Azubis im zweitem Jahr müssen weiter zahlen Neue Physiotherapeuten werden von Schulgeld befreit

Von Klaus Wieschemeyer | 03.06.2019, 17:53 Uhr

Niedersachsen für die Schuldgeldfreiheit für mehrere Gesundheitsfachberufe ein. Für das Land wird die Regel teuer, auch wenn längst nicht alle Azubis profitieren.

Die Schule ist für Ergotherapie-, Logopädie-, Physiotherapie- und Podologie-Auszubildende in Niedersachsen künftig kostenfrei. Das Kabinett beschloss am Montag in Hannover die Schulgeldfreiheit für die Gesundheitsfachberufe. Damit setzt die rot-schwarze Landesregierung ein Versprechen aus dem Koalitionsvertrag und eine Aufforderung der Regierungsfraktionen um. „Mit der Schulgeldfreiheit für Gesundheitsfachberufe überwinden wir das größte Hindernis der Nachwuchsgewinnung“, sagte Sozialministerin Carola Reimann (SPD). Sie erhofft sich ähnliche Effekte wie bei der Gebührenfreiheit für Pflegeberufe: Dort seien die Ausbildungszahlen deutlich nach oben geschnellt. „Schulgeldzahlungen dürfen einer Berufswahl nicht im Wege stehen“, sagte Reimann.

Kritik an Stichtagsregelung

Ab dem Ausbildungsstart zum 1. August wird das Land die Schulgebühren demnach übernehmen. Auch Auszubildende, die bereits im März dieses Jahres gestartet sind, sollen 2020 rückwirkend gebührenfrei gestellt werden. Das gilt auch für die in Bad Nenndorf ausgebildeten Atem-, Sprech- und Stimmlehrer, die in der Regel danach als Logopäden arbeiten.

In die Röhre schauen hingegen all jene, die bereits in der Ausbildung sind: Sie sollen weiter zahlen. Berufsverbände hatten dies bereits im Vorfeld immer wieder kritisiert und vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den Mangelberufen gewarnt. Ihr Befürchtung: Azubis ab dem zweiten Lehrjahr kündigen ihren Vertrag massenweise, um 2019 nochmal ohne Schulgeldpflicht anzufangen.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Meta Janssen-Kucz spricht von einer „großen Unruhe“ in den Schulen. „Es haben bereits einige Auszubildende ihre Ausbildungsverträge gekündigt, um in diesem Sommer neu zu beginnen, um dann kein Schulgeld mehr zahlen zu müssen“, sagte Janssen-Kucz. Mit diesem „dilettantischen Vorgehen“ erweise Niedersachsen dem Fachkräftemangel einen „Bärendienst“. Reimann teilt diese Befürchtung nicht. Immerhin habe man ja alle Azubis ab 2019 berücksichtigt, zudem seien unterschiedliche Regelungen nun mal das Problem von Stichtagen.

Schulgeldfreiheit wird teuer

Tatsächlich dürfte es noch einen anderen Grund geben: Die bereits im vergangenen Jahr von den Fraktionen versprochene Freiheit wird nämlich teuer. Das Land hat für dieses Jahr zu diesem Zweck nur 1,5 Millionen Euro zurückgelegt. Für 2020 soll es 9 Millionen Euro geben, doch auch das dürfte bei weitem nicht reichen, um die Schulgelder für alle zu zahlen. Derzeit sind landesweit nur noch etwa 1300 der 1900 jährlichen Schulplätze belegt. Wenn es mehr Schüler gibt, ergeben sich bei einer angenommen zwei- bis dreijährigen Ausbildung knapp 4000 Förderfälle bei Schulgeldern, die weit auseinander gehen, im Mittel aber etwa bei 300 bis 350 Euro pro Monat liegen. Für die Zeit nach 2021 rechnet das Sozialministerium daher mit jährlichen Kosten von 18 Millionen Euro, die das Ressort angesichts der sich verdüsternden Landesfinanzen wohl anderswo einsparen muss. Zwar hat auch die Große Koalition im Bund das Problem erkannt und eine Einigung in Aussicht gestellt. Doch wie die aussieht, ist noch unklar. Unterdessen übernehmen immer mehr Länder auf eigene Faust die Gebühren – in Schleswig-Holstein und Hamburg herrscht bereits Schulgeldfreiheit, Bremen und Nordrhein-Westfalen sind auf dem Weg.

Behindertenhilfe alarmiert

Kritik von einer ganz anderen Seite äußert der Paritätische Wohlfahrtsverband. Die Vorsitzende Birgit Eckhardt fürchtet, dass die Schulgeldfreiheit junge Menschen aus der „Heilerziehungspflege“ genannten Arbeit mit Behinderten treibt. „Wir begrüßen die Schulgeldfreiheit für die Gesundheitsberufe. Aber es ist unbegreiflich, warum die Landesregierung das Schulgeld nicht auch für die Heilerziehungspflege abschafft“, sagte Eckhardt unserer Redaktion. „Auch in der Behindertenhilfe ist der Fachkräftemangel längst angekommen. Durch die zunehmend individuellere Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigungen wird er noch verschärft, denn perspektivisch brauchen wir eher mehr Menschen mit entsprechender Berufsausbildung als bisher“, ergänzte sie.

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