Harter Wettbewerb um Pfleger Fachkräftemangel: Kopfgeld für Pflegekräfte

Von Dirk Fisser | 08.10.2013, 13:00 Uhr

Der Mangel an Pflege-Fachkräften in Niedersachsen sorgt für ein regelrechtes Wettbieten der Arbeitgeber. Von Kopfgeld-Angeboten, Dienstwagen-Versprechungen und anderen Lockmitteln wird berichtet. Am grundsätzlichen Problem ändert das aber nichts.

Wie ernst die Situation ist, verdeutlicht der Blick in die Statistik der Arbeitsagentur. Auf 387 ausgebildete Altenpfleger kamen demnach im September 1021 offene Stellen in Niedersachsen. „Bei so einem Verhältnis kann man tatsächlich von einem Fachkräftemangel sprechen“, heißt es bei der Arbeitsagentur in Hannover. Gleiches Bild im Agenturbezirk Osnabrück: 19 Arbeitssuchende, 65 offene Stellen. 120 Tage mussten die Unternehmen im Schnitt warten, bis sie Posten besetzen konnten.

Examinierte Altenpfleger sind heiß begehrte Fachleute. „Die Pflegekräfte bestimmen mittlerweile den Preis“, ächzt Henning Steinhoff, Leiter der Landesgeschäftsstelle des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste ( bpa ). Beim bpa sind rund 1000 private Pflegeanbieter organisiert. Sie alle eint ein Problem: der Fachkräftemangel . „Der Vorwurf des Lohndumpings in der Pflegebranche ist irrsinnig. Jeder weiß: Ist das Angebot knapp, steigt auch der Preis“, so Steinhoff.

Politik, Lobbyisten und Forschung sind sich einig: Entschärft werden kann die Lage nur dann, wenn die Pflegesätze in Niedersachsen steigen. Diese sind nirgendwo anders im Westen Deutschlands so gering. Doch selbst hier zeigen sich große Unterschiede, wie eine Anfrage bei der AOK zeigt.

Für einen Beispielpatienten der Pflegestufe zwei in einer vollstationären Pflegeeinrichtung erhält das Unternehmen im Landesschnitt etwa 55 Euro pro Tag. Drei Euro weniger sind es im Durchschnitt im Landkreis Aurich, die Kreise Leer, Emsland und Grafschaft Bentheim liegen knapp über dem Schnitt. Deutlich drüber Landkreis und Stadt Osnabrück mit 62 beziehungsweise 64 Euro. Hinzu kommen jeweils zweistellige Beträge für die Unterkunft und etwa fünf Euro für die Verpflegung.

Die Sätze müssen die Einrichtungen jeweils eigenständig mit den Kassen, Kommunen und Kostenträgern aushandeln. Entsprechend ihren Kostenstrukturen gibt es dann Geld. Bereits jetzt sei eine Refinanzierung der Personalkosten über den Pflegesatz nicht mehr möglich, klagt Verbandsvertreter Steinhoff.

Nicht nur nach seiner Ansicht müssen die Pflegesätze steigen. Nur so könnten auch die Gehälter für Pflege-Fachkräfte anziehen, schlussfolgerte etwa ein Sprecher des Sozialministeriums in Niedersachsen. „Die Löhne sind ganz klar zu niedrig“, stimmt ihm Professorin Hildegard Theobald von der Universität Vechta zu. Eine Verbesserung sei aber nur herbeizuführen, wenn das System über mehr Geld verfüge. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Pflegeversicherung in Zukunft teurer wird“, prognostiziert die Wissenschaftlerin.

Doch Geld allein sei kein Allheilmittel. Die Attraktivität der Pflegeberufe müsse gesteigert werden. Gerade erst hat Theobald eine vergleichende Untersuchung der Situation von Pflegekräften in Schweden und Deutschland fertiggestellt. Ihr Ergebnis: Ein großes Problem der hiesigen Branche sei die mangelnde Kontinuität. Viel zu schnell würden Fachkräfte wieder aus den Unternehmen ausscheiden. Etwa weil angesichts der Arbeitszeiten kein Raum für die Familie bleibe.

Die Caritas in der Diözese Osnabrück – mit 56 Altenheimen Marktführer in der Region – versuche genau das zu beherzigen, sagt Pflegebereichsleiterin Ute Sommer. Zudem würden weitere Anreize wie Fortbildungen oder Gesundheitsförderung vorgehalten.

Und was ist mit der Personalsuche im Ausland? Die Caritas habe in Polen geschaut, sagt Sommer. Doch der Versuch sei erfolglos abgebrochen worden. Das Interesse sei nicht besonders groß gewesen. Für Verbandsvertreter Steinhoff ist die Zuwanderung nur „ein zartes Pflänzchen“. Zu groß seien die bürokratischen Hürden. Und nicht zu vergessen: Wer beispielsweise die Angebote der Arbeitsagentur nutzt, muss laut Steinhoff 7000 Euro für die Vermittlung zahlen. Plus Flug und weitere Kosten. Gerade kleine Pflegedienste könnten sich das oftmals nicht leisten.