Polizei beklagt Werteverfall Gewalt in der Region nimmt deutlich zu

Von Jörg Sanders | 14.02.2017, 13:21 Uhr

Die Kriminalstatistik der Polizeidirektion Osnabrück für das vergangene Jahr ist ein zweischneidiges Schwert: Zwar sank die Gesamtzahl der Straftaten; doch die Gewaltkriminalität stieg deutlich, Wohnungseinbrüche bleiben ein Problem – nicht minder deren Aufklärungsquote.

In der Summe nahm die Zahl der Straftaten im Vergleich zum Vorjahr um 5,5 Prozent ab – entsprechend dem landesweiten Trend. 91913 Taten registrierte die Polizeidirektion von der Küste bis zum Teutoburger Wald.

Die Aufklärungsquote sank um 2,3 Prozent auf 62,01 Prozent. 2015 lag sie bei 64,33 Prozent – der mit Abstand höchste Stand seit 2006 (54,19).

Gewalt nimmt zu

 Gewaltkriminalität: Nach einem Zehnjahrestief in 2015 war im vergangenen wieder eine Gewaltzunahme zu verzeichnen – und zwar deutlich. In der Summe nahm die Gewaltkriminalität um 9,1 Prozent zu. Hierzu zählen etwa Körperverletzungen, Raube, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sowie Tötungsdelikte.

Deutlich stieg die Zahl der Körperverletzungen – um 10 Prozent auf 9446 (2015: 9015; 2014: 8585). Schwere und gefährliche Körperverletzungen nahmen gar um 12,2 Prozent zu. Die Aufklärungsquote lag mit 90,3 Prozent deutlich über der Gesamtquote. Die Zahl der angezeigten Raube sank hingegen um 2,9 Prozent.

Entsprechend der gestiegenen Zahl der Gewaltdelikte stieg auch die Zahl der Opfer – um 9,2 Prozent auf 16772.

 

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239 Beamte im Dienst verletzt

 Gewalt gegen Polizisten: Auch die Gewalt gegen Polizeibeamte nahm im vergangenen Jahr deutlich zu, etwa bei Fußballspielen. Sie stieg um acht Prozent auf 488 Fälle. In zwei Drittel der Fälle waren die Angreifer betrunken oder standen unter Drogen. Häufig ging es um Widerstand gegen Beamte (+ 57,7 Prozent) und Bedrohungen (+ 17,3). 239 Beamte wurden bei Angriffen verletzt – ein Minus von 14,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Der Polizeipräsident führt die Zunahme der Gewalt auf einen Werteverfall und wachsende Respektlosigkeit zurück. Individuelle Interessen würden heute stärker durchgesetzt. Zudem seien die Angreifer heute häufiger betrunken oder stünden unter dem Einfluss neuer Drogen mit anderer Wirkung. „66 Prozent sind eine deutliche Zunahme“, sagte Witthaut unserer Redaktion.

 Häusliche Gewalt: Erfreulich: Immer mehr Opfer häuslicher Gewalt zeigen diese an. Im Vergleich zu 2015 stieg die Zahl der bekannten Fälle um 14 Prozent auf 3088. Witthaut führt das auf zahlreiche Präventionskampagnen, Initiativen, Netzwerke und Ehrenamtliche zurück.

 Diebstähle und Einbrüche: Die Zahl der Diebstähle sank leicht um 2,4 Prozent auf zuletzt 34551 registrierte Fälle. Der Polizeidirektion zufolge ist das ein neuer Tiefstand in den vergangenen zehn Jahren.

Wenige Einbrüche aufgeklärt

Weiterhin Sorge bereitet der Polizei die steigende Zahl der Wohnungseinbrüche. Sie nahm um 3,6 Prozent auf 2455 Fälle zu. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es gerade einmal 1399 Einbrüche. Landesweit nahm die Zahl der Einbrüche im vergangenen Jahr ab. 

„Das sind oftmals Täter, die wahrscheinlich nicht in der Region wohnen“, gab Witthaut im Gespräch mit unserer Redaktion einen möglichen Grund für die Zunahme der Einbrüche an. „Die mobilen Banden sind heute viel flexibler und gehen bundesweit gezielt vor“, sagte er.

Nicht einmal jeden fünften Einbrecher schnappte die Polizei. Die Aufklärungsquote sank um 5,1 auf 17,6 Prozent. Die Zahl der versuchten Einbrüche stieg um 41 Prozent. Jeder dritte Einbruch scheitert.

Die Einbruchszahlen entwickelten sich in den vier Inspektionen unterschiedlich. In den Bereichen der Polizeiinspektionen Emsland/Grafschaft Bentheim und Osnabrück sank die Zahl. Im Bereich Aurich/Wittmund stagnierte sie, während sie im Bereich der PI Leer/Emden überproportional anstieg.

Witthaut betrachtet die Entwicklung mit Sorge. „Wir müssen alles dafür tun, dass die Entwicklung steigender Einbruchszahlen endlich gestoppt wird“, wird er zitiert. Helfen solle etwa eine 2016 gegründete 15-köpfige Ermittlungsgruppe zur Bekämpfung überregional agierender Einbrecherbanden. Die Einheit arbeitet mit der Bundespolizei, der niederländischen Polizei und Staatsanwaltschaften zusammen. Nach zwei Monaten habe die Gruppe sieben mutmaßliche Einbrecher gefasst und 33 Taten in unterschiedlichen Staaten und Bundesländern aufgeklärt.

 Jugendkriminalität: Deutlich nahm die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen zwischen acht und 18 Jahren ab. Ihre Anzahl sank um zehn Prozent auf 4240, denen 5385 Taten zugerechnet wurden. Das ist ein Tiefstand im Zehnjahresvergleich. Witthaut: „Die Reduzierung der Jugendkriminalität führt nachhaltig dazu, dass weniger kriminelle Karrieren entstehen.“

 Flüchtlinge: Im vergangenen Jahr registrierte die Polizeidirektion insgesamt 4442 Flüchtlinge als Tatverdächtige. Im Vorjahr waren es 12040 gewesen. Mit 1994 Tatverdächtigen ging ein Großteil auf ausländerrechtliche Verstöße wie die illegale Einreise zurück. Dementgegen stieg die Zahl der Flüchtlinge als Tatverdächtige abseits der ausländerrechtlichen Verstöße von 2149 in 2015 auf 2574 in 2016. Das ist unter anderem auf die vermehrte Zahl der Geflüchteten zurückzuführen. Polizeipräsident Witthaut hält fest, der Großteil der Flüchtlinge sei nicht straffällig geworden. Problem seien jedoch Streitigkeiten untereinander. Die Zahl der Tatverdächtigen bei Rohheitsdelikten stieg auf 886. Zu Rohheitsdelikten zählen etwa Raub und Körperverletzung.

 Internetkriminalität: Die Zahl der registrierten Straftaten im Internet stieg um drei Prozent auf 5704 Fälle. Zumeist handelte es sich um Betrugsfälle beim Online-Shopping und bei Online-Auktionen.