Lehrer kritisieren Landesregierung Mindestens 179 Schulen in Niedersachsen ohne Leitung

Von Stefanie Witte | 31.07.2017, 07:30 Uhr

Ein Job, den niemand haben will: Vor allem Grundschulen haben in Niedersachsen Probleme, einen Leiter zu finden – manchmal über Jahre. Was tut die Landesregierung? Opposition und Lehrer meinen: viel zu wenig.

Vor einem Jahr verabschiedete die katholische Grundschule Schüttorf Helga Rahm. Die Lehrerin hatte fünfeinhalb Jahre lang die Zügel an der Grundschule in der Hand. Sie hat das Kollegium geführt, zusätzliche Büroarbeit übernommen und den Ganztagsunterricht eingeführt. Der Haken: Schulleiterin war Rahm offiziell nie. Sie wollte die Aufgabe eigentlich nur vorübergehend übernehmen, als die amtierende Rektorin krank wurde, berichten die Grafschafter Nachrichten (GN). „Ich dachte, es handelt sich dabei nur um wenige Wochen“, sagte Rahm den GN. Am Ende waren es mehrere Jahre. Die kommissarische Leiterin wollte kurz vor der Rente nicht noch eine Prüfung machen, um einen Job übernehmen zu dürfen, den sie gar nicht haben wollte.

Lange sei unklar gewesen, wer ihre Nachfolge antreten soll. Letztendlich erklärten sich zwei Lehrerinnen bereit, die Aufgabe weiterhin kommissarisch zu teilen. Der Leiterposten ist ausgeschrieben. Zum mittlerweile 21. Mal. Diese Zahl wird nur noch übertroffen von einer Grundschule in Emmerthal im Weserbergland. Sie hält in Niedersachsen den Rekord mit 28 Ausschreibungen. In einer Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der CDU sprach das Kultusministerium zunächst von 97 Schulleiterstellen, die aktuell unbesetzt seien. Auf Nachfrage teilte ein Sprecher mit, dass es sich dabei um einen Fehler handele und tatsächlich 179 Stellen unbesetzt seien. Nicht in dieser Zahl enthalten seien zudem Schulen, die auslaufen oder zusammengelegt werden. Im vergangenen Jahr nannte das Kultusministerium noch die Zahl von 228 unbesetzten Leiterstellen.

Und wie sollen die offenen Stellen besetzt werden? Die Landesregierung spricht von gezielten Ansprachen möglicher Kandidaten und davon, dass das Problem regelmäßig in Dienstbesprechungen thematisiert werde.

Das sei zu wenig, meint Kai Seefried, schulpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion: „Die Landesregierung drückt sich mal wieder vor klaren Aussagen zur Personalsituation an Niedersachsens Schulen. Der vage Verweis auf angeblich aussichtsreiche Bewerbungsverfahren zeigt, dass tatsächlich deutlich mehr als 179 Schulleiterstellen unbesetzt sein dürften. Rot-Grün versucht wie üblich die Lage schönzureden, anstatt sich mit der Realität an den Schulen auseinanderzusetzen.“ Der Fauxpas der verwechselten Zahlen sei ein Indiz dafür, dass die Landesregierung selbige nicht im Griff habe.

Man brauche stattdessen ein Maßnahmenbündel. Oft würden Schulleiter kaum besser besoldet als ihre Kollegen und bekämen nur eine Handvoll Entlastungsstunden. „Das muss sich dringend ändern“, sagt Seefried. Darüber müsse zusätzliches Personal eingestellt werden, das bei der Verwaltung unterstützt.

Auch der Vorsitzender des Schulleitungsverbandes Niedersachsen (LSVN), Frank Stöber, kritisiert im Gespräch mit unserer Redaktion, dass es immer noch zu viele unbesetzte Leitungsstellen gebe. „Ein Schulleiter ist der Motor der Schule. Er entwickelt Visionen und Vorstellungen und Ziele für seine Schule. Ein kommissarischer Schulleiter verwaltet und übernimmt diese Aufgabe in der Regel vorübergehend, warum sollte er Visionen und Ziele entwickeln wollen?“ Um mehr Lehrer zu motivieren, Leitungsverantwortung zu übernehmen, müssten finanzielle Anreize geschaffen werden. Stöber argumentiert: „Wenn der Leiter einer Grundschule so viel verdient wie ein Lehrer am Gymnasium, ist eine solche Stelle unattraktiv. In Nordrhein-Westfalen wurde die Besoldung für Leiter erhöht. Das sollte in Niedersachsen auch möglich sein.“

Die Maßnahmen der Landesregierung, mit denen der Mangel behoben werden soll, hält Stöber für nicht ausreichend. „Die vorhandene Unterstützung reicht bei weitem nicht. Es gibt immer weniger Qualifizierungs-Maßnahmen für Schulleiter und Konrektoren – die Anzahl der Schulleiterinnen und Schulleiter steigt, eine Anpassung ist nicht vorgenommen worden.“ Er selbst habe vor 14 Jahren noch vor Antritt der Stelle als Schulleiter eine solche Fortbildung gemacht. „Meine Stellvertreterin ist nun ein Jahr im Amt und hat noch nicht einmal das Angebot für einen Quali-Kurs bekommen. Gerade bei Grundschulleitern, die häufig keine Vorerfahrung haben, ist die Qualifizierung wichtig.“