Immer mehr Einser-Kandidaten Streit um „Schmalspur-Abi“: NRW-Ministerin Löhrmann weist Kritik zurück

Von Melanie Heike Schmidt | 11.06.2015, 08:00 Uhr

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) weist zum Auftakt der Kultusministerkonferenz (KMK), die diesen Donnerstag in Berlin beginnt, Kritik zurück, nach der es in einigen Bundesländern eine Art „Schmalspur-Abi“ gebe. Das sagte Löhrmann in einem Gespräch mit unserer Redaktion.

Löhrmann erklärte: „Unser Ziel bleibt, dass wir das Schulsystem leistungsfähiger und sozial gerechter machen wollen.“ Um dies zu überprüfen, bleibe die systematische Beobachtung des Bildungswesens für die Bildungsqualität unverzichtbar, betonte die KMK-Vizepräsidentin.

Hintergrund der Debatte sind Erkenntnisse, nach denen in einigen Bundesländern die Traumnote Eins bei der Reifeprüfung auffällig häufig, in anderen seltener vergeben wird.

Jeder Sechste ein Einserkandidat

Beispiel Niedersachsen: Bei gut jedem sechsten Schüler im Land stand im vergangenen Jahr auf dem Abiturzeugnis eine Eins vor dem Komma. Immer mehr Abiturienten schließen sogar mit der Traumnote 1,0 ab. Im bundesweiten Vergleich landet Niedersachsen mit einem Notendurchschnitt von 2,6 jedoch auf dem letzten Platz.

Das geht aus Zahlen hervor, die das niedersächsische Kultusministerium in Hannover am Mittwoch veröffentlichte. Ministerium und der Philologenverband warnten aber vor einer Abwertung des niedersächsischen Abis . Sie verwiesen auf die großen Unterschiede der Reifeprüfungen in den einzelnen Bundesländern.

Im Mittelpunkt: die Leistung

„Das niedersächsische Abitur war und ist sehr anspruchsvoll“, sagte der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz. Im Mittelpunkt solle der Leistungsanspruch stehen und nicht der Notendurchschnitt. Problematisch sei ein Vergleich des Abiturs einzelner Bundesländer, weil die Prüfungen sehr unterschiedlich seien. Der letzte Platz Niedersachsens bei der Abitur-Durchschnittsnote sei deshalb nicht allzu aussagekräftig, sagte Audritz mit Blick auf eine „Spiegel“-Auswertung.

Kernabitur? Nein danke

Ein gemeinsames Kernabitur lehnt Audritz jedoch ab. „Eine Zusammenarbeit und Verständigung der Länder über gemeinsame Maßstäbe ist wichtig.“ Das Niveau der Abiturprüfungen müsse weiterhin hoch gehalten werden: „Wir tun den Kindern keinen Gefallen, wenn wir weniger Leistung verlangen.“ Abitur für alle sei nicht das Ziel.

Besonders viele Gymnasiasten

Auch aus Sicht des Kultusministeriums ist ein Ländervergleich schwer umsetzbar. Denn in Niedersachsen wechselten besonders viele Grundschüler auf ein Gymnasium. Die Quote liegt demnach bei 42,4 Prozent. Zudem hätten sich die Durchschnittsnoten beim Abitur verbessert - 2007 hatten die Schüler durchschnittlich eine 2,7 erreicht, in den vergangenen zwei Jahren lag der Schnitt bei 2,6.

Verbesserungen erhofft sich das Kultusministerium von der Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren zum nächsten Schuljahr. Dadurch gebe es mehr Zeit für vertieftes, nachhaltiges Lernen.

Was klappt wo und warum?

 NRW-Ministerin Löhrmann erklärte, dass man künftig konkreter wissen wolle, was warum gut funktioniere. Sie verwies auf die künftige Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring, welches die KMK in Berlin beschließen wolle. Mithilfe des Bildungsmonitorings gelte es Fragen zu beantworten, etwa: „Warum schneiden manche Bundesländer in manchen Bereichen besser ab, und was können die anderen daraus lernen?“, erläuterte sie.

Gute Praxis in die Fläche bringen

Ziel sei überdies, die „vorhandene gute Praxis in die Fläche“ zu bringen, sagte Löhrmann. Nordrhein-Westfalen sehe sie dabei bereits auf gutem Weg: „Wir haben die Qualitätsanalyse weiterentwickelt und den Referenzrahmen Schulqualität erarbeitet, damit greifen wir in NRW die Ziele der neuen Gesamtstrategie bereits auf.“ Diesen Weg wolle sie systematisch weiter fortführen, kündigte Löhrmann an.

Zahl der Top-Abis fast verdoppelt

Die Zahl der Schüler, die in Niedersachsen ihr Abitur mit 1,0 abschließen, hat sich in den vergangenen sieben Jahren fast verdoppelt – ebenso der Anteil an der Zahl aller Abiturienten, der im vergangenen Jahr bei knapp 0,8 Prozent lag. Erreichten im Jahr 2007 noch rund 130 Abiturienten die Traumnote, waren es im vergangenen Jahr bereits rund 250.

Philologenverband warnt vor Entwertung

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, befürchtet eine zunehmende Entwertung des Abiturs . „Generell muss tatsächlich bezweifelt werden, ob heute noch in vielen Fällen hinter der durch das Abitur verliehenen Studienberechtigung auch eine Studienbefähigung steht“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Von wegen Leistungsexplosion

Zu einem „Spiegel“-Bericht über die Häufung von Top-Abiturnoten zwischen 2006 und 2013 sagte der Chef der Lehrergewerkschaft: „Die nachweisbare massive Zunahme von Einser-Schnitten liegt mit Sicherheit nicht daran, dass in Deutschland bei Abiturienten plötzlich eine Leistungsexplosion stattgefunden hat. Die eigentlich Gelackmeierten der Bestnoten-Inflation sind die Spitzenschüler, weil deren Spitzenleistung in der Einser-Schwemme untergeht.“

Kuschelnoten in Thüringen?

Laut „Spiegel“ weicht der Anteil der Einser-Abiturienten in manchen Ländern vom Bundesdurchschnitt ab. So schlossen 2013 in Thüringen 37,8 Prozent aller Kandidaten mit der Eins vor dem Komma ab, in Niedersachsen indes nur 15,6 Prozent.

Thema bei den Kultusministern

Auch die KMK wird sich mit diesem Thema befassen. Ziel soll eine stärkere Vereinheitlichung von Abituraufgaben zwischen den Ländern sein. (Mit dpa)