Lingener verklagt Südtiroler Hat Frei.Wild bei Nazi-Band aus dem Emsland abgekupfert?

Von Dirk Fisser | 23.01.2015, 06:06 Uhr

Ein Neonazi-Musiker aus dem Emsland klagt gegen die Band Frei.Wild. Der Vorwurf: Sie habe bei ihm abgekupfert. Nun entscheidet das Landgericht Hamburg.

Frei.Wild singen von Heimat, Stolz und Vaterlandsliebe. Aber wer sie rechts verortet, wird mit Zuschriften erboster Fans überhäuft. Tatsächlich geht es rechter als die Südtiroler Rockmusiker. Die Band „Stahlgewitter“ aus dem Emsland beispielsweise, die in ihren Texten gegen Minderheiten hetzt, Adolf Hitler hochleben lässt und die Bundesrepublik ablehnt. Die Neonazi-Kapelle aus dem Herzen des Emslandes ist eine Größe in der rechtsradikalen Szene. Einer der Glatzköpfe hinter der Gruppe kommt aus Lingen: Jens H.. Und der behauptet: Frei.Wild haben für ein Lied bei ihm abgeschrieben. Am Freitag will das Landgericht Hamburg entscheiden.

Es geht um die Stücke „Auftrag Deutsches Reich“ (Stahlgewitter, 2006) und „Schenkt uns Dummheit, kein Niveau“ (Frei.Wild, 2010). H. findet, die deutschsprachigen Italiener hätten bei ihm Gitarren-Riffs kopiert, quasi sein geistiges Eigentum gestohlen. Wer hineinhört, kann gewisse Klangähnlichkeiten nicht verneinen zwischen den Liedern, die im einen Fall Germania hochleben lassen und verkünden, das Deutsche Reich habe nie kapituliert. Und im anderen feststellen „das dumme Volk ist schnell zufrieden / Werft uns noch mehr Scheiße vor, wir fressen schon“.

Gutbürgerliches Idyll

Als Ausgleich will H. nun Geld von der Band, die vor allem im deutschsprachigen Raum große Erfolge feiert. Größere zumindest als Stahlgewitter, deren Strahlkraft sich auf die Neonazi-Szene beschränkt. Das aber immerhin europaweit. Da eine Rückrufbitte ergebnislos blieb, besuchte unsere Redaktion H. am Wochenende unangekündigt im Einfamilienhaus-Idyll in Lingen. Im Stadtteil Laxten genauer gesagt, wo sich der 40-Jährige nieder gelassen hat. Hinter der gutbürgerlichen Fassade samt Namensschild an der Tür wohnt einer, der seit Jahren mit Hass und Hetze zumindest Teile seines Geldes verdient.

Das Gespräch ist kurz. Zu der Klage möchte sich H. nicht weiter äußern und verweist auf seinen Anwalt in Ibbenbüren. Weiteren Fragen zu seinen geschäftlichen Aktivitäten in der rechtsradikalen Szene weicht der 40-Jährige zunächst aus, wünscht dann einen schönen Tag und schließt die Tür.

„Heil und Sieg – der Chef“

Dabei tauchen sein Name und sein Gesicht immer wieder in diesem Zusammenhang auf. Weniger als Komponist, mehr als Unternehmer hinter der Musik. Ende der 90er Jahre beispielsweise als H. wegen des Vertriebs rechtsradikaler und verbotener Musik hinter Gittern landete. Fünfstellige DM-Summen nennt die Anklage der Staatsanwaltschaft Hannover als Umsatz. Es ging um Tausende CDs, gepresst in zum Teil den USA, verkauft in Deutschland. Schriftstücke soll H. in dieser Zeit mit „Heil und Sieg – der Chef“ gezeichnet haben. Der gebürtige Berliner kehrte Lingen nach der Verurteilung Ende der 90er den Rücken und ging nach Mallorca. Doch so ganz rissen die Verbindungen ins Emsland wohl nicht ab. Vor allem eben zu der Band „Stahlgewitter“ um den Meppener Sänger Daniel G. , für die H. offenkundig auch als Komponist tätig war. Das legt zumindest die Klage gegen Frei.Wild nahe.

Versandshop für Rechtsradikale

Von Mallorca aus registrierte H. die Internetseite seines neuen Versandshops: das Zeughaus. Seitdem ist die Unternehmung regelmäßig Bestandteil des niedersächsischen Verfassungsschutzberichtes. Hauptinhalt der Seite sind und waren CDs und Merchandise-Artikel der verschiedenen Bands um den kürzlich rechtskräftig wegen Volksverhetzung verurteilten Meppener Daniel G. . Beispielsweise ein Weißwein namens „Stahlgewitter – Gruß aus Germanien“. 14 Euro inklusive Steuern.

Über die Jahre wurde die Internetseite mehrfach überarbeitet. Neuerdings gibt es sie auch auf Russisch. Als Shop-Verantwortlicher tauchte eine Zeit lang der NPD-Funktionär Tobias R. auf, den das Amtsgericht Meppen und in zweiter Instanz auch das Landgericht Osnabrück wegen Volksverhetzung verurteilte. Danach verschwand auch Richters Name von der Seite.

Postfach in Lingen

Nun findet sich kein Verantwortlicher mehr auf der Internetseite. Was geblieben ist, sind die Adresse auf Mallorca und ein Postfach in Lingen, an das Kunden des Nazi-Shops ihre Ware zurücksenden können. Auf der dazugehörigen Facebook hieß es im Dezember: „Wir sehen uns im Kampfjahr 2015“

Das Kampfjahr beginnt für H. in Hamburg mit der Entscheidung zu seinem Rechtsstreit mit Frei.Wild. Seit Monaten zieht sich das Verfahren hin. Ein Professor der Musikwissenschaften hat ein Gutachten erstellt, auf dessen Basis ein Urteil fallen soll. Laut H.s Anwalt handelt es „sich um einen sehr anspruchsvollen Urheberrechtsprozess.“ Zu den Erfolgsaussichten will er sich nicht äußern. Auf Nachfrage erklärt er, auf Unterlassung zu klagen. Bekäme H. recht, müsste Frei.Wild „Schenkt uns Dummheit, kein Niveau“ also aus ihrem Repertoire streichen. Zudem will der Emsländer eine 20-prozentige Beteiligung an sämtlichen Gema-Einnahmen, die bislang mit dem Lied erzielt worden sind.

Imageschaden droht

Ärgerlicher als der finanzielle wäre wohl der Imageschaden für die Südtiroler, die stets jede Verbindung zur rechtsradikalen Szene verneint haben. „Stahlgewitter“ aus dem Emsland würden sie gar nicht kennen, hieß es 2013, als die Klage bekannt wurde. Experten bezweifeln das. Frei.Wild-Sänger Philipp Burger war einst Mitglied der Band „Kaiserjäger“, die irgendwo zwischen seiner jetzigen Kapelle und Stahlgewitter im Rechtsrock-Spektrum zu verorten sind. Schwer vorstellbar, dass er die Neonazis aus dem Emsland da nicht kenne, so ein Szenekenner seinerzeit in der „taz“. 

In dem strittigen Lied heißt es: „Und wenn man weiterkommen will, nimmt man alles hin“ – auch den Diebstahl geistigen Eigentums von Neonazis? Jetzt entscheidet das Gericht.