OPs

Rund 80 Prozent aller Schweinezüchter, Schlachthofmitarbeiter und Veterinäre sind betroffen, wird auf der Tagung berichtet. „Steht bei diesen Personen eine Operation an, wird es problematisch“, gibt Köck zu bedenken und spricht von einem erhöhten Infektionsrisiko. „Wir müssen weiterhin an Minimierungsstrategien arbeiten und vor allem die niedergelassenen Ärzte erreichen, was schwer ist“, sagt Pulz. „Antibiotika-Ratgeber und Flyer zum Thema Resistenzen haben wir längst herausgegeben. Sie liegen bei Ärzten und Apothekern aus. Es wäre gut, wenn die Patienten sich mit dem Thema kritisch auseinandersetzen würden und einer Antibiotika-Verordnung gegenüber erheblich skeptischer wären“, meint Pulz.

Mit diesen Ansätzen ist das Land bundesweit führend: „Niedersachsen ist das einzige Bundesland, das ein solches System betreibt, was außerordentlich gut ist. Wir haben es mit einem Leuchtturm zu tun“, sagt Markus Dettenkofer vom Institut für Krankenhaushygiene & Infektionsprävention aus Konstanz, der von einer sehr guten Datenbasis spricht, die bei der Problemlösung von resistenten Keimen helfen kann.

Dettenkofer lenkt den Fokus schließlich noch in Richtung Kliniken. „Auch die engen personellen Ressourcen sind mitverantwortlich für das Hygieneproblem“, stellt er klar. „Die Pflegenden sind die Leidtragenden. Sie müssen mit extrem wenig Personal auskommen. Da leidet die Basishygiene zwangsläufig.“